Preisexplosion

Die Libyen-Krise erreicht die deutschen Tankstellen

Diesel über 1,40 Euro, Super für 1,50 Euro: Die Libyen-Krise lässt die Spritpreise rasant steigen. Die Wirtschaft fürchtet Kosten von 15 Milliarden Euro.

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Deutsche Autofahrer müssen jetzt für den Anstieg der Ölpreise als Folge der Libyen-Krise bezahlen. Der Durchschnittspreis für einen Liter Superbenzin stieg am Mittwoch auf über 1,50 Euro. Diesel kostete nach Angaben aus der Mineralölindustrie im Schnitt sogar 1,40 Euro. Damit lag Diesel auf dem höchsten Niveau seit mehr als zwei Jahren. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der für Europa wichtigsten Sorte Brent lag in London weiter bei 107 Dollar, dem höchsten Preis seit mindestens zweieinhalb Jahren.

„Die Lage im Nahen Osten und Nordafrika verunsichert die Ölmärkte, außerdem stützt die gute Wirtschaftsentwicklung in den Schwellenländern vor allem die Nachfrage nach Diesel“, sagte Aral-Sprecher Detlef Brandenburg. Laut ADAC wurde Benzin im Vergleich zur Vorwoche 2,8 Cent teurer, Diesel 0,5 Cent. Der Spritpreis hänge eben stark vom Rohöl ab, sagte ein ADAC-Sprecher. Die Lage in Libyen und die Sorge um Lieferausfälle beim Rohöl wirke sich auf den Preis aus, einfach „weil die Märkte nervös reagieren“. Es seien aber „nicht zwingend rekordverdächtige Benzinpreise“ zu erwarten, sagte der Sprecher. Auch Engpässe werde es nicht geben, Deutschland könne Rohöl leicht in anderen Ländern beschaffen. Nur vergleichsweise bescheidene acht Prozent der deutschen Erdölimporte kommen aus Libyen.

Die Einschätzung teilt auch Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst (EID) in Hamburg. „Die Reserven an Rohöl und Ölprodukten sind in Europa und den USA so gut gefüllt wie seit Jahren nicht mehr“, sagte Wiek der „Welt“. Auch verfüge Saudi-Arabien derzeit über vergleichsweise große freie Produktionskapazitäten, mit deren Hilfe man einen Ausfall libyscher Öllieferungen schnell ausgleichen könne, sagte der EID-Chefredakteur: „Die Versorgungslage ist gut.“

Die großen europäischen Energiekonzerne Eni, OMV und Repsol haben ihre Ölförderung in Libyen inzwischen gestoppt. Die italienische Eni ist mit 244.000 Barrel für ein Viertel der libyschen Ölexporte zuständig. Jetzt machen die Unruhen in Libyen auch der BASF-Tochter Wintershall einen Strich durch die Rechnung. Wintershall habe die Ölproduktion von 100.000 Fass am Tag aus Sicherheitsgründen eingestellt, sagte ein Sprecher der Kasseler Öl- und Gastochter. Der Konzern hat 453 Beschäftigte in dem Land und betreibt acht Ölfelder.

Auch Fluggesellschaften befürchten negative Auswirkungen wegen der steigenden Ölpreise. Die hohen Energiekosten könnten dazu führen, dass dieses Jahr ein sehr schwieriges für die Fluggesellschaften werden könnte, sagte der Chef des Branchenverbandes IATA, Giovanni Bisignani, in Tokyo. Ein Teil der Kosten könne zwar über die Treibstoffzuschläge gedeckt werden. Dies sei aber eine „große Belastung für eine Fluggesellschaft“. Andere Luftfahrt-Experten widersprachen dem jedoch: Die meisten Luftfahrtgesellschaften hätten sich mit Hilfe von Finanzmarktprodukten gegen steigende Spritpreise abgesichert. Weil die Weltwirtschaft derzeit wieder anziehe, seien die Aussichten der meisten Airlines sogar ausgesprochen positiv.

Uneins sind auch Wirtschaftsexperten über die Auswirkungen des Ölpreisanstiegs. Der Internationale Währungsfonds (IWF) etwa sieht vorerst keine gravierenden Folgen: „Die Weltwirtschaft kann dem Ölpreisanstieg standhalten, wenn dieser zeitlich befristet ist“, erklärte der stellvertretende IWF-Chef John Lipsky: „Es ist unwahrscheinlich, dass dies die Aussichten für die Weltwirtschaft substanziell verändert.“

Nach einer volkswirtschaftlichen Daumenregel bedeutet ein Ölpreis-Anstieg um zehn Dollar pro Fass in etwa einen Rückgang des globalen Wirtschaftswachstums um 0,5 Prozentpunkte. Allerdings ist ungewiss, ob diese Regel auch diesmal greift. „Volkswirtschaften sind in Bezug auf den Ölpreis empfindlich, aber bislang sind die Werte für Unternehmer- und Verbrauchervertrauen relativ stark“, sagte Michael Lewis von der Deutschen Bank in London. Für die global führende US-Wirtschaft werde ein Wachstum von immerhin 3,8 Prozent in diesem Jahr vorausgesagt. Die Weltwirtschaft werde wohl zum zweiten Mal hintereinander um mehr als vier Prozent zulegen.

Es drohten Mehrkosten in Milliardenhöhe, hieß es allerdings beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). „Bleibt der Ölpreis im Jahresschnitt auf seinem aktuellen Niveau, wäre das ein Anstieg von 30 Prozent verglichen mit 2010“, sagte DIHK-Experte Felix Neugart. „Eine Preissteigerung von einem Prozent kostet die deutsche Wirtschaft etwa eine halbe Milliarde Euro.“ Verharre der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau, wären das im Gesamtjahr also rund 15 Mrd. Euro Mehrkosten. Aber auch energieintensive Unternehmen belaste das – etwa Transportfirmen, die Chemie- und Metallindustrie.

„Einen Teil der höheren Kosten können sie sicher an die Verbraucher weitergeben, der Rest geht zulasten der Gewinnmarge“, sagte Neugart. „Das Geld fehlt dann für Investitionen und Neueinstellungen.“ Der DIHK sieht die Entwicklung in den arabischen Ländern aber auch positiv. „Der Wandlungsprozess birgt auch das Potenzial für langfristige Stabilität in der Region“, sagte Neugart. „Das wiederum bietet Chancen für die deutsche Wirtschaft.“