Energie-Export

Libyen-Krise lässt den Ölpreis explodieren

Der Ölpreis ist auf den höchsten Stand seit rund zweieinhalb Jahren geklettert. Einige Industriestaaten erwägen, ihre Reserven anzuzapfen.

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Die Libyen-Krise lässt den Ölpreis explodieren. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der für Europa wichtigsten Sorte Brent stieg um 1,26 Dollar auf 107 Dollar, den höchsten Preis seit mindestens zweieinhalb Jahren. In Singapur kletterte der Preis für ein Barrel der wichtigsten US-Sorte um 7,34 Dollar auf 93,54 Dollar.

Libyen ist einer der größten Erdölproduzenten der Welt und hat mit 5,7 Milliarden Tonnen die größten nachgewiesenen Reserven in ganz Afrika. Es steht weltweit auf dem neunten Platz der Rangliste der Ölreserven. Libysches Öl gilt es sehr hochwertig, viel davon wird nach Europa exportiert. Libyen exportiert etwa eine Million Barrel pro Tag. Ausländische Ölfirmen haben wegen der politischen Unruhen bereits Personal evakuiert. Auch deutsche Öl- und Gasfirmen wie DEA oder Wintershall sind in dem Mittelmeerland aktiv.

Die Industriestaaten sind nach Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) bereit, bei Lieferengpässen wegen der Libyen-Krise ihre Ölreserven anzuzapfen. „Wenn sie einen Bedarf dafür sehen, würden sie wohl darauf zurückgreifen“, sagte IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol. Die Ölreserven der Industriestaaten werden auf 1,6 Milliarden Barrel geschätzt.

„Die Ölpreise sind eine ernste Gefahr für die weltweitere Konjunkturerholung“, sagte Birol, dessen Agentur ihre 28 Mitgliedsländer in Energiefragen berät. „Die globale Erholung bleibt sehr anfällig, besonders in den OECD-Ländern.“ Die Massenproteste gegen den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi haben Menschenrechtlern zufolge inzwischen mehr als 200 Tote gefordert. Eine Beruhigung ist nicht in Sicht: Gaddafis Sohn kündigte einen Kampf bis zum Ende an.

Die Unruhen gefährden die hiesige Energieversorgung nach Einschätzung des deutschen Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) aber zunächst nicht. „Für die deutsche Ölversorgung besteht keine direkte Gefahr durch die politischen Unruhen in Nahost und Nordafrika“, erklärte eine Sprecherin des Verbandes. „Der größte Teil des Öls kommt aus Russland und aus der britischen und norwegischen Nordsee.“ Nach Angaben des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ist Libyen Deutschlands fünftgrößter Öllieferant. Das meiste Öl bezieht Deutschland mit 36,3 Prozent aus Russland.

An zweiter Stelle liegen Großbritannien und Norwegen, die insgesamt 23,5 Prozent des in Deutschland benötigten Öls liefern. Auch in Frankreich zeigten sich die Energiebehörden gelassen. „Aus heutiger Sicht gibt es für die Öllieferungen keine Gefahr“, erklärte Energieminister Eric Besson. Die Lage werde aber weiter genau beobachtet. „Wer weiß, wohin das in der arabischen Welt noch führen wird“, fügte er hinzu. Derweil scheinen in Italien die Gaslieferungen ins Stocken zu geraten, wie eine Fachzeitung meldete. Gestoppt wurden die Lieferungen offenbar nicht. Italien bezeichnete die Situation als „kompliziert“. Im Bedarfsfall könne Italien aber seine strategischen Gasreserven anzapfen.