Autokonzern Daimler

Smart-Chefin sorgt sich um die Rechte der Männer

| Lesedauer: 8 Minuten
Nikolaus Doll

Foto: dpa

Annette Winkler arbeitet in einer absoluten Männer-Domäne. Doch eine Frauenquote hat die Smart-Chefin nicht nötig, um sich durchzusetzen.

Noch vor Beginn der hitzigen Debatte, wie viele Frauen in Toppositionen das Land braucht, hatte Daimler-Chef Zetsche Annette Winkler als Markenchefin von Smart berufen. Die gelernte Industriekauffrau hält nichts von Frauenquoten und sorgt sich, dass am Ende der anhaltenden Geschlechterdebatte Männer benachteiligt werden könnten. Dem schwächelnden Smart will sie mit neuen Modellen und maßgeschneiderter Ausstattung auf die Sprünge helfen.

Morgenpost Online: Frau Winkler, verdrehen Sie jetzt die Augen, wenn wir hier auf dem Genfer Autosalon erst mal über Frauen in Führungspositionen sprechen?

Annette Winkler: Überhaupt nicht. Das Thema hat seine Berechtigung. Frauen sind in Toppositionen weiter unterrepräsentiert, und dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Daran allerdings primär etwas mit Hilfe einer Quote ändern zu wollen, halte ich für einen Fehler. Sinnvoller wäre es, wenn man anfangen würde Frauen dort zu unterstützen, wo sie besonders stark belastet sind. Beispielsweise mit besseren und vor allem mehr Betreuungsplätzen für Kinder, wie wir sie bei Daimler mit unseren Kindertagesstätten anbieten. Und man sollte den jungen Männern bessere Möglichkeiten geben, ihre Frauen zu unterstützen. Es gibt viele junge männliche Führungskräfte, die sich gern mehr um ihre Familie kümmern würden, dafür aber auch das Verständnis ihrer Chefs brauchen.

Morgenpost Online: Wird das Thema Frauen in Topjobs nicht allmählich etwas überstrapaziert?

Winkler: Im Gegenteil, die Diskussion ist notwendig. Wir müssen allerdings dabei auch aufpassen, dass wir wirklich Gleichberechtigung meinen und nicht aus Versehen beginnen, die Männer zu benachteiligen.

Morgenpost Online: War es schwerer für Sie nach oben zu kommen, nur weil Sie eine Frau sind?

Winkler: Keine Ahnung, ich bin ja kein Mann und weiß nicht, ob man es als solcher schwerer hat. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, jemals gebremst worden zu sein, weil ich eine Frau bin.

Morgenpost Online: Sie haben den väterlichen Baubetrieb aufgepäppelt und waren sicher besonders stolz darauf, als Frau auf den Baustellen akzeptiert worden zu sein. Aber ist das in der Autobranche nicht ebenso schwer? Die gilt als absolute Männerdomäne.

Winkler: Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Und ich beobachte, dass die jungen Frauen heute viel selbstbewusster sind als früher. Zwar gibt es immer noch in einigen Bereichen wie zum Beispiel in der Entwicklung nur wenige Frauen, aber das liegt auch daran, dass Frauen einfach seltener den klassischen Ingenieursberuf ergreifen. Um gerade mehr weiblichen Nachwuchs für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern, hat Daimler jetzt das Projekt Genius gestartet. Damit gehen wir in die Schulen und stellen den Ingenieursberuf vor.

Morgenpost Online: Den Smart sollen Sie kräftig aufpolieren. Immerhin ist die Marke Smart nun kein Anhängsel von Mercedes mehr. Was bringt Ihnen das an Bewegungsfreiheit?

Winkler: Smart ist eine eigenständige Marke und wir wollen Smart ein bisschen schneller, ein bisschen frecher entwickeln. Nicht nur als das super praktische Stadtauto, sondern ganz im Sinne seiner damaligen Erfinder: als Vision, als eine große Idee für urbane Mobilität.

Morgenpost Online: Warum lief der Smart in den vergangenen Jahren nicht – betriebswirtschaftlich gesehen? Er passt vom Konzept her doch optimal in die Zeit.

Winkler: Der Smart leistet einen positiven Beitrag zur Geschäftsentwicklung von Mercedes-Benz Cars …

Morgenpost Online: … jeder weiß, dass er kein Gewinnbringer ist.


Winkler: Es gibt viele Märkte, in denen der Smart erfolgreich ist. Schauen sie sich das jüngste Plus beim Marktanteil in Deutschland an – Smart ist im Februar im zwölften Monat in Folge Segmentführer. Oder die Entwicklung in China, wie schnell der Smart dort ein begehrtes Lifestyle-Produkt geworden ist.

Morgenpost Online: In den USA …

Winkler: …ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen. Fakt ist, dass der Smart in den USA zu Beginn unsere Erwartungen absolut übertroffen hat. Wir haben im ersten Jahr über 24.000 Fahrzeuge verkauft. Dann kam die Krise, und sinkende Spritpreise. Wir haben viele Ideen, wie wir es auch in den USA schaffen werden, Smart als Lifestyle-Marke zu stärken. Dann ist es realistisch, unsere Verkäufe dort zu stabilisieren und das ist mein klares Ziel.

Morgenpost Online: 2009, dem Jahr der Abwrackprämien in Europa, den USA und China, sind die Absatzzahlen bei Smart um insgesamt 13,2 Prozent zurückgegangen. Wie kommt das?

Winkler: Vergangenes Jahr haben wir unseren Marktanteil in diesem Segment insgesamt gesteigert. Aber wenn der gesamte Markt wie 2009 geschehen, wegbricht, dann hat es auch Smart schwer. Der Smart ist für viele das ideale Zweit- oder Drittauto. Daran wird aber in Krisenzeiten oft gespart.

Morgenpost Online: Die Krise ist mittlerweile vorbei. Welche Absatzziele haben Sie sich jetzt gesetzt?

Winkler: 90.000 plus X – das ist durchaus respektabel, gemessen am Lifecycle des Fahrzeugs.

Morgenpost Online: Neuer Erfolg soll durch neue Modelle kommen, einen Zwei- und einen Viersitzer. Aber den Smart gab es bereits einmal in mehreren Ausführungen, als Roadster und den Forfour. Das hatte nichts gebracht. Was ist diesmal anders?

Winkler: Es gab damals eine ganze Reihe von Gründen, warum der Viersitzer nicht richtig gelaufen ist. Heute zum Beispiel ist der Forfour ein sehr gefragtes Gebrauchtfahrzeug. Und jetzt ist die Zeit erst so richtig reif für die Marke Smart.

Morgenpost Online: Managementfehler wurden nicht gemacht?

Winkler: Der damalige Viersitzer konnte sich nicht deutlich genug von seinen Wettbewerbern unterscheiden. Ein Smart muss immer etwas Einmaliges bieten – das werden wir beim nächsten Modell entsprechend umsetzen.

Morgenpost Online: Zum Erfolg des Smart soll jetzt die Kooperation von Daimler mit Renault beitragen. Was bringen die Franzosen für eine gedeihliche Liaison mit?

Winkler: Beide Partner haben den unbedingten Willen zum Erfolg. Beide Partner können erhebliche Skaleneffekte realisieren. Beide Partner partizipieren am Know-how des anderen: So ist Renault zum Beispiel absoluter Experte im Kleinwagenbereich, wir bringen das raumsparende Heckmotorkonzept mit. Diese Allianz passt in allen Bereichen.

Morgenpost Online: Die neuen Modelle kommen voraussichtlich erst 2014, wie überwinden Sie die Durststrecke?

Winkler: Im kommenden Jahr kommt der Smart als Elektroauto in Serienfertigung mit fünfstelligen Zahlen. Außerdem ist Smart Vorreiter bei alternativen Mobilitätskonzepten: Mit Car2Go bieten wir die Möglichkeit, Autos in der Stadt anzumieten, wann und wo Sie wollen. Das bauen wir aus, nach Ulm und Austin in Texas kommen wir jetzt mit Car2Go nach Hamburg. Und in diesem Jahr kommt noch jeweils eine Metropole in Europa und Nordamerika hinzu. Zusätzlich setzen wir mit ,Smart Barbus Tailor Made“ auf unbegrenzte und höchstflexible Individualisierung. Wir bieten Ausstattung und Gestaltung nach jedem Geschmack. Alles ist denkbar.

Morgenpost Online: Im nächsten Jahr kommt der Elektrosmart, auch in den USA, China oder Brasilien. Sehen Sie dort die größten Märkte?

Winkler: Das hängt von vielen Faktoren ab wie dem schnellen Aufbau von Infrastruktur oder Förderungskonzepten. Die Elektromobilität wird die urbane Zukunft maßgeblich prägen, davon sind wir überzeugt. Und da ist es gut, dass wir in der Poleposition stehen..

Morgenpost Online: Ist es nicht noch schwerer geworden, den Smart zum Laufen zu bringen? Jetzt hat Audi den A1, BMW eine ganze Mini-Reihe, Fiat den neuen 500er.

Winkler: Das muss man sportlich sehen. Wenn das Segment wächst, bestätigt das einerseits unsere Vision, andererseits schaffen weitere Wettbewerber auch zusätzliche Nachfrage. Und mit dem Mini, der aufgrund seiner Größe in einem anderen Segment spielt, liefern wir uns in Deutschland ein Kopf-an-Kopf-Rennen.