Netzausrüster NSN

"Mobilfunkern traut man mehr als Google"

Der Netzausrüster NSN muss gleichzeitig Nokia und Siemens glücklich machen. Sein Chef erklärt, was er dem Internetriesen Google voraus hat.

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Als ungeliebtes Kind will sich Rajeev Suri nicht bezeichnen lassen. Der Chef des Netzausrüsters Nokia Siemens Networks hat mit zwei Müttern zu kämpfen, die nicht zufrieden sind. Bis Jahresende muss Suri eine halbe Milliarde Euro einsparen. Möglicherweise schafft er einen operativen Gewinn. Immer wieder gibt es Gerüchte über einen Ausstieg von Nokia oder Siemens. Nun gibt es Überlegungen, einen Finanzinvestor mit ins Boot zu holen.

Morgenpost Online: Herr Suri, chinesische Netzausrüster wie Huawei wachsen schnell. In der Welt der Smartphones kommen die Innovationen inzwischen aus dem Silicon Valley. Hat Europa den Anschluss verloren?

Rajeev Suri: Europa hat nicht den Anschluss verloren. Bei Smartphone-Ökosystemen mag das vielleicht noch stimmen. Hier spielt Europa kaum noch mit. Bei den Netzwerken ist das etwas anderes. Natürlich können chinesische Wettbewerber Netze bauen. Aber bei den Diensten dahinter sind wir ihnen drei bis vier Jahre voraus. Auf den Netzen, die wir betreiben, sind eine halbe Milliarde Nutzer. Wir sind damit der drittgrößte Netzbetreiber der Welt. Wenn es um dieses Geschäft geht, bleiben unter den Ausrüstern nur noch zwei Namen übrig. Und beide kommen aus Europa.

Morgenpost Online: Sie meinen Ericsson und Nokia Siemens Networks. Was machen Sie anders als die Handyhersteller, die in Europa – mit Ausnahme der angeschlagenen Nokia – kaum noch eine Rolle spielen?

Suri: Wir haben früh verstanden, dass es nicht um Hardware, sondern um Software geht. Das ändert das ganze Wesen eines Unternehmens. Ein Großteil unserer Mitarbeiter beschäftigt sich genau damit. Und es wird noch mehr. Ericsson und Nokia Siemens Networks sind die beiden größten Software-Unternehmen in Europa.

Morgenpost Online: Der Kostendruck auch für Netzausrüster ist enorm. Wie viele Firmen werden am Ende bestehen bleiben?

Suri: Es gibt noch zu viele davon, in Japan und Südkorea zum Beispiel. In einer Industrie, die nicht mehr wächst und die weitgehend von Standards geprägt ist, muss man sich durch Innovationen unterscheiden. Außerdem braucht man Größe und darf sich nicht auf einzelne Länder konzentrieren. Langfristig werden nur drei Netzausrüster überleben. Wir gehören natürlich dazu. Wir treiben sogar die Konsolidierung, zuletzt mit unserem Kauf des Motorola-Netzwerkgeschäftes.

Morgenpost Online: Welche Auswirkungen hat die Umstrukturierung von Nokia auf NSN?

Suri: Keine.

Morgenpost Online: Die Beziehung von Siemens und Nokia zu NSN ist gestört. Wie können Sie das ändern?

Suri: Ich lese von dieser gestörten Beziehung nur in der Presse.

Morgenpost Online: Es heißt immer wieder, NSN stünde zum Verkauf.

Suri: Wenn uns die Unternehmen nicht mögen, warum haben sie uns dann Motorola kaufen lassen? Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir sind ein unabhängiges Unternehmen mit zwei Anteilseignern, aus denen nun möglicherweise einmal drei werden. Das Geld, das dafür bezahlt wird, werden unsere Mütter wieder in NSN investieren. Das ist doch noch kein Verkauf.

Morgenpost Online: Das Datenvolumen in den Netzen explodiert förmlich. Sind die Netzbetreiber darauf vorbereitet?

Suri: Nicht genug. Es gibt natürlich Unterschiede. Die Netzbetreiber haben es natürlich nicht leicht. Sie müssen einen Weg finden, wie sie gegen neue Konkurrenten bestehen können, zu denen Unternehmen wie Google oder Apple gehören. Das Gute ist, dass das Geschäft größer wird, weil alle Welt mobiles Breitband nutzen will. Die Frage ist nur, wer davon profitiert.

Morgenpost Online: Kämpfen die Netzbetreiber nicht schon längst auf verlorenem Posten?

Suri: Die Netzbetreiber haben einen grundlegenden Vorteil. Nur sie können dafür sorgen, dass alle Komponenten soweit übereinstimmen, dass der Verbraucher am Ende zufrieden ist. Das kann Google nicht. Außerdem vertrauen die Nutzer ihren Mobilfunkanbietern mehr als einem Internet-Unternehmen. Und zu guter Letzt haben die Netzbetreiber Informationen über ihre Kunden, die niemand anderes hat.