Erneuerbare Energien

Die USA werden plötzlich umweltfreundlich

US-Präsident Obama fördert den Ausbau der Solar- und Windenergie. Doch es geht ihm nicht nur um die Umwelt – sondern ums große Geld.

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Wer sich als Teenager für die Funktionsweise des Flaschenzugs interessiert und bei Elektro tatsächlich an Physik denkt, hat es in dieser Lebensphase eher schwer. Später wird vielleicht einmal ein Mark Zuckerberg aus ihm und er gründet so etwas wie Facebook. US-Präsident Barack Obama hat seine Landsleute nun aufgefordert, die jungen Mathe-, Bio- und Physikgenies wie die Helden des Superbowls zu feiern. Andernfalls würden die USA ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren, so der Präsident.

Seine Worte haben die Lehrer im ganzen Land gern gehört. Nur haben sie eine ganz andere Botschaft für den Präsidenten. Die Begeisterung für die Naturwissenschaften schwindet. Die Zahl der Teilnehmer an den sogenannten „Science Fairs“, auf denen Schüler ihre Erfindungen vorstellen, geht zurück. Sie lassen sich in vielen Städten ohnehin nur noch mit Unterstützung der Eltern und zahlreichen Überstunden der Lehrer organisieren, da die finanziellen Mittel knapp sind.

Mit einem „Sputnik-Moment“, den Obama in seiner Rede zur Lage der Nation ankündigte, rechnen die Pädagogen daher nicht so schnell. Während des Kalten Kriegs schickte die Sowjetunion den Satellit Sputnik ins All und hängte die USA damit vorübergehend ab. Doch zwölf Jahre später trat ein Amerikaner als erster Mensch auf den Mond. Wenn Obama heute von einem „Sputnik-Moment“ spricht, dann schwebt ihm eine grüne Revolution vor. Die USA sollen rund um die erneuerbaren Energien forschen, investieren und vor allem produzieren. Ihm mag es gar nicht so sehr um die Umwelt gehen.

Obama hat vielmehr erkannt, dass die USA nicht ewig den nach Asien abgewanderten Industriejobs hinterher trauern können. Stattdessen müsse sich das Land den Zukunftstechnologien zuwenden, um nicht auch noch hier den Anschluss zu verlieren. Es ist in Amerika überhaupt nicht schwierig, findige Firmen auf diesem Gebiet zu finden. Nur ob die Tüftler für den erhofften Anstieg der Arbeitsplätze in den USA sorgen werden, ist fraglich. Sie lassen nämlich nicht nur jetzt schon teilweise in China produzieren. Nein, sie lassen sich sogar vom Reich der Mitte inspirieren.

Deutschland und China als Vorbilder

Der New Yorker Architekt Simone Giostra etwa hat vor zwei Jahren in Peking die größte LED-Leinwand der Welt aufgestellt. Sie saugt tagsüber Sonnenstrahlen auf und lässt mit der Energie abends und nachts Videos laufen. Sie ernährt sich sozusagen selbst. Den chinesischen Kunden habe vorab nur eines interessiert, sagt Giostra. „Er wollte wissen, ob ich so etwas schon einmal gemacht habe und ob es so eine Wand schon irgendwo gibt. Als ich das verneint habe, gab er mir den Auftrag“, so der Architekt.

In New York wäre es andersherum. „Hier trauen sie einem so etwas erst zu, wenn man schon Erfahrungen damit gemacht hat.“ So ist unter anderem der Medienkonzern Thomson Reuters neugierig geworden und hat bei Giostra eine vergleichbare Installation für das Dach seines Firmengebäudes am Times Square bestellt. Simone Giostra kennt bei seiner Arbeit keine Ländergrenzen. Er arbeitet mit dem Ingenieursbüro Arup zusammen und mit Solarfirmen wie dem deutschen Mittelständler Schüco. „Deutschland ist in der Solartechnik führend“, sagt Giostra. „Aber bei der Massenproduktion kann keiner mit China mithalten.“

Dass er in China um seine Erfindung bangen muss, glaubt er nicht. „Der Schutz des geistigen Eigentums ist ein Problem, aber das könnten auch keine Anwälte für mich lösen“, sagt Giostra. „Ich schütze mich selbst, in dem ich nur mit den jeweils besten Herstellern und Partnern zusammenarbeite.“ Giostra überlegt sogar, mit einem Partner im Hudson Valley nördlich von New York eine Firma zu gründen, wo die anderswo gebauten Teile zusammengesetzt würden. Dadurch könnten langfristig bis zu 50 Arbeitsplätze entstehen, sagt er.

Ihm könnte helfen, dass Öko-Energien in den USA immer wichtiger werden. Schließt man die Wasserkraft aus, legt die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien seit 2000 jährlich im Schnitt um zwölf Prozent zu. Nun ist das Ausgangsniveau recht niedrig, und die Wachstumsraten sind deshalb auch entsprechend hoch. Dennoch ist die Richtung eindeutig. Sieben Prozent des gesamten Energiebedarfs werden mittlerweile durch erneuerbare Energien gedeckt. Allein die Hälfte davon wird aus Biomasse gewonnen und etwa ein Drittel durch Wasserkraft. Der Rest verteilt sich auf Geothermie, Wind und Solar.

Am stärksten legt in den USA die Windkraft zu. Seit dem Jahr 2000 hat sich ihre Bedeutung verzehnfacht. Bis 2030 soll ein Fünftel des Stroms in Amerika durch Windkraft gewonnen werden. Derzeit sind in der Branche 85.000 Menschen beschäftigt. Die Regierung schätzt, dass sich diese Zahl mit dem Ausbau der Windenergie um eine halbe Million erhöhen könnte. Sie fördert daher Unternehmen wie Makani Power, die an der Westküste der USA versuchen, aus Flugdrachen Energie zu gewinnen. Drei Millionen Dollar gab ihnen der Staat als Förderkredit. Doch das erste Geld kam aus der Privatwirtschaft.

„Den Anfang hat uns Google finanziell ermöglicht“, sagt Andrea Dunlap von Makani Power. Das haben die Nachbarn aus dem Silicon Valley nicht ganz uneigennützig getan: Die Server des Suchmaschinenbetreibers brauchen viel Strom. Google unterstützt daher Forscher und Firmen, die auf diesem Gebiet aktiv sind.

Makani bedeutet Wind auf Hawaiianisch und genau darum geht es auch. „In ein paar Hundert Meter Höhe kann man sehr viel mehr Energie aus Wind gewinnen, da er dort stärker bläst“, sagt Andrea Dunlap. Sie lassen daher Geräte in die Höhe steigen, die wegen ihrer Flügel an einen Drachen erinnern, mit dem man als Kind im Herbst gespielt hat. An den Flügeln sind kleine Propeller angebracht, die über Turbinen Strom erzeugen. Dieser wird über ein Kabel auf die Erde zurückgeleitet.

So zumindest der Plan. Denn bislang gibt es nur Prototypen, die in ein paar Metern Höhe kreisen. „Wenn alles gut läuft, könnte der erste Drachen im Jahr 2015 für den Verkauf bereit sein“, so Andrea Dunlap. Bislang bauen sie die Drachen noch in ihrer eigenen Firmenwerkstatt in Alameda in der Bucht von San Francisco. Sie kaufen nur die Materialien ein, die sie nicht selbst herstellen können. Ob die aus China oder den USA kommen ist Andrea Dunlap dabei ziemlich egal. „Zusammengesetzt werden die Teile hier bei uns in der Firma,“ sagt sie. Und dort arbeiten ja immerhin auch 20 Leute.