Unternehmensberater

Das seltsame Arbeitsleben der Business-Nomaden

Heute hier, morgen dort. Ständig neue Projekte und Gegebenheiten: Consultant ist selten ein Beruf fürs Leben. Dafür kann die Tätigkeit als Berater Türen öffnen.

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Die Verlockung war zu groß: Geschäftsführer bei Milka werden – und das mit gerade mal 35 Jahren. Bei diesem Angebot musste Tobias Bachmüller einfach zugreifen. „Ich habe immer die Herausforderung gesucht“, erzählt der Manager. Dabei war Bachmüller gut im Geschäft: Er arbeitete bei der Boston Consulting Group (BCG), war innerhalb von eineinhalb Jahren zum Principal aufgestiegen. „Nirgendwo kann man in kürzester Zeit so viel sehen und lernen“, schwärmt er noch heute über seine Zeit als Berater. Dennoch verabschiedete sich Bachmüller vom Consulting und wechselte in die Süßwarenbranche. Die Entscheidung sollte sich lohnen: Kurz darauf engagierte ihn die Firma Katjes als geschäftsführenden Gesellschafter. Seit sieben Jahren lenkt Bachmüller nun den Konzern – übrigens zusammen mit Bastian Fassin, einem ehemaligen Roland-Berger-Mann.

Unternehmensberater – das ist selten ein Beruf fürs Leben. Rund ein Zehntel aller Consultants wechselt nach wenigen Berufsjahren die Branche, schätzen Marktkenner: Junge Berater wandern zu ehemaligen Kunden ab, alte Hasen heuern bei einer Beteiligungsgesellschaft an oder entscheiden sich für eine prestigeträchtige Professorenstelle.

Einige schaffen sogar in der Industrie den Sprung nach ganz oben – gerade in Deutschland: Siemens-Boss Peter Löscher zum Beispiel begann seine Karriere als Berater, genau wie Martin Blessing von der Commerzbank und Frank Appel von der Deutschen Post (beide ehemals McKinsey). Doch sind die Top-Five-Beratungen wirklich ein Karrieresprungbrett? Oder ist das Label Ex-Consultant vielleicht doch eher hinderlich?

Karsten Sauer kennt beide Welten gut. Der 39-Jährige arbeitete Anfang des Jahrtausends bei einem großen Beratungsunternehmen und wechselte nach dem Internetcrash zu einem traditionellen Verkehrsunternehmen. „Die Linie fühlte sich erst mal verdammt eng an“, erinnert sich Sauer. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch verarbeitet („FRA-MUC-FRA. Einmal Beratung und zurück“). Besonders ungewohnt für den Berufswechsler: Plötzlich sitzt er auf der anderen Seite des Tisches – und muss sich von externen Consultants beraten lassen. „Ich habe meinen Kollegen erst mal erklärt, was am Ende des Projekts die wahre Motivation eines Beratern ist“, erzählt Sauer und lacht, „nämlich einen Folgeauftrag zu bekommen“.

Sein Lebenslauf ist typisch für Consulting-Aussteiger: Fast ein Drittel aller Berater wechselt nach dem Ausscheiden in eine Stabsfunktion bei einem Großunternehmen, hat die Boston Consulting Group über ihre Alumni herausgefunden. Nur zwei Prozent steigen hier in die Geschäftsführung auf. Besser läuft die Karriere für Berater, die bei Mittelständlern anfangen: Von diesen Wechslern schafft es jeder Zweite bis in die Chefetage.

Beliebt ist auch der Sprung in die Selbstständigkeit. „60 bis 70 Prozent meiner ehemaligen Kollegen haben eine Firma gegründet“, schätzt Consulting-Aussteiger Karsten Sauer. Der Ablauf sei immer der gleiche: „Man bekommt während eines Auftrags mit, dass es auf einem bestimmten Markt noch Luft gibt – und steigt aus, um da dann sein eigenes Ding zu machen.“

Ganz freiwillig kehren die Consultants dem Leben aus dem Koffer allerdings nicht immer den Rücken – manche haben schlichtweg keine andere Wahl. Gerade bei den Marktführern gilt nämlich die Regel „up or out“: Entweder der Berater klettert die Karriereleiter kontinuierlich hoch– oder er scheidet aus. „Wenn man sieht, dass es nicht weitergeht, wird das dem Mitarbeiter klar kommuniziert“, berichtet Peter Hannen von Kienbaum Executive Consultants in Köln. Unternehmensberatungen seien Hochleistungs-Organisationen, in denen Stillstand nicht geduldet würde, sagt der Headhunter.

Lautet das Urteil „out“, kommt der Berater üblicherweise in einem Industrieunternehmen unter. Dort werden die Consultants jedoch nicht immer mit offenen Armen empfangen. „Bitte keine Ex-Berater“ – diese Vorgabe bekommt Headhunter Hannen ab und zu hören, wenn seine Kunden eine Top-Position zu besetzen haben. Woher kommt diese Zurückhaltung? „Manche Berater haben enorme Schwierigkeiten in einem ‚normalen' Umfeld, wo sie auf Leute treffen, die neben ihrem Beruf auch andere Dinge im Leben verfolgen“, sagt Hannen. Die Folge: Umsteiger stoßen die Kollegen derart vor den Kopf, dass das jeweilige Unternehmen für lange Zeit keine Ex-Berater einstellt.

Berührungsängste mit seiner ehemaligen Branche kennt Katjes-Chef Bachmüller nicht. Wenn die Süßwarenfirma andere Unternehmen zukauft, werden häufig Spezialisten von außerhalb hinzugezogen. „Warum auch nicht? Es ist immer gut, wenn jemand viele Vergleichsprojekte kennt“, findet Bachmüller. Er schätzt die professionelle Distanz seiner ehemaligen Kollegen: „Die Leute stecken nicht so in ihrem Trott fest, sondern beherrschen auch immer die Außensicht“, sagt Bachmüller.

Manch einen Berater zieht es nach einem Gastspiel in der Industrie wieder ins Consulting. Zwölf Prozent aller BCG-Alumni etwa geben eine Unternehmensberatung als neuen Wirkungsort an. Für Aussteiger Sauer ist das jedoch keine Option: Obwohl er betont, die Stelle eines Berater sei gerade zu Beginn einer Karriere genial, um den eigenen Horizont zu erweitern, würde er nur ungern in den Stamm der Business-Nomaden zurückkehren. „Ich kann mir nicht vorstellen, wieder stundenweise zu arbeiten und ständig in ein neues Umfeld geworfen zu werden.“ Und bei dieser Entscheidung bleibt er: Als ihn kürzlich sein früherer Arbeitgeber mit interessanten Projekten locken wollte, winkte Karsten Sauer ab. Einmal Beratung reicht.