Microsoft-Bündnis

Der Tag, an dem sich Nokia neu zu erfinden versucht

| Lesedauer: 4 Minuten
Thomas Heuzeroth

Foto: AFP

Ein neuer Chef, ein Bündnis mit Microsoft, umfangreiche Stellenstreichungen: Nokia versucht sich mit aller Macht zu sanieren. Doch die Konkurrenz ist übermächtig.

Es ist schon ein wenig beschönigend, die Situation als schwierig zu bezeichnen. Noch in dieser Woche hatte der neue Nokia-Chef Stephen Elop in einer internen E-Mail an seine Mitarbeiter die Lage seines Konzerns mit der eines Mannes auf einer brennenden Ölplattform verglichen. Und am Freitag dann sollte Elop in London vor Publikum Zuversicht versprühen. „Ich bin hier, um zu kämpfen“, rief er von der Bühne herunter.

Zuvor hatte er vor Journalisten und Analysten sein Geheimnis gelüftet, über das es im Vorfeld allerlei Spekulationen gab. „Windows Phone 7 wird unser hauptsächliches Betriebssystem werden“, sprach er und bat Microsoft-Chef Steve Ballmer auf die Bühne. Beide Manager bestätigten sich dann öffentlich, dass diese strategische Zusammenarbeit natürlich gut für Nokia und Microsoft sei. Beim Internet-Kurznachrichtendienst Twitter hatte Elop schon am Morgen vor der Verkündung die Richtung vorgegeben: „Nokia taucht heute nach vorn.“

Die Richtung ist neu, denn zuletzt zeichneten sich die Finnen dadurch aus, dass sie zurückfielen. Vor allem im Markt für Smartphones mussten sie im vergangenen Quartal ihre Markführerschaft abgeben. Die Konkurrenten Apple mit dem iPhone und Google mit seinem Android-Betriebssystem für Handys hingegen wachsen mit hoher Geschwindigkeit. „Nun ist das ein Rennen mit drei Pferden“, sagte Elop selbstbewusst.

Bisher hatte Nokia für seine Mobiltelefone ausschließlich das hauseigene System Symbian eingesetzt. Doch die Software hat sich als zu sperrig erwiesen, um bei Smartphones wettbewerbsfähig zu sein. Ein alternatives System mit der Bezeichnung „Meego“, das Nokia zusammen mit Intel entwickelt, kommt nicht richtig voran. Daher hatte Nokia in den vergangenen Monaten nach Verbündeten gesucht und sowohl mit Google als auch mit Microsoft verhandelt.

Dass die Entscheidung nun zugunsten von Microsoft ausgefallen ist, hat mehrere Gründe. Als ehemaliger Microsoft-Manager hat der Nokia-Chef Elop beste Beziehungen zum Software-Riesen. Microsoft könnte Nokia helfen, im nordamerikanischen Markt Fuß zu fassen, denn dort halten sie einen Marktanteil von nur zwei Prozent. Außerdem hatten die Finnen schon in der Vergangenheit kleinere Kooperationen mit Microsoft, die weitergeführt werden sollen. Darunter der Einsatz von Bürosoftware auf den Handys. Außerdem werden die Finnen die Microsoft-Suchmaschine Bing einsetzen. Nokia hingegen liefert mit seiner Tochter Navteq Straßenkarten an Microsoft. Das Nokia-Inhalte-Portal Ovi wird im Marketplace von Microsoft aufgehen, heißt es.

Ob dies jedoch reicht, um gegen die Angebote von Apple mit 300.000 Anwendungen und von Google mit mehr als 100.000 Android-Programmen zu konkurrieren, ist fraglich. Nokia verfügt über wenige Tausend Apps und Microsofts Marketplace zählt gerade einmal 8000 Programme. In einem gemeinsamen Brief sind sich Elop und Ballmer sicher: „Wir werden sie stoppen. Es wird Herausforderungen geben. Wir werden sie überwinden.“ Bislang allerdings ist Microsoft mit Windows Phone 7, das erst seit November auf dem Markt ist, wenig erfolgreich. Nur zwei Millionen Geräte sollen verkauft worden sein. Und so stichelt Google-Manager Vic Gundotra auch in einem Twitter-Eintrag: „Zwei Truthähne ergeben keinen Adler.“

In jedem Fall gehen die Einschnitte tief, die Elop nun angekündigt hat. Nicht nur dass es ein neues Sparprogramm geben wird, dem sich auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilung unterordnen muss. Auch bekommt der ganze Konzern eine neue Struktur, bei dem das Telefongeschäft in Smartphones und einfache Handys aufgeteilt wird. Das bringt Unruhe ins Geschäft. Und so weigert sich Elop auch, für das laufende Jahr eine Prognose auszugeben. Vielmehr müsse sich Nokia nun auf eine zweijährige Übergangsphase einstellen.

Nokia wechselt aus der Not heraus ins Microsoft-Lager. Der Software-Riese aus Redmond im US-Bundesstaat Washington ist scheinbar der Gewinner der Kooperation. „Die Zusammenarbeit ist nicht exklusiv“, betonte Microsoft-Chef Ballmer am Freitag. Denn Microsoft liefert sein System auch an andere Handy-Hersteller und muss sich beeilen, schnell eine kritische Größe zu erreichen. Die Nokia-Aktionäre sehen das wohl ähnlich. Nach der Bekanntgabe der Kooperation verlor der finnische Konzern zunächst fast zehn Prozent seines Börsenwertes.