Nach GDL-Warnstreik

Berlinern droht Streik-Frühling im Bahnverkehr

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Andreas Gandzior und Andrea Kolpatzik
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Lokführerstreik bremst Berliner Nahverkehr

Auch in Berlin und Brandenburg sind am Freitagvormittag viele Züge wegen eines dreistündigen Warnstreiks der Lokführergewerkschaft GDL ausgefallen. Das große Chaos blieb aber aus.

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Zum dritten Mal in nur knapp zwei Wochen haben die Lokführer mit Warnstreiks den Verkehr auf Berlins Schienen erheblich gebremst. Die S-Bahn blieb dieses Mal verschont. Doch die GDL droht nun mit einem unbefristeten Streik.

Bahnhof Südkreuz. Wenige Minuten nach 9 Uhr am Freitag. Ein Lokführer blättert in einer Zeitung, der andere blickt durch die verdreckte Windschutzscheibe des Regionalexpress nach Wismar auf die Gleise. Stillstand der Züge auf allen großen Bahnhöfen der Stadt zwischen 8.30 Uhr und 11.30 Uhr. Es ist bereits der dritte Warnstreik innerhalb von elf Tagen. Routine für die Lokführer, Ärger und Wut bei den Fahrgästen. Aber auch Verzweiflung.

Der Blick von Taira Thomas geht hektisch zwischen Handy, Armbanduhr und Anzeigetafel hin und her. „Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll“, sagt sie. Im Gepäck hat sie ihre Praktikumssemesterarbeit. „Die muss bis Punkt 12 Uhr an der Uni in Cottbus sein, sonst wird sie nicht gewertet.“ Fahrgäste quittieren die Bahnhofsansagen mit Kopfschütteln, wieder andere belagern die Servicemitarbeiter der Bahn. Diese haben alle Hände voll zu tun. Sie werden umringt von wartenden und fragenden Passagieren.

S-Bahn vom Streik nicht betroffen

Nach Angaben der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) sind bundesweit 75 Prozent aller Züge ausgefallen. Auch in der Region sei es zu massiven Einschränkungen im Zugverkehr gekommen, bestätigt am Nachmittag der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Der Streik hat vor allem die Fahrgäste der Bahntochter DB Regio getroffen. „Im gesamten Netz sind Züge ausgefallen oder haben sich erheblich verspätet“, sagt eine VBB-Sprecherin. Bei der privaten Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg) werden einzelne Züge ebenfalls bestreikt. Zwischen Schöneweide und Königs Wusterhausen steht der Odeg-Verkehr drei Stunden lang still. Fahrgäste müssen auf die S-Bahn ausweichen. Auf anderen Linien in Brandenburg setzt das Unternehmen Ersatzbusse ein. Die Berliner S-Bahn wird mit Rücksicht auf das ohnehin ausgedünnte Angebot wie angekündigt nicht bestreikt. Auch die Züge der privaten Eisenbahn-Unternehmen Niederbarnimer Eisenbahn und Prignitzer Eisenbahn fahren an diesem dritten Streiktag planmäßig.

Viele Fahrgäste befürchten indes, dass das erst der Auftakt eines langen Streik-Frühlings im Bahnverkehr sein könnte. Die GDL droht offen mit einer Ausweitung der Aktionen. Am Montag endet die Urabstimmung der GDL-Lokführer über einen unbefristeten Arbeitskampf. Die Gewerkschaft rechnet mit großer Zustimmung. Bereits am Freitag kündigt GDL-Landeschef Frank Nachtigall an, dass bei künftigen Streiks auch die S-Bahn wieder betroffen sein könnte. Die Deutsche Bahn appelliert an die Gewerkschaft, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Einfacher dürfte die Situation in dem Tarifkonflikt allerdings nicht werden. Die sechs großen Privatbahnunternehmen kündigen ihre Verhandlungs-Allianz auf. Nun muss die GDL mit jedem einzelnen Unternehmen eine Einigung finden.

Am Hauptbahnhof sitzt Schauspieler Claus Wilcke fest. „Alle Lokführer sollten das gleiche verdienen“, sagt er. Es sei doch egal, für welches Unternehmen sie Passagiere transportieren. Die Verantwortung und die Anforderungen seien gleich groß. Wilcke kommt von Dreharbeiten aus Rostock und ist auf dem Weg zu Synchronarbeiten nach München. „Den Termin kann ich heute nicht mehr einhalten. Hauptsache, es kommt demnächst zu einer Einigung.“

Falsche Auskunft auf Bahnhotline

Wütend auf die Bahn, nicht auf die Lokführer, ist Tanja Larysch. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen muss sie zu einer Schulung nach Bremen. „Als ich vom Streik gehört hatte, habe ich die Hotline der Bahn angerufen“, berichtet sie. „Trotz Angabe der Zugnummer und der Abfahrzeit wurde mir am Telefon bestätigt, dass unser Zug pünktlich fährt. Und jetzt warten wir hier.“

Auf dem Bahnhof Alexanderplatz und auf dem Ostbahnhof das gleiche Stimmungsbild: Wut, Ärger und manchmal auch Verständnis. Es sind vor allem Urlauber oder Rentner, die sich nach Reisealternativen am Servicepoint erkundigen. Und die sind tief entspannt. „Was soll ich mich aufregen? Ändern kann ich es doch eh nicht“, sagt Christa Sage. Die 63 Jahre alte Rentnerin hat es von Eisenhüttenstadt immerhin nach Berlin geschafft. Am Vormittag soll es mit dem Regionalexpress weiter nach Rathenow gehen – wenn die Züge dann wieder fahren.

Bei zwei Stunden Wartezeit und vagen Auskünften des Bahnpersonals steigt aber auch schon mal der Blutdruck. Gisela Grambo ist sauer. Sie hat sich auf ein verlängertes Wochenende in Köln gefreut.

„Ich weiß nicht, ob ich es heute überhaupt noch nach Köln schaffe“, sagt sie und blickt auf die Anzeigetafel. Ihr ICE hat zwei Stunden Verspätung. „Hier sagt einem ja keiner was Genaues“, ärgert sie sich über die Informationspolitik der Deutschen Bahn. Darüber tröstet auch kein Kaffee hinweg; den von einer Bahnmitarbeiterin angebotenen Verzehrgutschein lehnt sie ab. „Nee, danach ist mir jetzt wirklich nicht.“ Auf Verständnis können die Lokführer hier nicht hoffen.

Ab 11.30 Uhr setzen sich die Züge wieder in Bewegung. Das ganz große Chaos auf den Bahnhöfen und in den Zügen ist ausgeblieben. Viele Berufspendler und Reisende hatten sich auf die Situation eingestellt. Nach Angaben einer Bahnsprecherin habe sich die Lage am frühen Abend wieder normalisiert und für heute würden keine weiteren Auswirkungen des Streiks erwartet.