Kontaktlinsen

Schlecht fürs Auge – gut fürs Geschäft

Brent Saunders, Chef des Kontaktlinsenkonzerns Bausch+Lomb, über die Folgen der modernen Arbeitswelt für das Auge.

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Brent Saunders steht an der Spitze des Kontaktlinsen- und Augentropfenkonzerns Bausch+Lomb. Der deutsche Markt für Kontaktlinsen steckt seiner Meinung nach noch in den Kinderschuhen. Und auch mit Lasern zur Augenkorrektur werden viele Menschen mit Sehschwäche im Laufe ihres Lebens dem Manager zufolge noch Erfahrungen machen.

Morgenpost Online: Herr Saunders, wir verbringen viele Stunden vor Computern in klimatisierten Räumen. Das ist schlecht für die Augen und gut für Ihr Geschäft, oder?

Brent Saunders : In der Tat sind die modernen Arbeitsplätze nicht gerade gut für die Augen. Unsere Aufgabe als Hersteller von Augenmedizin ist es, diesen Entwicklungen in der Arbeitswelt Rechnung zu tragen und die bestmöglichen Augentropfen und Kontaktlinsen zu entwickeln, damit die Menschen ohne Probleme arbeiten können und die Augen nicht geschädigt werden. Aber es ist nicht nur die moderne Arbeitswelt, an die wir unsere Entwicklungen anpassen. Auch die Zahl der Allergien nimmt ständig zu. Bei Heuschnupfen wollen die Menschen beispielsweise ein Mittel haben, das ihnen schnell Linderung verschafft, möglichst keine Nebenwirkungen hat und sich leicht in der Hosentasche mitnehmen lässt.

Morgenpost Online: Wurde mit der Kontaktlinse das Ende der Brille eingeläutet?

Saunders : Absolut nicht. Es sind zwei verschiedene Sehhilfen, die sich sehr gut ergänzen. Mancher, der es gewohnt ist, Brille zu tragen, setzt sich nur zu besonderen Anlässen oder Aktivitäten Kontaktlinsen ein, zum Beispiel um beim Sport eine bessere Bewegungsfreiheit zu haben. Andere schwören aber auch voll auf Linsen und tragen überhaupt keine Brille mehr. In Deutschland ist die Kontaktlinse allerdings noch recht wenig verbreitet. Gerade mal fünf Prozent der Menschen, die eine Sehhilfe benötigen, entscheiden sich für Kontaktlinsen. In den skandinavischen Ländern und den USA dagegen ist es schon fast jeder Fünfte. Es gibt hierzulande also noch einen riesigen unerschlossenen Markt.

Morgenpost Online: Neben Tropfen und Kontaktlinsen entwickeln Sie auch Lasertechnik für die Augenchirurgie. Wenn sich jemand seine Sehschwäche weglasern lässt, ist er dann nicht als Kunde für Sie verloren?

Saunders : Auf den ersten Blick könnte man das meinen. Wenn sich ein Mensch in jungen Jahren jedoch die Augen mit einer Operation korrigieren lässt, heißt das noch lange nicht, dass er Jahre später keine Alterssehschwäche oder etwa trockene Augen bekommt. Das ist völlig normal. Bei Alterssehschwäche braucht er als Ergänzung dann wieder eine Brille oder Kontaktlinsen. Man kann also nicht sagen, dass wir uns mit unseren chirurgischen Instrumenten selbst Konkurrenz machen, sie sind vielmehr eine Ergänzung. Zudem hat auch der Markt für Augenkorrekturen per Laser noch enormes Potenzial. Er ist noch weniger erschlossen als der Markt für Kontaktlinsen.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Deutschland innerhalb ihres Unternehmens?

Saunders : Berlin ist unser neues Europa-Kompetenzzentrum für Forschung und Entwicklung im Bereich Pharma sowie für die Produktion von Augentropfen in sterilen Einzeldosen. Wir wollen hier kräftig wachsen und vom Jahr 2013 an von Berlin aus die ganze Welt mit flüssigen Augenpräparaten beliefern. Dafür brauchen wir allerdings noch die Zustimmung der US-Gesundheitsbehörde FDA. Die Produktion von Tabletten verlegen wir dagegen von hier weg. Pillen lassen sich in Fernost mittlerweile wesentlich günstiger und mit weniger hochausgebildeten Menschen als in Deutschland herstellen.

Morgenpost Online: Was heißt das für die Arbeitsplätze?

Saunders : Genaue Zahlen kann ich Ihnen nicht nennen. Einige Stellen werden durch die Verlagerung der Pillenproduktion wegfallen. Das heißt aber nicht unbedingt, dass wir Mitarbeitern kündigen müssen. Wir werden versuchen, sie auf anderen Stellen einzusetzen. Fest steht, dass wir vorhaben, neue Arbeitsplätze in Deutschland zu schaffen. Das hängt vom Wachstum ab und davon, wie gut unsere Produkte bei den Kunden ankommen. Aktuell stellen wir beispielsweise sieben Experten im Bereich Forschung und Entwicklung ein. Und so kann es von mir aus gerne weitergehen.

Morgenpost Online: Was macht Berlin so besonders für Sie?

Saunders : Berlin ist eine internationale Stadt in der Mitte Europas. Die Verkehrswege sind sehr gut. Wir finden hier top-ausgebildete Leute für unsere Forschung und Entwicklung sowie zahlreiche hervorragende Kooperationspartner, wie etwa die Charité. Zudem ist Berlin im Vergleich aus Kostensicht ein günstiger Standort.

Morgenpost Online: Vergangenes Jahr legte der Wirtschaftssenat die Subventionen für Ihr Unternehmen auf Eis, weil Sie 53 Ihrer zuvor 670 Stellen gestrichen haben. Mussten Sie Geld zurückzahlen?

Saunders : Bausch + Lomb hat in erheblichem Umfang in den Standort Berlin investiert, in den letzten drei Jahren allein 30 Millionen Dollar. Natürlich haben uns die Subventionen der Stadt dabei geholfen, den Standort zukunftsfähig auszubauen – unter anderem ist es uns gelungen, unsere Produktion von Augentropfen in Einzeldosen binnen fünf Jahren mehr als zu verdoppeln. Wir mussten kein Geld zurückzahlen und haben seit dem letzten Jahr keine weiteren Zahlungen von der öffentlichen Hand erhalten. Zum Senat haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Der Bezirksbürgermeister hat Mitte Juni unsere neue Produktionshalle eingeweiht. Ende Juli geht die Anlage in Betrieb.

Morgenpost Online: Sie sitzen ja erst seit ein paar Monaten im Chefsessel bei Bausch + Lomb. Was haben Sie sich für das erste Jahr vorgenommen?

Saunders : Ich habe erst mal eine Menge Zeit damit verbracht, zu reisen und alle Bereiche des Unternehmens kennenzulernen. Mein Ziel ist es, die Prozesse zu straffen und eine Menge Bürokratie abzubauen. Wir müssen unsere Kosten weiter senken, um in neue Innovationen investieren zu können. Das muss natürlich durchdacht geschehen, sonst läuft man schnell mit dem Kopf vor die Wand.

Morgenpost Online: Wie wirken sich die Kostensenkungen hierzulande aus?

Saunders : Bei den Kosten sieht es in Berlin ganz gut aus. Hier muss weniger gespart werden als an anderen Standorten. In Deutschland stehen eher die Investitionen im Vordergrund. Wir wollen kräftig wachsen. Ich habe meinen Leuten allerdings gesagt, sie sollen das Geld so vorsichtig wie möglich einsetzen. Am besten so, als wäre es ihr eigenes.

Morgenpost Online: In der Pharmabranche jagt eine Übernahme die nächste. Ist das sinnvoll oder sollten die Unternehmen nicht mehr in ihre eigene Forschung investieren?

Saunders : Sicherlich ist nicht jede Fusion oder Übernahme, die wir zurzeit sehen, sinnvoll. Allerdings ist die Pharmabranche ein hartes Geschäft und nur wer eine gewisse Größe hat, kann ganz vorn mitspielen. Wir überlegen uns allerdings sehr sorgfältig, ob wir weiter zukaufen.

Morgenpost Online: In welchen Bereichen erhoffen Sie sich eine erfolgreiche Zukunft?

Saunders : Es gibt noch einiges zu tun in unserer Branche. Viele Augenerkrankungen sind noch immer nicht zufriedenstellend behandelbar. Zum Beispiel der Graue und der Grüne Star. Aber auch die Chirurgie mit künstlichen, ins Auge eingesetzten Linsen hat eine große Zukunft.