Android 3.0

Google will Apple's Marktmacht bei den Apps knacken

Internetkonzern stellt eine neue Software "Honeycomb" für Tablet-Computer vor. Sie soll Apples Quasi-Monopol brechen.

Foto: AFP

Eigentlich sah es ganz so aus, als ob sich das für Apple wichtigste Ereignis in New York abspielte. Der Technologiekonzern hatte seinen Manager Eddy Cue an die Ostküste geschickt, um dort zusammen mit dem Medienunternehmer Rupert Murdoch dessen erste reine iPad-Zeitung „The Daily“ vorzustellen. Doch mehr dürfte den kranken Apple-Chef Steve Jobs interessiert haben, was bei ihm ganz in der Nähe passierte, in Mountain View in Kalifornien. Dort präsentierte Google nämlich sein neues Betriebssystem namens Android 3.0, mit dem es auf mittlere Sicht Apples Dominanz auf dem Markt für Tablet-Computer brechen will.

Ursprünglich hatte Google diese Software für die sogenannten Smartphones entwickelt, internetfähige Handys, die viel mehr können als nur telefonieren. Das neue System mit dem Codenamen „Honeycomb“, also Honigwabe, sei nun aber auch auf größere Bildschirme zugeschnitten und habe eine deutlich bessere Grafik, sagte Google-Entwickler Chris Yerga bei der Vorstellung. Sie passt sich damit genau den Bedürfnissen der Tablet-Computer an, bei denen Apple mit seinem Erfolgsmodell iPad bislang 90 Prozent des Marktes abdeckt.

Apple stattet seine Geräte ausschließlich mit der eigenen Betriebssoftware „iOS“ aus. Google dagegen hat keinen eigenen Tablet-PC im Angebot und wendet sich mit der Software nicht an den Endkunden, sondern an Hersteller. Dabei konkurriert der Konzern bei traditionellen PC-Herstellern wie Dell, Acer oder Asus auch mit den Systemen von Microsoft. Trotz der unbestrittenen Vorreiterrolle von Apple gibt es Punkte, bei denen Google mit seiner Software ansetzen kann. So vermissen manche iPad-Besitzer etwa einen Flashplayer auf ihrem Gerät, eine Software, die das Abspielen eines weit verbreiteten Video-Formats ermöglicht. Apple hatte diese Funktion bewusst weggelassen, da sie angeblich zu viel Energie verbrauche.

Google will nun vor allem neue Tablet-Computer der Apple-Konkurrenten mit seiner Honigwaben-Software ausstatten. Auf den wenigen Konkurrenzprodukten, die nicht von Apple stammen, läuft meist noch eine Vorgängerversion von Android mit dem Namen „Gingerbread“, also Lebkuchen. Die Honigwabe soll nun vor allem bei den sogenannten Apps, den Zusatzprogrammen für die Tablet-Computer, deutlich besser sein als sein Vorgänger. Denn hier macht sich auch der größte Abstand zu Apple bemerkbar. Während es für Android etwa 100.000 Apps gibt, findet man im Apple-Store mehr als dreimal so viele. Dazu kam bislang das Manko, dass der App-Marktplatz bei Android auf manchen Geräten gar nicht erst funktionierte. Hier hat Google nachgezogen und sein System dem von Apple angenähert. Mit der neuen Version will es Google den App-Anbietern leichter machen, Geld mit den kleinen Programmen zu verdienen. Auch die Programmierung von Apps soll einfacher werden.

Analysten lobten das neue System als ordentlich und gut durchdacht – aber nicht spektakulär. „Es verkürzt den Abstand zu Apple um ein gutes Stück“, sagte etwa Analyst Colin Gillis von der Beratungsfirma Boston Consulting Group. „Aber es hat nichts, was mich über Nacht dafür anstehen lassen würde.“ Wenn Apples Neuigkeiten in die Läden kommen, schlagen sich regelmäßig eine Menge Menschen die Nacht um die Ohren, um bei Geschäftsöffnung ganz vorne mit dabei zu sein: So geschehen beim iPhone und im vergangenen Jahr beim Start des iPads, in New York ebenso wie in London oder Tokio.

Beim Versuch, Android-Produkte so sexy zu machen wie die von Apple, werden die Apps eine große Rolle spielen – und auch bei der Frage, welcher Hersteller sich am Ende durchsetzt. Sind es doch diese Zusatzfunktionen, die einen Tablet-Computer erst zu dem Gerät machen, mit dem man sich gerne beschäftigt. Seit zwei Tagen lässt Google nun Entwickler mit seiner neuen Software arbeiten. Wann einem von ihnen der große Wurf gelingt, kann man nach so kurzer Entwicklungszeit nicht abschätzen. Analysten gehen davon aus, dass jeder der großen Computerhersteller nun spätestens bis zur Jahresmitte eines seiner Tablet-Modelle mit der neuen Honigwabe ausstattet. Jedenfalls dürfte es nun zum ersten Mal ansatzweise so etwas wie einen Wettbewerb auf dem Markt für Tablet-Computer geben. Ein Vorbild für den Aufbruch des Quasi-Monopols bei Apple könnte Googles Erfolg bei den Smartphones sein, darauf hofft zumindest der Suchmaschinenkonzern. Dort landete Android im Schlussquartal des vergangenen Jahres laut dem Marktforscher Canalys unter den Handy-Betriebssystemen auf Platz eins.

Vielleicht war die Präsentation der neuen Android-Software auch der Grund, weshalb Apple-Manager Eddy Cue in New York äußerst sanfte Worte in Richtung der großen Medienhäuer der Welt aussandte. In den vergangenen Wochen gab es das Gerücht, dass Apple die Verlage zwingen wolle, alle Abos künftig nur noch über iTunes abzuschließen. Das stört die Verlage in zweierlei Hinsicht: Erstens fließen dabei automatisch 30 Prozent des Erlöses an Apple. Und zum Zweiten haben die Medienhäuser dann keinen Zugriff mehr auf die Daten ihrer Kunden – und damit kaum Möglichkeiten, ihr iPad-Angebot mit einem Printabonnement zu koppeln. Laut Eddy Cue werde man Inhalte sowohl über iTunes als auch auf anderen Wegen erwerben können. „Wir haben ein ausgezeichnetes Verhältnis zu den Verlegern“, sagte er. „Sie werden zu diesem Thema in Kürze eine Ankündigung von uns hören.“