Wohlstand

Wo in Deutschland die meisten Reichen wohnen

Arm und reich sind in Deutschland ungleich verteilt. Die Konsumforscher der GfK haben untersucht, wie viel Geld die Haushalte jeden Monat zur Verfügung haben. Morgenpost Online stellt exklusiv die Ergebnisse für die Städte und Landkreise vor. Der Wohlstandsvergleich birgt einige Überraschungen.

Das Berchtesgadener Land sieht aus wie eine Modelleisenbahnlandschaft, die mit viel Liebe modelliert wurde – und mit Geld. Im Schatten des majestätischen Watzmann-Gipfels sind die Höfe herausgeputzt, davor parken PS-starke Geländewagen. Und in Bad Reichenhall haben sogar Fachgeschäfte Rolltreppen, um die ebenso betuchte wie betagte Kundschaft durch den Laden zu befördern. Im Berchtesgadener Land sitzt das Geld, möchte man meinen. "Das ist ja das Missverständnis. Nur weil die Landschaft schön ist, muss es uns noch lange nicht gut gehen", sagt Landrat Georg Grabner. Der schöne Schein trügt tatsächlich

Im malerischen Südostzipfel Bayerns ist die Zahl der Einwohner, die jeden Euro mehrmals umdrehen müssen, überdurchschnittlich hoch, wie das Marktforschungsinstitut GfK ermittelt hat. Mehr als ein Viertel der Haushalte dort hat mit einem Nettoeinkommen von unter 1100 Euro im Monat zurechtzukommen. Das ist eine Quote, wie man sie sonst nur in Ostdeutschland erwartet. Die Zahl der Topverdiener im Berchtesgadener Land liegt dagegen lediglich auf dem Niveau der Landkreise in Thüringen.

Zum ersten Mal hat das größte deutsche Marktforschungsinstitut anhand von Daten der Statistischen Ämter errechnet, wie – gemessen an den Nettoeinkommen der Haushalte – Armut und Reichtum in Deutschland verteilt sind. Das Fazit: Wohlstand herrscht – mit Ausnahmen – vor allem im Süden der Republik, rund um Hamburg und im Rheinland. Weit im Osten dagegen ist meist Ebbe im Portemonnaie. Das überrascht kaum, und dennoch birgt die Studie der GfK überraschende Einzelheiten.

Dass viele Wohlhabende der Republik in oder um München sowie Frankfurt am Main leben, wussten oder ahnten wir. In den vier Kreisen Starnberg, München-Land, Hochtaunus und Main-Taunus haben knapp 13 bis 15 Prozent der Haushalte ein Nettomonatseinkommen von mehr als 7500 Euro zur Verfügung. Im Bundesdurchschnitt zählen gerade mal 2,6 Prozent zu dieser Gruppe der Spitzenverdiener.

Auch dass der Nordosten der Republik nicht besonders gut abschneidet, war zu erwarten. In den Randregionen Brandenburgs beispielsweise ist die Zahl der Haushalte mit Minieinkommen hoch und die der Topverdiener kaum mehr messbar. In diesen Gegenden existierte nie nennenswerte Industrie, oder die Regionen wurden seit dem Ende der DDR weitgehend deindustrialisiert. Es gibt kaum Jobs und kaum jene Schicht von Selbstständigen, die man Mittelstand nennen könnte – wer kann und etwas gut kann, zieht weg oder ist es längst. Die, die bleiben, müssen vielfach froh sein, überhaupt ein Einkommen zu haben.

Bislang hat die GfK die Vermögensverhältnisse der Bundesbürger anhand der Kaufkraft, der regionalen durchschnittlich verfügbaren Einkommen, abgebildet. Für die neue Studie wurden die Deutschen in sieben Gehaltsgruppen eingeteilt. Am Schluss wird sichtbar, wie viele arme und reiche Haushalte an einem bestimmten Ort leben. Dadurch offenbart sich die regionale Einkommensverteilung besser. Details kommen ans Licht, die viele Fragen aufwerfen: Weshalb gibt es in kaum einer Stadt so viele Menschen mit Minieinkommen wie in Aachen und Trier? Was ist der Grund dafür, dass Stuttgart gut abschneidet, das Umland aber noch viel besser? Und warum ist die Zahl der Haushalte mit niedrigem Einkommen in Urlaubsregionen wie Garmisch oder Berchtesgaden so groß – dort, wo sich der Jetset vergnügt und eine halbstündige Fahrt über den Königssee stolze 11,80 Euro kostet?

Einen Teil der Antworten bekommt man auf dem platten Land, in der Region zwischen Hannover und der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Wer auf der Autobahn 2 von Hannover nach Berlin rauscht, kommt kaum auf die Idee, für einen Kurzurlaub abzufahren oder länger zu bleiben. Zonenrandgebiet war das früher, Förderregion. Dennoch ist der Landkreis Gifhorn ein Überraschungskandidat. Die Zahl der Geringverdiener ist gering, die derer mit Spitzeneinkommen so groß wie sonst nirgendwo in diesem Teil Deutschlands. „Wir sind ein junger Landkreis und einer, der wächst. Während in anderen Teilen Niedersachsens Kindergärten geschlossen und Schulen zusammengelegt werden, bauen wir neue“, sagt Landrätin Marion Lau stolz.

Die Menschen zieht es also in diesen Kreis, aber ist das ein Grund für den hohen Anteil von Besserverdienern? Die Ursache des Wachstums von Gifhorn liegt im nahen Wolfsburg. Dort sind die Mieten und das Bauland teurer als im Landkreis und die Wege in die Natur weiter. Wer es sich leisten kann zu bauen oder Wohneigentum zu kaufen und wer nach dem Job Entspannung im Grünen sucht, verlässt die Stadt. Die Manager von Volkswagen zum Beispiel taten und tun das nach den Worten von Landrätin Lau scharenweise. „Viele der gut bezahlen Führungskräfte von VW wohnen bei uns.“ Martin Winterkorn zum Beispiel, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen. Er zieht das Örtchen Groß Schwülper der Stadt Wolfsburg vor. Im südlichen Eckchen Gifhorns stimmt zudem die Anbindung: Man ist noch schneller als von Wolfsburg aus in Braunschweig oder Hannover.

Gifhorn ist beispielhaft für Deutschland. „Die Zahl der Topverdiener ist in den Randgebieten großer Städte meist höher als in den Städten selbst“, sagt Simone Baecker-Neuchl, Projektleiterin der GfK-Studie. Zwar gibt es in Deutschland keine amerikanischen Verhältnisse, keine Flucht aus den Citys – teilweise ist sogar das Gegenteil der Fall. „Aber der Traum von den eigenen vier Wänden ist für die, die es sich leisten können, am Stadtrand eben doch leichter realisierbar“, sagt Baecker-Neuchl.

Beispiele für dieses Speckgürtel-Phänomen gibt es viele: München, Frankfurt am Main, Stuttgart, Düsseldorf, Hamburg oder Bremen. In diesen Städten leben zwar überdurchschnittlich viele Topverdiener – aber in den Speckgürteln drumherum geht es den Menschen noch besser. Das gilt ansatzweise auch für weniger wohlhabende Gegenden. Berlin oder Saarbrücken sind im bundesdeutschen Vergleich arm, in den angrenzenden Kreisen haben die Menschen wenigstens zum Teil höhere Einkommen.

Ein zweiter Grund, warum Großstädte schlechter abschneiden als das Umland, ist ihr großer Anteil von Singlehaushalten. „Wir haben die Einkommen anhand von Haushalten ermittelt. Und Doppelverdiener sind einfach kaufkraftstärker als Singlehaushalte“, sagt Simone Baecker-Neuchl.

Wenn Singles die Quote drücken, erklärt es sich auch, warum Städte wie Aachen oder Trier so schwach abschneiden: In Aachen liegt die Zahl der Einpersonen-Haushalte laut GfK-Studie bei 47,7 Prozent, in Trier bei 45,9 Prozent. Beide Städte befinden sich damit unter den Top-Ten der deutschen Ein-Personen-Haushalte. Bundesweit wohnen in nur rund 38 Prozent der Haushalte Singles.

Die Singlequote allein ergibt allerdings kein vollständiges Bild. Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte ist im reichen München ebenfalls hoch. Ähnlich ist dies in Bremerhaven der Fall – mit dem Unterschied, dass die Region laut GfK-Studie die ärmste Deutschlands ist, denn 37,2 Prozent der Haushalte müssen mit einem Einkommen von weniger als 1100 Euro im Monat auskommen. In der Hafenstadt kommt eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenzahl hinzu: Beides – viele Singles und viele Erwerbslose – führen letztlich dazu, dass eine Region oder Stadt arm dasteht.

Berchtesgaden: Viel Landschaft zu wenig Einkommen

Die Arbeitslosenquote allein ist hingegen kein Indikator für den Reichtum oder die Armut einer Gegend, das zeigt das Beispiel Berchtesgaden. Im dortigen Arbeitsamtsbezirk liegt die Erwerbslosenquote bei drei Prozent. Das Problem des Alpen-Landkreises ist eines, das viele Urlaubsregionen drückt: „Wir haben wenig Industrie und nur eine Saison, den Sommer. In dieser Zeit müssen die Leute das Geld fürs Jahr verdienen“, sagt Landrat Grabner. „Zudem arbeiten bei uns neben der Hotellerie und Gastronomie noch viele Menschen in der Landwirtschaft.“ Und dort sind die Einkommen nicht eben üppig.

In Branchen also, in denen deutlich weniger verdient wird, als in der Industrie – zumal, wenn man den Vergleich Volkswagen mit dem üppigen Haustarif heranzieht. Wenn also die VW-Manager ins Umland abwandern, wundert das gute Abschneiden des reichen Kreis Gifhorn nicht mehr – es war also unfreiwillig vorausschauend, als diesem Landkreis ein sehr spezielles Wappen verliehen wurde: ein glücklichen Löwe, umgeben von vielen roten Herzchen.