Rohstoffhandel

Wie Spekulanten den Kaffee-Preis in die Höhe treiben

Der Franzose Tom Lebreton kennt den Kaffeehandel seit drei Jahrzehnten. Er erklärt der Morgenpost Online die jüngsten Marktturbulenzen.

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Tom Lebreton wollte Lehrer werden. „Es gibt nichts Schöneres, als das weiterzugeben, was man selbst gelernt hat“, sagt der 52-jährige Franzose. Wenn er mal wieder beim Erklären mit den Fingern Kreise malt, kann man ihn sich gut vor einer Schulklasse vorstellen. Aus dem Lehrerberuf wurde jedoch nichts. Stattdessen ist Lebreton Kaffeehändler geworden, er handelt nun schon seit drei Jahrzehnten mit Rohkaffee. Er hat in 45 Ländern rund um den Äquator Erfahrungen gesammelt. Nach mehreren Stationen bei Handelsfirmen arbeitet er jetzt für den Nahrungsmittelkonzern Kraft Foods. Doch ob er sein umfangreiches Wissen tatsächlich an Jüngere weiterreichen möchte, wie er sich das als Lehrer einst erträumt hatte, darüber sind Lebreton Zweifel gekommen. Die einst vertraute Welt des Kaffeehandels scheint ihm seit ein paar Monaten aus den Angeln gehoben.

„Ich habe die 240 Cents nicht kommen sehen. Das tut mir richtig weh. Aber ich muss eben glauben, was auf dem Bildschirm steht“, fleht Lebreton die Daten auf dem Computerbild förmlich an. Er steht im Handelsraum von Kraft Foods in Zug in der Schweiz und will Rohkaffee für Marken wie Jacobs, Hag oder Carte Noir einkaufen. Bis zu sechs Einkäufer arbeiten hier im Kaffeehandel. Kinderfotos und Glücksbringer aus Plüsch zieren ihre Bürotische.

Der Einkauf ist für Lebreton viel schwieriger geworden, seit der Preis für Rohkaffee Woche für Woche in immer neue Rekordhöhen klettert. Für ein Pfund der Sorte Arabica soll Lebreton an diesem Nachmittag über zwei Dollar bezahlen. Selbst Preise von 240 US-Cents hat es in diesen Wochen schon gegeben: umgerechnet 1,74 Euro für 454 Gramm Kaffeebohnen. Beinahe doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

Eigentlich müsste es ganz anders sein: Die jüngste Ernte in Brasilien, dem mit Abstand wichtigsten Anbauland für die begehrte Arabica-Bohne, war hervorragend. Auch in Äthiopien oder Vietnam, anderen großen Anbauregionen, gab es weder eine ungewöhnliche Trockenheit noch starke Regenfälle, die die Kaffeebohnen hätten zerstören können. Es ist genug Rohware auf dem Markt. Doch die Kaffeebörsen in New York und London orientieren sich nicht an den Fundamentaldaten, sagt Lebreton: „Seit Spekulanten in unser Geschäft eingestiegen sind und mit ihren Termingeschäften Milliarden Dollar in den Kaffeemarkt pumpen, ist das Gleichgewicht zerstört.“ Angebot und Nachfrage bestimmten nicht mehr den Preis. Im Durchschnitt 14-mal wird nach seiner Berechnung jeder einzelne Sack Kaffee gehandelt. Dieses häufige Verschieben der Ware ist es, was die Preise explodieren lässt.

Der Sohn eines Baumwollhändlers aus dem französischen Rouen fühlt sich persönlich getroffen. „Wir kennen uns alle im Kaffeegeschäft. Wer mit Rohkaffee handelt, begegnet sich irgendwann. Doch die Hedgefonds, die nie eine Kaffeebohne oder gar einen Sack Kaffee in die Hand nehmen, sondern nur Papiergeschäfte machen, kennen wir nicht“, sagt Lebreton. Die Macht der ungebetenen Mitspieler ist groß: An einem einzigen Tag bewegen diese Investoren mehr Kaffee, als der Konzern Kraft Foods im ganzen Jahr einkauft – aber nur virtuell: Gigantische Mengen werden auf dem Computer hin und her verkauft. Die Ware rollt, so nennen das die Experten. Das treibt den Rohkaffeepreis in die Höhe.

Nun müssen sich Kaffeeröster seit jeher absichern, damit sie in den kommenden Monaten genug Rohware zu einem kalkulierbaren Preis bekommen. Spekulation und Kauf für spätere Lieferung gab es schon immer. Aber die Relationen haben sich in den vergangenen Monaten dramatisch verändert. Statt zwei Milliarden Euro wie früher sind es heute 70 Milliarden Euro, die als Termingeschäfte im weltweiten Kaffeehandel angelegt sind – alles Geld, mit dem keine einzige Kaffeebohne wirklich gekauft werden soll, kritisieren Händler wie Lebreton. Die Folge: Die Kaffeeröster kaufen so wenig Rohkaffee ein wie möglich. „Derzeit leben alle von der Hand in den Mund“, sagt Lebreton. Kraft ist neben Nestlé der größte Kaffee-Einkäufer der Welt. Seit der Übernahme von Jacobs Suchard vor 18 Jahren rangiert der Konzern auch in Deutschland unter den Top-Kaffeeverkäufern.

Wer die Hedge Fonds oder Investoren hinter den Buchstabenkürzeln auf der Computerseite sind, weiß niemand genau. „Diese Fonds kaufen Kaffee-Positionen und setzen damit auf einen Preisanstieg. Das heizt die Nachfrage enorm an“, sagt Klaus Werner, Deutschlandchef von United Coffee. Dadurch wiederum sinke die Verfügbarkeit des Rohkaffees, was den Preis antreibe. Seine Genfer Firma kauft Rohkaffee für große deutsche Discounter und Lebensmittelketten, röstet ihn und stellt Eigenmarken der Einzelhändler her. „Spekulation lässt sich nun einmal nicht unterbinden“, sagt Werner. Anders als beim Rohöl könne man beim Kaffee den Hahn nicht einfach aufdrehen und mehr Ware in den Markt pumpen. „Wir erleben eine künstliche Verknappung der Ware, für die es fundamental gar keinen Grund gibt.“ Allerdings glaubt Experte Werner nicht, dass das auf Dauer so bleibt. Irgendwann werde der Preis auf ein den Bedingungen angepasstes Niveau fallen. „Wenn es nur nach Angebot und Nachfrage ginge, würde der Preis deutlich unter zwei Dollar pro Pfund liegen.“

In den Regalen im Supermarkt müsste Kaffee bei dieser Entwicklung viel teurer sein. Doch unter den großen Kaffeekonzernen hat sich bislang lediglich Tchibo aus der Deckung gewagt und den Pfundpreis um bis zu 50 Cent angehoben. Über kurz oder lang werde der Verbraucher mehr für Kaffee zahlen, heißt es wenig präzise bei den anderen Kaffeeröstern. Fakt ist aber, dass der Ladenpreis für das Pfund in diesen Wochen lediglich um 20 Cent im Durchschnitt gestiegen ist – und das bei einem in den vergangenen sechs Monaten um 50 Prozent höheren Rohkaffeepreis. Mit Sonderangeboten setzen Jacobs, Melitta und selbst Tchibo für den Verbraucher ein ganz anderes Signal. Der Kaffeetrinker in Deutschland hat sich daran gewöhnt: 70 Prozent des Kaffeepulvers werden über Preisaktionen verkauft.

Der Druck im Einzelhandel kommt sowohl von den Supermarktketten als auch den Discountern. Selbst wenn Aldi gerade seine Kaffee-Marke Markus im Preis angehoben hat: Der erfolgreiche Billig-Händler verkauft das Pfund nach wie vor günstig, und die anderen machen mit. Jedenfalls halten sie nicht geschlossen dagegen. „Aldi setzt den Preis. Und Aldi verkauft im Moment unter dem Wiederbeschaffungspreis“, sagt ein Kaffeemanager. Anders ist es im Ausland: In Frankreich, Spanien oder in den USA ist Kaffee in den vergangenen Monaten schon deutlich teurer geworden.

Die Rechnung geht tatsächlich nicht auf: Kaffee- und Mehrwertsteuer machen in Deutschland bei einem Pfund brauner Bohnen 1,33 Euro aus. Nimmt man einen Rohkaffeepreis von 1,74 Euro hinzu, ergeben sich 3,07 Euro – und dabei ist der Aufwand für Schiffstransport, Röstung sowie Handelslogistik und Vertrieb noch gar nicht berücksichtigt. Ein Discounter-Angebot von 2,99 Euro kann also, für sich genommen, nicht profitabel sein. Auf entsprechende Fragen antworten Handelsexperten dann: Kaffee sei immer noch ein „Eck-Artikel“, an dem sich Kunden orientieren.

Da Discounter den Kaffee teilweise in eigenen Fabriken rösten, können sie den Beschaffungspreis selbst beeinflussen. Ein Geschäft unter Einstandspreis und damit ein Verstoß gegen das Gesetz werden kaum nachweisbar sein. Mit solchen Mitteln wollen die Kaffeeröster derzeit ohnehin nicht gegeneinander vorgehen. Schließlich sind die großen Anbieter Kraft, Tchibo, Melitta und Dallmayr noch von dem vor gut einem Jahr aufgedeckten Kaffee-Kartell gebrandmarkt. Damals mussten einige wegen illegaler Preisabsprachen 160 Millionen Euro Strafe zahlen. Da verhält man sich besser demütig und ruhig. Zumindest, solange man auf die Hilfe des Staates hofft: Kaffeeröster Kraft Foods ruft nämlich bereits als erster Konzern öffentlich die Regierung an. „Wir brauchen mehr Transparenz im Kaffeehandel. Ähnlich wie in den USA muss ein Gesetz dafür sorgen, dass Händler, die an den Börsen mit Lebensmitteln Geschäfte machen, eindeutig zu identifizieren sind“, fordert Hubert Weber, der bei Kraft das Kaffeegeschäft in Europa verantwortet. „Außerdem müssen die Mengen der gehandelten Rohware begrenzt werden“, sagt der Manager. Er verweist dabei auf das Dodd-Frank Act in den USA, das den Eigenhandel von Banken und anderen Investoren einschränkt. Hat an der New Yorker Börse ein Händler eine riesige Position etwa an Kaffee-Rohware gekauft, aber nirgends ist ein Abnehmer in Sicht, kann die Börsenaufsicht eingreifen. Zudem gibt es Pläne der Europäischen Union, die Spekulation an den Lebensmittelmärkten einzuschränken. In Deutschland hat Verbraucherministerin Ilse Aigner den Kampf gegen Lebensmittel-Spekulation aufgenommen.

Ziel soll sein, dass Händler identifizierbar sind, dass sie nur in einem bestimmten Volumen Ware handeln dürfen und dass Haltefristen eingeführt werden. Ein Verschieben riesiger Mengen an Nahrungsmittelrohstoffen binnen Minuten durch anonyme Marktteilnehmer wäre dann nicht mehr möglich. „Kaffee ist seit einem halben Jahr eine der Top-Wetten der Finanzwelt geworden. Ob die Blase platzt oder ob das noch eine Weile so weitergeht, kann heute niemand wissen“, sagt Manager Weber. Wer nicht wolle, dass dadurch Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben würden, müsse den Markt regulieren.

Ein Nutznießer steht aber schon fest: Lateinamerikas Kaffeebauern bekommen derzeit mehr Geld. Das räumen nicht nur die Konzerne ein. „Ein Stück weit kommen die Rekordpreise an den Kaffeebörsen den Bauern zugute. Preissteigerungen gehen zwar nicht eins zu eins an sie weiter, aber die Kaffeepflanzer profitieren“, sagt Claudia Brück, Sprecherin des Vereins Fair Trade.

Seinen beiden Söhnen empfiehlt Tom Lebreton übrigens nicht den Beruf des Kaffeehändlers. „Sie sollen etwas anderes machen“, sagt er und wirft dabei die Hände nach oben.