Energie-Wettbewerb

Auf dem Strommarkt entsteht eine neue Kraft

Das Energie-Oligopol löst sich auf: Evonik verkauft seinen Kraftwerksbetreiber Steag an mehrere Kommunen – und lässt so eine fünfte Kraft am Markt entstehen.

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Die Chancen auf echten Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt haben sich stark verbessert. Zu Wochenbeginn gab der Vorstand der Industriegruppe Evonik bekannt, seinen Kraftwerksbetreiber Steag an ein Konsortium aus den sechs nordrhein-westfälischen Stadtwerken Dortmund, Duisburg, Dinslaken, Essen, Oberhausen und Bochum verkaufen zu wollen.

Stimmen in den kommenden Wochen auch die jeweiligen Stadträte zu, könnten die Kommunalbetriebe durch die Übernahme des fünftgrößten deutschen Stromerzeugers erstmals nennenswerte Erzeugungskapazitäten erhalten, um den vier Platzhirschen E.on, RWE, Vattenfall und EnBW Paroli bieten zu können. Das Oligopol, das den Erzeugungsmarkt seit Jahrzehnten fest im Griff hatte, löst sich damit auf.

Mehr Wettbewerb durch kommunale Beteiligung

Justus Haucap jedenfalls rechnet durch die Steag-Übernahme mit positiven Auswirkungen auf den Wettbewerb. "Die Konzentration auf dem Erzeugermarkt nimmt ab, und das ist gut so“, sagte der Chef der Deutschen Monopolkommission im Gespräch mit Morgenpost Online.

Zwar hätte es der Wettbewerbs-Experte der Universität Düsseldorf lieber gesehen, wenn die ebenfalls interessierte EHP-Gruppe aus Tschechien den Zuschlag für Steag bekommen hätte. "Ein völlig neuer Spieler auf dem deutschen Markt hätte dem Wettbewerb sicher noch besser getan.“ Dennoch bewertete er den möglichen Einstieg der Kommunen in die Stromproduktion als "tendenziell positiv“.

Schon in den Monaten zuvor hatten E.on, RWE, Vattenfall und EnBW in Deutschland Federn lassen müssen. Zum einen verringert die Ausbreitung dezentraler Stromerzeugung mit Wind-, Biomasse- und Solaranlagen die Marktmacht der vier Branchengrößen. Zum anderen wirkt sich der Trend zur "Rekommunalisierung“ der Energieversorgung aus. So haben wie jüngst in Hamburg oder Berlin etliche Kommunen ihre einst privatisierten Versorgungsunternehmen wieder zurück gekauft oder Stadtwerke ganz neu gegründet.

Bis der nun geplante Konzern aus Ruhr-Kommunen und Steag allerdings den etablierten Energieriesen wirklich auf Augenhöhe gegenüber steht, sind noch enorme Investitionen nötig. Branchenkenner gehen von alleine zwei bis drei Mrd. Euro nur für die Modernisierung der neun deutschen und fünf ausländischen Kohlekraftwerke aus.

Ohne Geld keine Übernahme?

Dieses Geld aber dürften die Stadtwerke angesichts der notorisch klammen Kommunalkassen nicht haben. Das zeigt das Beispiel Essen. Dort sollen dem Vernehmen nach im kommenden Jahr sogar die städtischen Brunnen abgeschaltet werden, weil sich die Stadt den Betrieb nicht mehr leisten kann.

Deshalb wittert das westfälische Familienunternehmen Rethman eine neue Chance. Der Milliardenkonzern aus Lünen, zu dem unter anderen der Logistiker Rhenus und Deutschlands größter Entsorger Remondis gehören, hatte sich in den vergangenen Monaten ebenfalls für die Steag-Beteiligung interessiert. Die gebotene Kaufsumme war dem Evonik-Vorstand allerdings zu niedrig. Geschlagen gibt sich die Rethmann-Gruppe deswegen aber nicht. Denn die Entscheidung des Evonik-Vorstands sei das eine, meint Konzernvorstand Ludger Rethmann.

Das für morgen erwartete Votum des Aufsichtsrats und das des Gesellschafterkreises dagegen sei nochmal etwas anderes. "Wir sind überzeugt, dass die Evonik-Gesellschafter an einer Lösung interessiert sind, die zum Wohle Nordrhein-Westfalens eine starke Finanzierung und deutliche Investitionen in die Steag sicherstellt“, begründet er seine ungebrochene Zuversicht.

Als Partner der Stadtwerke will Rethmann nun doch noch zum Zug kommen. Und für diesen Fall hat der Unternehmer bereits Investitionen in Milliardenhöhe in Aussicht gestellt. "Wir setzen auf Wachstum“, beschreibt der Familienunternehmer sein Steag-Konzept. Mit dem Geld soll Deutschlands fünftgrößter Stromversorger weiterentwickelt werden, um den Umsatz in den kommenden zehn Jahren zu verdoppeln.

In der rot-grünen Landesregierung findet dieser Ansatz durchaus Anerkennung. Zwar begrüßt Landesumweltminister Johannes Remmel den Zuschlag für das Stadtwerke-Konsortium. "Durch die Beteiligung der Stadtwerke kann ein neuer starker Akteur auf dem heimischen Energiemarkt entstehen, der einen Beitrag dazu leistet, die Marktmacht der großen vier Energiekonzerne streitig zu machen“, sagt der Grünen-Politiker.

Allerdings kann sich Remmel darüber hinaus auch eine Doppellösung vorstellen: "Gerade mit Blick auf das Auslandsgeschäft und die Risikominimierung ist die Beteiligung eines finanzstarken und international erfahrenen Investors sicherlich überlegenswert.“

Getragen von dieser politischen Unterstützung bietet die Rethmann-Gruppe den Stadtwerken daher eine Partnerschaft an – so wie schon im Vorfeld der Evonik-Vorstandsentscheidung. Dem Vernehmen nach war sogar eine Einigung schon mal in greifbarer Nähe. Am Ende konnten sich beide Seiten aber nicht über die endgültige Verteilung der Anteile einigen. Während die Stadtwerke eine knappe Mehrheit forderten, wollte Rethmann eine 50/50-Beteiligung.

"Bei einem so großen Projekt wollen wir auf Augenhöhe agieren“, begründet der Manager, für den die Beteiligung eine Investition in die Diversifizierung seines Unternehmens sein soll. Derzeit besteht die Rethmann-Gruppe aus drei Unternehmensteilen. 2010 werden sie gemeinsam auf einen Jahresumsatz von über rund neun Mrd. Euro kommen.