Trotz Milliardengewinns

Commerzbank zahlt vorerst keinen Cent an Berlin

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Andrea Rexer

Die Commerzbank feiert ein fulminantes Comeback. Doch trotz eines Milliardengewinns zahlt das Geldinstitut die staatlichen Finanzhilfen zunächst nicht zurück.

Hin und wieder konnte er sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. 1,4 Mrd. Euro Gewinn in 2010 nach einem Verlust von 4,5 Mrd. Euro im Vorjahr – das ist eine ansehnliche Trendwende, die Martin Blessing, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, vorgelegt hat.

Seine Lieblingsformulierung „früher als erwartet“ zog sich durch den Vormittag: Früher als erwartet sei man in die Gewinnzone zurückgekehrt, früher als erwartet habe man Bereiche der Dresdner Bank integrieren können – und an die Adresse der Politik: Früher als erwartet werde man die staatliche Unterstützung nach Berlin zurück überweisen. Genau diese Frage dominierte die Bilanzpressekonferenz: Wann gelingt es der Commerzbank den Staat loszuwerden?

Im Jahr 2008 hatte das zweitgrößte Institut Deutschlands die erste milliardenschwere Hilfszahlung in Form einer stillen Einlage von 8,2 Mrd. Euro erhalten. 2009 folgte die zweite Tranche in gleicher Höhe. Zusätzlich stieg der staatliche Rettungsfonds SoFFin mit weiteren 1,8 Mrd. Euro direkt mit 25 Prozent und einer Aktie ein. Zusammen macht das knapp 18 Mrd. Euro an Steuergeldern.

„Wir werden alles daran setzen, die stillen Einlagen des Bundes für das Jahr 2011 zu bedienen. Und es ist zweitens unser Anspruch, dass der Bund sein Engagement positiv abschließt“, sagte Blessing. Bisher war das Geschäft mit der Commerzbank für den Steuerzahler eher mau. Trotz des Jahresüberschusses von 1,4 Mrd. Euro wird die Bank keinen Cent nach Berlin überweisen. Die vereinbarten neun Prozent (das wären in diesem Fall immerhin 1,5 Mrd. Euro) werden nur dann fällig, wenn auch nach den Regeln des Handelsgesetzbuches ein Gewinn ausgewiesen wird. Doch das ist für 2010 nicht der Fall: Nach dem HGB macht die Bank 1,2 Mrd. Euro Verlust. Damit entgeht dem Staat auch für 2010 die vereinbarte Zinszahlung.

Der Unterschied zwischen den internationalen IFRS-Regeln und dem Verlust nach HGB ergibt sich durch eine Milliardenabschreibung auf die Immobilientochter Eurohypo. Nach IFRS hatte die Mutter den Immobilienfinanzierer längst abgewertet. Nach dem HGB aber richtet sich der Wert nach den künftigen Ertragschancen – und die sind angesichts steigender Verluste und dem Ausstieg aus der Staatsfinanzierung erst 2010 schlechter geworden.

Doch den Vorwurf, dass getrickst worden sei, lässt Blessing nicht gelten: „Natürlich verstehe ich das politische Problem. Aber wir haben keine Gestaltungstricks zu Lasten des Steuerzahlers gemacht“, erklärt er und setzt fast emotional hinzu: „Jeder Wirtschaftsprüfer wird sagen: Buchen Sie das so. Da kann ich mich auf den Kopf stellen.“ Für den „Buchhalterungsverhau“ aus HGB und IFRS sei nicht er verantwortlich.

So oder so möchte die Bank den Staat am liebsten heute als morgen ausbezahlen. Doch einen konkreten Plan legte Blessing nicht vor. Nur dass es ein „signifikanter“ Betrag sein soll, ließ Blessing verlauten. „Als signifikant verstehe ich alles über zehn Prozent“, erläuterte er. Doch auf welchem Weg er dieses Ziel erreichen will, legte der Commerzbank-Chef nicht offen. Man werde sich alle zur Verfügung stehenden Instrumente genau ansehen und eine Kombination daraus anwenden. „Bei einem Blumenstrauß kann man auch nicht sagen, welche Blume die wichtigste ist. Erst die Zusammensetzung macht das Bouquet richtig hübsch“, witzelte Blessing.

Für 2010 schüttet die Bank nach eigenen Angaben etwa 440 Mio. Euro als Boni an die Mitarbeiter aus. Blessing verteidigte dies gegen Kritik: „Mit den variablen Zahlungen honorieren wir den außerordentlichen persönlichen Einsatz von mehr als 30.000 außertariflich beschäftigten Mitarbeitern und von weiteren etwa 20.000 Tarifangestellten.“ Der Bund als Haupteigentümer hatte via Bundesfinanzministerium mitteilen lassen, die Sonderzahlungen seien rechtlich nicht zu beanstanden.

2010 steuerte die Mittelstandsbank ein Rekordergebnis von operativ 1,6 Mrd. Euro bei. Weniger erfreulich entwickelte sich das Privatkundengeschäft: Mit elf Millionen Kunden kam es operativ gerade einmal auf ein Plus von 48 Millionen Euro. „Wir haben die Größe der Zusammenführung der beiden Banken unterschätzt“, gab Blessing offen zu. „Im Vertrieb haben wir uns wohl etwas zu sehr mit uns selbst beschäftigt.“ Ab dem zweiten Quartal, nach Zusammenführung der Computersysteme von Commerzbank und Dresdner Bank, soll es aufwärts gehen. „Das Privatkundengeschäft soll nach der IT-Zusammenlegung seine Stärken ausspielen“, sagte der Finanzvorstand der Bank, Eric Strutz.

Im laufenden Jahr will die Commerzbank ihren operativen Gewinn insgesamt deutlich steigern. Dazu sollen die Kosten weiter sinken, zudem sei eine rückläufige Risikovorsorge zu erwarten, teilte die Bank mit. Für die fernere Zukunft gab Blessing sogar noch ehrgeizigere Ziele aus. „Wir werden uns nicht mit dem Erreichen der Ziele des Jahres 2012 zufriedengeben. Im Gegenteil: Wir haben uns schon jetzt für die Zeit danach eine weitere deutliche Ergebnissteigerung vorgenommen“, sagte er. 2012 will die Commerzbank operativ mehr als vier Mrd. Euro verdienen. Das wären rund 2,6 Mrd. mehr als 2010.

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