Genfer Autosalon

Chinesen überspringen 125 Jahre Automobilbau

Der chinesische Autobauer BYD will 2025 Weltmarktführer sein. Die Chinesen setzen von Anfang an nur auf Elektroautos im Mittelklasseformat.

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In Wolfsburg und im chinesischen Shenzhen sitzen zwei Manager, die nicht unterschiedlicher sein könnten, und die doch etwas teilen: einen Traum. Beide wollen mit ihren Unternehmen ganz nach oben. Der eine ist Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn, der andere Wang Chuanfu, Chairman des chinesischen Autobauers BYD. Im Jahr 2018 ist Volkswagen der größte Automobilhersteller der Welt, so lautet das Ziel Winterkorns. Glaubt man den Emissären, die Wang zum Automobilsalon nach Genf geschickt hat, werden sich die Wolfsburger aber allenfalls kurz an der Spitze halten können. „2025 sind wir weltweit in der Branche die Nummer eins“, sagt BYD-Manager Paul Lin in Genf.

Lin lächelt nicht bei dieser Ankündigung. Er gibt sich sehr selbstsicher. „Wir schaffen das. 2015 sind wir erst einmal Marktführer in China.“ Und China hat jüngst immerhin die Vereinigten Staaten als wichtigsten Automarkt der Welt abgelöst.

Die Versuchung ist groß, die großen Worte der BYD-Manager als Kraftmeierei abzutun – gerade in Genf. Dort geht der Auftritt des chinesischen Autobauers neben den riesigen Ständen von Daimler oder BMW beinahe unter. Mit mächtigen Anlagen, Lichtshows, lauter Musik und natürlich jeder Menge Autos dominieren die Deutschen die westliche Messehalle. Verglichen damit schrumpfen die wenigen, bescheidenen Waben der Chinesen mit den halbhohen Sichtwänden auf Bauchladen-Dimension.

Aber dennoch ist dort jede Menge los. Für Formalitäten und Begrüßungsrituale haben Lin und seine Kollegen keine Zeit. Denn die Schlangen der Fachleute aus der ganzen Welt, die wissen wollen, was BYD vorhat, sind lang. Die chinesischen Manager müssen viel erklären – vor allem, wie die wenig glänzende Wirklichkeit des Autobauers zu den Träumen des starken Mannes Wang Chuanfu passt.

Während die deutschen Hersteller die Absatzkrise hinter sich gelassen haben und wieder Rekordergebnisse vermelden, stottert der Motor bei BYD erheblich. 800000 Autos wollte der Konzern mit Sitz in der Sonderwirtschaftszone nahe Hongkong 2010 verkaufen. „Erreicht wurden 520000. Die Nachfrage hat sich nicht so entwickelt, wie wir das erwartet hatten“, räumt Lin, Marketing-Manager bei BYD, ein. Ein Grund dafür dürfte sein, dass das Abwrackprämien-Programm in China ausgelaufen ist. BYD verkauft seine Autos überwiegend auf dem Heimatmarkt sowie in anderen Ländern Asiens, im Mittleren Osten und in Afrika.

Dazu kam ein Rückschlag in einem anderen Markt, der für die Branche entscheidend ist: in den USA. Dort sollten eigentlich seit knapp einem halben Jahr die ersten Elektroautos von BYD bei den Händlern sein. Doch die Chinesen haben den Markteinstieg nicht geschafft. Auch der zu Hause geplante Börsengang, der dem Unternehmen frisches Kapital für die gewaltigen Investitionen zur Entwicklung von Elektroautos in die Kasse bringen soll, kommt auch eher schleppend voran: „Wir peilen das jetzt für den Lauf dieses Jahres an“, sagt Paul Lin.

Doch es wäre ein Fehler, BYD angesichts der Rückschläge zu unterschätzen. Die Chinesen haben das Zeug, künftig zumindest unter den Top 5 der Branche mitzuspielen. BYD ist erst 2003 in das Geschäft eingestiegen, kaum ein anderer Automobilhersteller hat in den vergangenen Jahren ein vergleichbares Tempo beim Wachstum hingelegt. BYD ist bereits gut vernetzt, der Konzern kooperiert mit Volkswagen und hat ein Gemeinschaftsunternehmen mit Daimler gegründet, das Batterieautos auf den Markt bringen soll.

Entscheidend ist aber, dass der im Perlfluss-Delta beheimatete Konzern gerade in der entscheidenden Zukunftstechnologie wohl stärker ist als alle anderen in der Branche: der Batterietechnik. BYD hat als Batteriehersteller angefangen, seit 1995 investiert das Unternehmen in die Entwicklung moderner Speichertechnik. Als Anbieter von Handybatterien ist BYD schon lange gut im Geschäft. Die Erfahrungen auf dem Gebiet können die Chinesen nun gut für die Entwicklung der Elektromobilität bei Autos nutzen.

Auf dem riesigen chinesischen Markt ist BYD bereits ein Schwergewicht und nach eigenen Angaben beim Absatz von Pkw die Nummer zwei. Mit den ebenfalls chinesischen Anbietern Geely und Cherry teilt sich BYD die Pole-Position der heimischen Hersteller in China. Anders als die Konkurrenten aus dem eigenen Land nimmt BYD nun Kurs auf die Auslandsmärkte. Im Frühjahr 2012 soll endlich der Markteinstieg in den USA gelingen. „Im vierten Quartal 2012 werden wir auch in Europa das erste Elektroauto auf den Markt bringen“, kündigt Paul Lin an.

In welchem Land BYD als erstes antritt, steht noch nicht fest. „Wir werden zuerst in Westeuropa aktiv sein. Wo genau, hängt unter anderem davon ab, welche staatlichen Prämien es dann in den jeweiligen Ländern gibt.“ In der Schweiz und den Niederlanden hat BYD bereits Vereinbarungen mit Händlern getroffen. „In Deutschland und Frankreich schauen wir uns derzeit um“, sagt Lin.

In den USA wollen die Chinesen zu Beginn zwei oder drei Modelle mit Elektroantrieb verkaufen, in Europa zumindest den E6, der auch auf dem Autosalon in Genf gezeigt wurde. Die Entscheidung, zuerst in die USA und erst dann nach Europa zu gehen, hat einen schlichten Grund: „Die USA sind ein großer Markt, auf dem flächendeckend eine Prämie beim Kauf von Elektroautos gezahlt wird. In Europa ist das von Land zu Land unterschiedlich“, sagt Marketing-Manager Lin. Zudem sei der Marktzugang in Amerika leichter als in Europa: „Die US-Kunden sind offener für neue Marken, die Europäer eher traditionell.“

Fachleute, die den BYD-Stand in Genf verlassen, schwanken zwischen Anerkennung und Zweifel. Gerade in Deutschland ist der Versuch des chinesischen Herstellers Brilliance unvergessen. Dieser erlebte vor wenigen Jahren mit dem Modell Landwind ein Desaster, nachdem katastrophale Ergebnisse von Crashtests veröffentlicht worden waren. BYD hat die Lehren aus dem Rückschlag von Brilliance gezogen – sagt Marketing-Manager Lin. „Die waren damals einfach noch nicht so weit. Wir sind besser vorbereitet und agieren längst nicht so aggressiv auf den Märkten.“

Zumindest hat sich BYD für die Expansion in den USA und Europa überschaubare Ziele gesetzt und konzentriert sich dabei auf die eigenen Stärken. „Wir werden dort nur Elektroautos und Hybridmodelle verkaufen, also keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor“, kündigt Lin an. Vom Premiumgeschäft lassen die Chinesen ebenfalls die Finger, einen Geländewagen vergleichbar dem Landwind wird es nicht geben. „Das ist nicht unsere Liga. Wir setzen vorerst auf Volumen“, sagt Lin.

Bleibt die Frage, woher die Chinesen ihren Optimismus nehmen, 2012 mit Elektroautos in Europa punkten zu können. Peugeot-Citroën bietet seit Dezember vergangenen Jahres zwei Elektromobile an, 2012 zieht das Gros der deutschen Autohersteller mit ersten eigenen Angeboten nach. Die Konkurrenz ist also groß. Doch BYD will mit seinen Elektroautos ein nach Meinung der Chinesen entscheidendes Marktsegment besetzen: „Der E6 mit Elektroantrieb, den wir 2012 in Europa bringen, ist eine ausgewachsene Limousine mit fünf Sitzen“, sagt Lin. Die Chinesen setzen beim Elektroauto also auf ein Fahrzeug, das durchaus als Dienstwagen taugen könnte oder als Familienauto und mehr sein soll als ein Zweitwagen für die Stadt. Die Elektroautos, die derzeit zu kaufen sind und die Mehrzahl derer, die 2012 auf den Markt kommen, sind hingegen überwiegend Kleinwagen.

Mit diesem Programm wollen die Chinesen endlich eine feste Größe in Europa und den USA werden. Und dass es Firmenchef Wang nicht reicht, nur vom Erfolg zu träumen, sagt schon der Firmenname: BYD steht für „Build your Dreams – Mach deine Träume wahr“.