Jahresbonus

In Italien gibt es Nutella statt Weihnachtsgeld

Um Steuern und Sozialabgaben zu sparen, zahlt ein italienischer Konzern den Jahresbonus in Nutella und Parmesan. Die Angestellten sind begeistert.

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Alberto Del Zenero freut sich schon auf sein nächstes Frühstück. Der 45-Jährige steht in blauer Arbeitshose und Weste gekleidet im Coop-Supermarkt des Dolomitenörtchens Agordo. In einer Ecke neben der Kasse, wo sonst eine Plastikspielburg und eine Rutsche stehen, tritt er an einen Tisch.

Zwei junge Männer warten bereits. Eine von ihnen drückt Del Zenero einen Karton in die Hand. Was drin ist, das haben ihm Arbeitskollegen schon erzählt. Unter anderem ein Glas Nutella. „Die schmeckt meinen Kindern“, sagt er. „Mir aber auch.“

In dem Supermarkt geht es seit gut einem Monat hoch her. Zwei Mal am Tag rücken hier Beschäftigte des nahe gelegenen Brillenherstellers Luxottica an, um sich ihren Bonus ausbezahlen zu lassen. Nicht wie in anderen Firmen üblich in Euro und Cent, sondern mit Lebensmitteln.

Jeder Mitarbeiter bekommt fünf Liter Olivenöl, fünf Kilo Pasta, zwei Kilo Parmesan, acht Dosen Thunfisch, zwei Gläser Marmelade, ein Glas Honig und eben die Nutella. Alles zusammen Essen im Wert von 110 Euro. „Großartig“, findet Del Zenero das Päckchen.

Er produziert auch für Chanel und Prada

Ihr Arbeitgeber ist nur weniger hundert Meter entfernt, direkt im Schatten der mit Schnee bedeckten Dolomiten. Eine Fabrik, deren blaue Fassade in den goldgelben Bäumen ringsum hell leuchtet. Ein romantischer Ort, weit ab von allem.

Und trotz der abgelegenen Lage ist Luxottica der weltweit führende Hersteller für Premiumbrillen, besitzt Marken wie Ray Ban, Oaklay und Persol und produziert in Lizenz etwa für Chanel, Dolce & Gabbana und Prada. 5,1 Mrd. Euro setzt das Unternehmen um.

Kein Bargeld, sondern Nutella

Hier hat Piergiorgio Angeli sein Büro. Der 50 Jahre alte Personalchef hat in seinem Leben mehrere Fabriken geschlossen. Aber auch Arbeit gesichert, wie er betont. Seit drei Jahren ist er bei Luxottica. Und hat gemeinsam mit den Gewerkschaften den Plan geschmiedet: Sofern die Beschäftigten die Qualität erhöhen, also unter anderem weniger Ausschuss produzieren, zahlt er ihnen im Gegenzug einen Bonus aus.

Nicht wie sonst in Bargeld sondern in Dienstleistungen und eben Nutella. Dieses Jahr schüttet er 2,7 Mio. Euro aus.

Naturalien kann man absetzen

Für ihn ist das ein logischer Schritt. „Wenn wir Geld ausschütten würden, dann hätten die Arbeitnehmer nicht so viel davon“, sagt er. Und rechnet vor. Von jeden 100 Euro, die Arbeitnehmer erhalten, landen fast 50 Euro in der Tasche des Staates – wegen der hohen Sozialabgaben.

Da liegt es nahe, findet Angeli, stattdessen Naturalien zu verschenken oder den Leuten eine Krankenversicherung zu bezahlen. Die kann das Unternehmen nämlich sogar noch von der Steuer absetzen. Und obendrauf bekommt Luxottica dank der besseren Verhandlungsposition auch noch günstigere Preise. „Es kommt einfach mehr bei den Arbeitern an“, sagt er.

Streiks sind an der Tagesordung

Luxottica ist damit ein Sonderfall. In Italien wird derzeit ein harter Kampf zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ausgefochten. Streiks sind in Betrieben an der Tagesordnung. Fiat etwa versucht den Beschäftigten harte Zugeständnisse abzuringen – und begegnet dabei bei ultralinken Gewerkschaften auf fundamentale Ablehnung.

Bei Luxottica hingegen herrscht heile Welt. Die Mitarbeiter haben hier noch keinen Tag für eine Gehaltserhöhung gestreikt. Lediglich vier Tage schloss die Firma während der Krise im vergangenen Jahr die Pforten. Die Arbeiter können gratis das werkseigene Fitnessstudio besuchen.

Francavilla war auch Arbeiter

Und – so behauptet man – als erstes Unternehmen überhaupt in Italien habe man hier eine Gratiskantine eingerichtet. Das Küchenpersonal schaut einen böse an, wenn man den Teller nicht leer isst oder Servietten und Plastikmüll nicht ordentlich trennt.

Der Patron ist überzeugt davon, dass sich die Investition lohnt. „Es geht uns dabei darum, die Bindung der Arbeiter an die Firma zu erhöhen“, sagt Luigi Francavilla. Der 73 Jahre alte Mann weiß was es heißt, ein Arbeiter zu sein. Er hat selbst einst im Schweizer Sankt Gallen als Werkzeugsmacher gearbeitet.

Konzept soll ausgebaut werden

Bis er den damals noch jungen Brillenproduzenten Leonardo Del Vecchio traf und mit ihm die Firma Luxottica hochzog. Mit einem geschickten Vertriebskonzept und konsequenter Expansionspolitik ins Ausland stieg Luxottica zum Weltmarktführer auf. De Vecchio ist der zweitreichste Mann Italiens. Dass er Geld hat, sieht man schon, wenn er vorfährt: in einen Porsche Cayenne.

Das Konzept möchte die Firma noch deutlich ausbauen. Schon heute bietet Luxottica weit mehr als nur Nutella den Mitarbeitern an. Sie erhalten auch eine private Krankenversicherung, die Leistungen abdeckt, die im staatlichen System nicht gezahlt werden.

Die Kinder bekommen Schulbücher bezahlt und Universitätsstipendien. Ein Modell, das Schule macht. Autohersteller Ferrari, Energieunternehmen Edison oder kleinere Betriebe wie der Kühlanlagenbauer De Rigo Refrigeration haben ähnliche Konzepte eingeführt.

Dem Arbeiter Del Zenero ist das theoretische Konzept hinter der Lebensmittellieferung ziemlich egal. Hauptsache, er bekommt seine Nutella. „Es wäre schön, wenn wir auch in Zukunft die Essenspakete bekämen“, sagt er. Sofort auspacken wird den Karton heute Abend allerdings noch nicht. „Heute Abend gibt es Pizza“, sagt er. Er feiert mit seiner Frau den 20.Hochzeitstag. Und da gehen beide traditionell fein aus.