Privatisierung

Zweitgrößte Bank Russlands geht an die Börse

Der russische Staat kassiert umgerechnet 2,4 Milliarden Euro beim Börsengang der VTB-Bank. 20 Investoren drängen so auf den russischen Markt.

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Knapp zwei Jahrzehnte nach Beginn der ersten Privatisierungswelle hat Russland mit der Staatsbank VTB seinen zweiten postsowjetischen Privatisierungsreigen mit Erfolg eröffnet. Mit der Veräußerung von zehn Prozent der Anteile am zweitgrößten Geldinstitut des Landes spielte der Staat 95,7 Milliarden Rubel (2,4 Milliarden Euro) in seine Kassen. Laut VTB-Chef Andrej Kostin waren die Papiere zweifach überzeichnet, womit auch „das Niveau des Ausgabepreises maximal stieg und dem Marktpreis entsprach“. Der im Ausland gehandelte globale Hinterlegungsschein GDR wurde mit 6,25 Dollar bewertet. Im morgendlichen Handel des schon zuvor börsennotierten Unternehmens, das fortan zu 24,5 Prozent im Streubesitz sein wird, zogen die Aktien um 2,6 Prozent an und trugen dazu bei, dass der wochenlange Negativtrend auf dem russischen Börsenparkett kurzzeitig zumindest gestoppt wurde.

Gestoppt wurde mit der Aktienemission vor allem aber auch ein anderer Negativtrend der jüngsten Zeit: So hatten binnen weniger Wochen gleich drei russische Unternehmern ihren Börsengang absagen müssen, nachdem sich die Anleger an den überhöhten Bewertungen gestoßen hatten. Die Unternehmen Nord Gold, ChelPipe und KOKS freilich waren allesamt aus der Rohstoffsektor. Im Vergleich zu Rohstoffwerten seien die russischen Bankenwerte nicht überbewertet, erklären Experten.

Auch VTB hatte sich zuvor laut Finanzminister Alexej Kudrin mit dem Gedanken gespielt, in diesem Jahr insgesamt ein doppelt so hohes Aktienpaket auszugeben. Erst vor knapp einer Woche beschränkte man sich auf die Hälfte. „Die Reduzierung des in diesem Jahr privatisierten Anteils von 20 auf zehn Prozent spielte die entscheidende Rolle für den großen Ansturm“, sagt Maxim Osadtschi, Chefanalyst der Moskauer BKF-Bank.

Über 20 Investoren versuchen mit ihrer Teilnahme einen Fuß in den wieder wachsenden russischen Markt zu bekommen. Wie Kudrin vor Journalisten erklärte, hätten sich Fonds und Unternehmen aus allen Teilen der Welt beteiligt, dazu einige Staatsfonds aus Nordeuropa und Asien. Der italienische Versicherer Generali erwarb Anteile für 300 Millionen Dollar. Ein Mindestteil von 15 Prozent ging an russische Investoren.

Die Teilprivatisierung der VTB-Bank gibt den Auftakt zu einem Privatisierungsreigen, bei dem sich in den kommenden drei Jahren ein Dutzend staatlicher Großunternehmer von Anteilen trennen. Laut Plan will der Staat eine Billion Rubel (25,3 Milliarden Euro) einspielen und damit das Budgetdefizit ausgleichen. Nach einem Jahrzehnt mit Budgetüberschüssen hatte die Wirtschaftskrise nämlich im Vorjahr zum ersten mal wieder ein Loch in den Staatshaushalt gerissen. Dies ist mit 3,9 Prozent des BIP nicht nur bescheiden angesichts westlicher Maßstäbe, es ist letztlich auch geringer ausgefallen als erwartet. Grund dafür ist der gestiegene Ölpreis, an dem Russlands Wirtschaft empfindlich hängt. Weil das Land aber vor Parlamentswahlen im Herbst und Präsidentenwahl Anfang 2012 steht, befürchten Beobachter, dass die ohnehin schon angehobenen Budgetausgaben weiter steigen könnten.

Dass überhaupt das Budgetdefizit der Motor für eine neue Privatisierungswelle ist, und nicht die Einsicht in die Tatsache, dass staatliche Konzerne gerade in Russland ineffizienter wirtschaften als private, wird von Experten heftig kritisiert. Noch hat sich erst bei einem Teil der Elite die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich die Tendenz des vergangenen Jahrzehnts, die staatliche Präsenz in der Wirtschaft massiv auszudehnen, mittlerweile als Bremse des Wirtschaftsaufschwungs erweist. Zu stark ist der Wunsch, die Oligarchen an die Kandare zu nehmen, die sich bei der ersten Privatisierungswelle in den 90er-Jahren das Sagen im Staat erkauft hatten. Zu groß auch die Angst, dass die jetzige Privatisierung wieder danebengehen könnte.

Dass überhaupt privatisiert werde, sei die beste Nachricht des Jahres, sagt Sergej Guriev, Rektor der New Economic School in Moskau: Aber es brauche noch mutigere Schritte. Denn erst wenn der Staat die Kontrollmehrheit an Großbetrieben abgäbe, würde die Nachfrage nach Reformen und funktionierenden staatlichen Institutionen steigen. Spätestens 2018 müsse sich der Staat aus den Betrieben zurückgezogen haben: „Sonst ist der Bankrott des Pensionssystems und des Staatsbudgets fix“, sagt Gurijew.

Die erfolgreiche Privatisierung der VTB beweise das Vertrauen in den russischen Finanzmarkt, erklärte Kostin am Montag. Der Primus der Bankenbranche, Sberbank, zu 57,6 Prozent in Staatshänden, wird sich frühestens Ende 2011 von 7,6 Prozent der Anteile trennen.