Wirtschaftsforschung

DIW sucht Nachfolger für Chef Zimmermann

Dem Chef des Berliner Forschungsinstituts, Klaus Zimmermann, wurde Misswirtschaft vorgeworfen. Bei der Aufklärung kooperierte er angeblich wenig. Jetzt muss er seinen Posten aufgeben.

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Schwere Vorwürfe des Landesrechnungshofs, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Untreue, eine zum großen Teil verbitterte und demoralisierte Belegschaft: Andere hätten wohl längst ihren Posten geräumt. Nicht so Klaus F. Zimmermann (58).

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin kämpfte bis zuletzt. Am Samstag hatte der „Spiegel“ gemeldet, im Kuratorium des größtenteils staatlich finanzierten Forschungsinstituts bröckele die Unterstützung für Zimmermann. Tags darauf verschickte der Professor noch eine Rundmail – Priorität: „hoch“ -, in der er unter anderem auf einen Aufsatz verwies, in dem der Bochumer Rechtswissenschaftler Dieter Leuze eine „geduldete Pressekampagne“ gegen das DIW und seinen Chef anprangert.

Irgendwann zwischen Sonntagnachmittag und Montagabend kam das Aus: Auch die letzten Verteidiger Zimmermanns im Kuratorium entzogen dem langjährigen Institutspräsidenten die Unterstützung. In einer Pressemitteilung erklärte der Kuratoriumsvorsitzende Bert Rürup am Dienstag, Zimmermann werde „sein Amt bis zur Jahresmitte 2011 zur Verfügung stellen“. Tatsächlich ist Zimmermanns Arbeit beim DIW bereits Vergangenheit. „De facto ist er schon nicht mehr im Amt“, erfuhr Morgenpost Online aus der Führungsetage des Instituts. Unter den Mitarbeitern sei die Stimmung nach Bekanntwerden des Abgangs „überwiegend gelöst“ gewesen.

Zimmermann war zehn Jahre Präsident

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wurde 1925 gegründet. Rund 300 Menschen arbeiten und forschen am Sitz an der Mohrenstraße. Das Institut wird vom Bund und dem Land Berlin finanziert. Zudem erwirtschaftet das DIW selber Erlöse. Der Etat beläuft sich auf 19 Millionen Euro, gut 17 Millionen davon kommen aus Steuergeldern.

Klaus Zimmermann stand Deutschlands größtem Wirtschaftsforschungsinstitut seit dem Jahr 2000 vor. Der Arbeitsmarktexperte hat, das sagen auch seine Kritiker, dem vormals verschlafenen Institut in seiner Anfangszeit neue Dynamik und Relevanz verliehen. Er holte das traditionell keynesianische angehauchte Haus aus seiner Außenseiterrolle heraus und führte es gen Mainstream.

In den vergangenen Jahren aber machte er wiederholt mit eigenwilligen Vorstößen Schlagzeilen – etwa, als er ohne Wissen seiner Konjunkturexperten auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erklärte, das DIW werde bis auf Weiteres keine Wachstumsprognosen mehr veröffentlichen. Seinen Prognosestreik gab Zimmermann sehr rasch wieder auf – und machte es stattdessen zu seinem Markenzeichen, alle paar Monate die Anhebung der Mehrwertsteuer auf 25 Prozent zu fordern.

Hinzu kam eine ganze Serie von Rückschlägen: Bei der Bewerbung um die prestigeträchtige, vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebene „Gemeinschaftsdiagnose“ flog das Berliner Institut vor einem Jahr schon in der ersten Runde raus – eine beispiellose Demütigung. Die Deutsche Telekom Stiftung und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) entzogen dem DIW den lukrativen Auftrag für ihren „Innovationsindikator“. Ganze Bereiche des DIW, darunter die wichtige Konjunkturabteilung, bluteten aus, weil viele Wissenschaftler das Haus verließen – auch und vor allem wegen seines autokratisch agierenden Präsidenten.

So richtig in die Schlagzeilen aber geriet das DIW vor allem durch einen Prüfbericht des Berliner Landesrechnungshofes. Die Prüfer warfen Zimmermann darin Ende 2009 zahlreiche Fälle von Misswirtschaft vor – und sahen ein Beanstandungspotenzial von rund sieben Mio. Euro. Zimmermann gab die verfolgte Unschuld, engagierte auf eigene Kosten Rechtsbeistände und Medienberater. Doch die Experten des Rechnungshofs halten an ihrer Kritik in allen wesentlichen Punkten bis heute fest. Und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Untreueverdachts, eingeleitet vor nunmehr zwölf Monaten, laufen weiter.

Dennoch bekam Zimmermann im Kuratorium weiterhin Unterstützung, vor allem von den drei Vertretern der Berliner Senatsverwaltung. Beobachter waren davon ausgegangen, dass der Ökonomieprofessor in seinem Amt bleiben könne, solange keine Anklage gegen ihn erhoben werde. Nach Informationen dieser Zeitung hat aber das Verhältnis zwischen DIW-Chef und dem Wissenschaftssenat in den vergangenen Monaten dann doch gelitten. Zimmermann, der den Rechnungshofsbericht seinem Betriebsrat und selbst seinem damaligen Geschäftsführer lange vorenthielt, hatte der Senatsverwaltung zwar versprochen, bei der Entgegnung auf die Vorwürfe der Prüfer nach Kräften zu kooperieren. In der Praxis aber habe sich die Zusammenarbeit aus Sicht der Berliner Beamten als „mühsam“ erwiesen, heißt es aus dem DIW-Umfeld.

Klaus Zimmermann selbst ließ am Dienstag auf Anfrage von Morgenpost Online mitteilen, er wolle sich zu den Vorgängen nicht äußern. Auch über seine Zukunftspläne ist bisher noch nichts bekannt. Klar ist nur, dass der Mann nicht arbeitslos wird, er hat noch Lehraufträge an Universitäten in Berlin, Bonn und Peking – und seinen Job als Direktor beim Bonner „Institut zur Zukunft der Arbeit“ (IZA).