Offshore-Parks

Windkraft – Großbritannien überflügelt Deutschland

Mehrere deutsche Unternehmen dürfen sich am Bau gigantischer Windkraft-Parks vor der britischen Küste beteiligen. Das Land baut Windräder auf See mit einer vergleichbaren Leistung von 25 Atomkraftwerken. Das Gesamtprojekt wird auf 110 Milliarden Euro geschätzt, deutlich mehr als die deutschen Pläne.

Foto: dpa

Großbritannien hat die Energiewende eingeläutet. Schon in zehn Jahren sollen erneuerbare Energien 25 Prozent der Stromversorgung der Insel sichern. Den vorerst letzten und entscheidenden Schritt dazu machte nun die britische Liegenschaftsverwaltung: Sie vergab neun Flächen für den Bau gewaltiger Offshore-Windparks vor der britischen Küste mit einer Gesamtkapazität von 25.000 Megawatt. Das entspricht der installierten Leistung von etwa 25 Atomkraftwerken. Die Gesamtkosten des Projekts werden auf bis zu 100 Milliarden Pfund (110 Milliarden Euro) geschätzt.

Damit zieht Großbritannien an Deutschland vorbei: Die Bundesregierung hatte früher ebenfalls den Bau von Offshore-Windparks mit mehr als 20.000 Megawatt Leistung bis 2020 geplant. Aufgrund der extremen technischen Bedingungen bei Wassertiefen von mehr als 50 Metern in der Deutschen Bucht gab es jedoch Verzögerungen. Inzwischen rechnet die Bundesregierung nur noch mit weniger als 10.000 Megawatt Offshore-Leistung bist 2020. Derzeit drehen sich im ersten deutschen Testfeld Alpha Ventus vor Borkum erst zwölf Windräder.

Die deutschen Energieriesen RWE und E.on haben nun aber gemeinsam mit anderen ausländischen Stromkonzernen den Zuschlag für den Bau der Parks in Großbritannien erhalten. Aus dem Bietergefecht, an dem sich über 20 Unternehmen beteiligt hatten, ging die RWE als Sieger hervor: Sie allein sicherte sich Windparkflächen für rund 4000 Megawatt.

Der Essener Konzern, der in Deutschland bislang vor allem auf Kohlekraftwerke setzte, macht damit einen großen Schritt in Richtung ökologischen Umbau der Stromerzeugung. Der Chef der Umweltsparte RWE Innogy, Fritz Vahrenholt, bezifferte das Investment seines Konzerns in die britischen Offshore-Windparks auf zwölf Milliarden Euro. Äußerungen der Umweltpolitikern Bärbel Höhn (Grüne), die großen Energiekonzerne würden beim Ausbau der erneuerbaren Energien „auf der Bremse stehen“, wies Vahrenholt daher zurück: „Ich sehen niemanden, der auf der Bremse steht – unsere Lokomotive hat nur ein Gaspedal.“

Vahrenholt verwies auf die Größenordnung der geplanten britischen Windparks, für deren Bau RWE eigens zwei Kranschiffe für mehr als 100 Millionen Euro bei den südkoreanischen Daewoo-Werften bestellt hat. Der geplante Offshore-Windpark Doggerbank vor der Grafschaft Yorkshire sei mit 8600 Quadratkilometern Fläche halb so groß wie Schleswig-Holstein. Es entwickele sich hier einer der größten Ökostrom-Standorte der Welt. Vahrenholt verglich die Größenordnung mit dem chinesischen Mega-Projekt: „Das ist der Drei-Schluchten-Staudamm Europas.“ Mit Blick auf den Plan deutscher Industrieunternehmen, in großem Stil Solarkraftwerke in der Sahara zu bauen, sagte er: „Hier entsteht das Desertec des Nordens.“

Auf der Doggerbank sollen zunächst knapp 1500 Windkraftanlagen in Wassertiefen von bis zu 60 Metern gebaut werden. Die installierte Leistung soll hier 9000 Megawatt betragen mit einer Ausbaumöglichkeit auf 13.000 Megawatt. RWE geht das Projekt gemeinsam mit Scottish & Southern Energy, Statoil und Statkraft an.

Der Europäische Windverband hat die „Dogger Bank“ als zentralen Knotenpunkt zwischen Großbritannien, Norwegen und Kontinentaleuropa identifiziert. An diesem Punkt könnte in Zukunft die schwankende Windkraft mit norwegischen Wasserkraftwerken austariert werden. Die Bundesregierung plant bereits mit acht europäischen Staaten den Bau eines Leitungsnetzes auf dem Grund der Nordsee, das die schwankende Windproduktion europaweit ausgleichen soll.

Premierminister Gordon Brown sagte, die Vergabe sei ein „wichtiger Beitrag“ zur Reduzierung der CO 2 -Emissionen. Die Windenergie könne in Großbritannien einen Umsatz von umgerechnet 82 Milliarden Euro generieren und bis 2020 bis zu 70.000 Arbeitsplätze sichern.

Die RWE beschloss darüber hinaus den Bau eines weiteren Offshore-Windparks in Deutschland. Auf einem Areal von 34 Quadratkilometern nordwestlich von Helgoland sollen sich bis 2013 rund 48 Windturbinen drehen. Die Investitionssumme alleine für diesen Windpark mit knapp 300 Megawatt Leistung betrage etwa eine Milliarde Euro. Laut RWE werde „der Windpark Nordsee Ost einer der ersten großtechnischen Offshore-Windparks in Deutschland sein.“