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"Der Weber-Rücktritt erinnert an Hape Kerkeling"

Der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, glaubt, der Grund für den Rückzug des Bundesbankchefs sei fehlende Dankbarkeit.

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Morgenpost Online: Herr Walter, der Abgang von Bundesbank-Präsident Axel Weber und sein Verzicht auf eine Kandidatur als EZB-Präsident hat viele überrascht. Sie auch?

Norbert Walter: Überrascht schon, aber seine Entscheidung passte zu den Rücktritten der jüngeren Vergangenheit, denken Sie nur an Horst Köhler. Ich habe den Eindruck, unsere Gesellschaft frönt dem Motto von Hape Kerkeling: „Ich bin dann mal weg.“ Ich möchte nicht romantisch erscheinen, aber ich finde es bedauerlich, dass so vieles von dem, was unter dem Begriff Pflicht verstanden wird, verloren gegangen ist.

Morgenpost Online: Woran liegt das?

Walter: Am Zeitgeist. Wir sind eine Gesellschaft geworden, in der Treue nicht mehr den Rang hat, den sie viele Jahrhunderte lang hatte. Dank für pflichtbewusste Leistungen findet auch nicht mehr statt. Und das führt dazu, dass diejenigen, die sich wie Weber einem hohen Arbeitsleid aussetzen, schnell die Brocken hinwerfen.

Morgenpost Online: Weber hat das Handtuch geworfen, weil ihm nicht genug gedankt wurde?

Walter: Er hat drei Jahre wie ein Berserker arbeiten müssen, um das Finanzsystem dieser Nation über Wasser zu halten. In diesem Prozess hat er nicht viel Unterstützung bekommen – nicht in professioneller Hinsicht und nicht emotional. Weber war der einzige, der immer da war, immer kompetent war und seinen Buckel hingehalten hat. Als es keinen sichtbaren Dank dafür gab, wurde er wohl unsicher, ob er seiner Aufgabe, ob er diesem Land nachhaltig dienen kann.

Morgenpost Online: Weber selbst hat seinen Rückzug damit begründet, dass er mit seinen Anti-Inflations-Positionen im EZB-Rat keine Mehrheit gehabt hätte.

Walter: Ich teile die Begründung in der Sache nicht. Ich glaube, im EZB-Rat wird die deutsche Position einer stabilitätsorientierten Geldpolitik überwiegend geteilt, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Wenn jemand wie Weber dann die Chance hat, etwas so Bedeutendes wie die EZB zu gestalten, und wenn dieses Ziel mit Händen zu greifen ist, sollte man diese Chance nicht vertun.

Morgenpost Online: In der Frage, ob die EZB Staatsanleihen aufkaufen solle, war Weber im Rat aber ziemlich isoliert.

Walter: Weber hat in dieser Frage absolut richtig gehandelt. Stellen Sie sich vor, der deutsche Zentralbankchef hätte damals nicht die orthodoxe, deutsche Position vertreten. Das hätte den europäischen Integrationsprozess gefährdet, weil Risiken bestanden hätten, die Zustimmung der deutschen Bürger für Europa zu verlieren. Darüber hinaus haben viele EZB-Ratsmitglieder, die damals mit Ja gestimmt haben, bei dieser Entscheidung Bauchschmerzen gehabt. Dies hätte Weber als Präsident nutzen können, um Koalitionen zu schmieden.

Morgenpost Online: Droht der Notenbank eine Debatte, dass nun die Weichwährungspolitiker das Sagen haben?

Walter: Diese Debatte läuft ja bereits. Die Anleger sind verunsichert wie ein scheues Reh. Das liegt aber auch daran, dass die Öffentlichkeit nicht gut informiert ist. In der EZB sind die Weichwährungspolitiker nicht in der Mehrheit. Die Bürger brauchen sich keine Sorgen um Inflation zu machen. Dieses Jahr könnte die Preisteuerung zwar eine Weile über zwei Prozent liegen. Aber je näher 2012 rückt, desto stärker wird sich die Inflationsrate abkühlen und unter zwei Prozent fallen.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass ein Deutscher noch EZB-Präsident werden kann?

Walter: Das kann ich mir kaum vorstellen. Ich wünsche mir für Europa, dass Mario Draghi Präsident wird. Er wäre die ideale Besetzung. Er hat eine brillante Ausbildung, keiner der anderen Kandidaten hat eine vergleichbare Biografie. Er kennt die Finanzmärkte, er kennt das regulatorische Umfeld. Auf diesem Gebiet hat er als Chef des Finanzstabilitätsrates Herausragendes geleistet.

Morgenpost Online: Gegen ihn spricht, dass er als Italiener aus einem europäischen Weichwährungsland kommt.

Walter: Na und? Hätte man den Deutschen vor Gründung der EZB gesagt, dass die Notenbank in ihrer Anfangsphase von einem Franzosen und einem Griechen geleitet wird, hätten sie wohl all ihr Geld in Grundstücke oder Gold verwandelt. Offenkundig hat die EZB aber auch diese Zweifel verkraftet und durch überzeugende Politik Reputation gewonnen.

Morgenpost Online: Welchen geldpolitischen Kurs würde Draghi fahren?

Walter: Ich bin überzeugt, Draghi ist jemand, der uneingeschränkt für eine stabilitätsorientierte Geldpolitik eintritt und der im Amt sehr schnell die gleiche Glaubwürdigkeit erlangen würde wie Trichet.

Morgenpost Online: Die Bundesbank hat seit Mittwoch einen neuen Chef, Jens Weidmann. Was halten Sie von ihm?

Walter: Die Entscheidung überrascht, Weidmann ist noch recht jung und unbekannt. Er ist aber unzweifelhaft eine gute Wahl, fachkundig, sozial kompetent. Seine Erfahrung muss er jetzt im Amt sammeln, aber ein guter Mann kann das.

Morgenpost Online: Die letzten Einzelhandelszahlen im Dezember waren überraschend schlecht. Droht der Konsumaufschwung in Deutschland auszufallen?

Walter: Ich konnte schon mit den schwachen Novemberzahlen nichts anfangen. Sie passen nicht zu den sonstigen Daten und Umfragen. Ich halte die Zahlen für nicht verlässlich. Ich glaube, wir werden 2011 nochmals einen guten Zuwachs im Einzelhandel und im privaten Konsum sehen. Meine Sorge gilt 2012. Das nächste Jahr wird kritisch. Das wird aber nicht an einem Konsumeinbruch liegen, sondern an zurückgehenden Exporten in die Peripherie-Staaten der Eurozone, weil die Länder dort sparen müssen. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sind die USA. Wenn die US-Notenbank weiter die Geldschleusen so offen lässt, fällt der Dollar. Dann steigt der Euro, was die Exporte in Länder außerhalb der Eurozone verteuert. Kommt der Anstieg zur falschen Zeit, könnte 2012 richtig schiefgehen.

Morgenpost Online: Könnten auch zu hohe Lohnabschlüsse den Aufschwung gefährden?

Walter: Drei Prozent nominale Lohnsteigerung halte ich im Durchschnitt für in Ordnung. In Funktionen, in denen viele Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, wären drei Prozent mehr Lohn zu viel. In Bereichen, in denen Fachkräftemangel herrscht, sind auch deutlich mehr als drei Prozent drin. Allerdings finden die meisten Lohnverhandlungen 2012 statt. Ich vermute, wir werden dann nicht mehr in der guten Stimmung sein, in der wir zurzeit sind. Das könnte die Lohnabschlüsse dämpfen.

Morgenpost Online: Wird sich die Euro-Krise Ihrer Ansicht nach beruhigen?

Walter: Die weitere Entwicklung des Eurokurses hängt davon ab, wie die Sparer der Welt die USA einschätzen. Ich bin verblüfft, dass die Einschätzungen nicht negativer sind. Das Schuldenproblem in den USA ist größer als in Europa. Wenn Sie mich fragen, ob sich die europäischen Finanzmärkte in der Gesundungsphase befinden, muss ich Ihnen allerdings auch eine negative Antwort geben.

Morgenpost Online: Warum?

Walter: Wir haben viele ungelöste Probleme im Bankensektor: in Irland, in Portugal. In Spanien sind die Cajas ein bisschen zu dem geworden, was die Landesbanken hierzulande sind, sie sind völlig überdimensioniert. Auch die Deutsche Bankenlandschaft ist nicht saniert. Bei der WestLB haben wir ja gerade gesehen, dass es kein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Zukunft gibt. Auch bei den Privatbanken ist noch längst nicht alles in trockenen Tüchern. Die Risiken sind hoch, die nächste Bankenkrise könnte kommen.

Morgenpost Online: Was wären die Folgen?

Walter: Der Staat müsste den Banken nochmals Eigenkapital zur Verfügung stellen. Das würde Politik, Banken und Bürger vor eine weitere Zerreißprobe stellen. Der Druck auf die Regierungen, weitere Einschnitte vorzunehmen, würde größer.

Morgenpost Online: Deutschland will mit einem Pakt für Wettbewerbsfähigkeit die Eurozone stärker koordinieren. Eine gute Idee?

Walter: Man muss den Wettbewerb nicht in jeder Frage als beste Lösung ansehen, aber die jetzigen „Planification“-Pläne aus Berlin und Paris sind nicht das, was Europa braucht. Europa sollte sich ein Vorbild an den Schweizern nehmen. Sie haben die richtige Mischung aus Gestaltungskompetenz durch Bund und Kantone. Die Kantone haben unterschiedliche Einkommensteuersätze, aber sie haben verstanden, dass sie Kapital nicht unterschiedlich besteuern dürfen, weil sonst das Geschäft dort stattfindet, wo die Steuern am niedrigsten sind. Europa braucht mehr Angleichung, aber bitte nur da, wo es nötig ist, etwa bei den Verbrauchssteuern. Das Glück darf jeder auf seine Weise suchen, aber er darf dabei andere nicht systematisch belasten. Wenn das verstanden wird, ist schon viel gewonnen.