Weltleitwährung

Spekulanten wollen Dollar vom Thron stoßen

Dramatische Kehrtwende: Da viele Devisenhändler auf einen Absturz des Dollars setzen, fällt die Weltleitwährung auf den tiefsten Stand seit einem Jahr. Sollte der Dollar seinen Status verlieren, wären die Auswirkungen gravierend. Experten machen einen tiefen Vertrauensschwund dafür verantwortlich.

Foto: picture alliance / picture alliance/chromorange

Die Schwanengesänge auf den Dollar tönen immer kräftiger. Denn zunehmend mehr Akteure stimmen in den Abgesang auf die Weltleitwährung ein. Nachdem zuletzt bereits Politiker aus China und Russland eine Ablösung der US-Devise als Welt-Reservewährung gefordert hatten, stellen sich nun offenbar auch die Devisenhändler auf einen Paradigmenwechsel an den Finanzmärkten ein. Sie setzen auf einen langfristigen Einbruch.

"An den Terminmärkten spielt sich ein wahres Drama um den Dollar ab", sagt David Woo, Analyst bei Barclays Capital in London. Hätten die Akteure noch vor Kurzem auf Sicht von zehn Jahren mit einem Euro-Stand von 1,19 Dollar gerechnet, prognostizieren sie nun für das Jahr 2019 ein Niveau von 1,53 Dollar.

Die dramatische Wende am Terminmarkt verfehlte auch ihre Wirkung auf die aktuellen Spot-Notierungen nicht. Der Dollar rutschte zur Wochenmitte auf den tiefsten Stand seit einem Jahr - und das nicht nur gegenüber dem Euro, sondern auch anderen wichtigen Währungen. In der Spitze mussten 1,4601 Dollar für einen Euro gezahlt werden.

Damit hat die US-Devise in diesem Jahr knapp vier Prozent gegenüber der Gemeinschaftswährung eingebüßt. Noch schlechter fällt die Bilanz gegenüber britischem Pfund oder australischem Dollar aus. Hier steht seit Januar ein Minus von 14 beziehungsweise 25 Prozent zu Buche.

Bislang gingen die Experten von einer kurz- bis mittelfristigen Dollar-Schwäche aus. Der Greenback sei Leidtragender der wachsenden Risikofreude globaler Investoren. Viele Anleger würden ihr Geld aus dem sicheren, aber niedrig verzinsten Dollar abziehen und lieber in höher rentierende Schwellenmärkte stecken. Diese Umschichtungen sollten aber dann auslaufen, wenn die US-Notenbank die Leitzinsen wieder anhebt. Entsprechend dieser Argumentation fielen die Prognosen an den Terminmärkten aus. Stets wurde für die Zukunft mit einem stärkeren Dollar gerechnet. Das hat sich nun geändert. Die Akteure halten einen schwachen Dollar nicht mehr für ein vorübergehendes Phänomen, sondern spekulieren sogar auf langfristig weiter fallende Notierungen. Dieser Wandel ist für viele ein Signal. Schließlich werden an den Terminmärkten langfristige Erwartungen gehandelt. Und anders als Analysten oder Politiker setzen Händler bei ihren Vorhersagen viel eigenes Geld ein, was die Aussagekraft der Terminmarktprognosen erhöht.

Experten machen einen tieferen Vertrauensverlust in die amerikanische Währung für die Entwicklung verantwortlich und hier insbesondere das Gemisch aus niedrigen US-Leitzinsen bei gleichzeitig explodierenden Staatschulden. "Die Akteure befürchten eine politisch gewollte Schwächung des Dollar, um die horrenden Staatsschulden zu entwerten", sagt Bart Melek, Stratege beim kanadischen Broker BMO. Zwar machten andere Nationen ebenfalls Rekordschulden. Da Ausländer einen Großteil der US-Verbindlichkeiten halten, könnte die Versuchung groß sein, die Entschuldung über eine höhere Inflation quasi zu exportieren. Auch das Doppelmandat der US-Notenbank wird kritisch gesehen. Die Preise stabil zu halten, gleichzeitig aber auch noch die Konjunktur anzukurbeln, könnte gerade am Ende einer Krise historischen Ausmaßes in eine Geldentwertung münden.

Die Geschichte zeigt, dass die Finanzpolitik schon immer einen Einfluss auf die Richtung der US-Devise hatte. In Zeiten wachsender Staatsschulden verlor der Dollar an Wert. Eine solidere Ausgabenpolitik ging dagegen meist mit einem Anstieg des Greenback einher (siehe Grafik).

Sollte der Dollar seine dominante Rolle als Weltleitwährung verlieren, wären die Auswirkungen gravierend. Insgesamt geht es um 2,8 Billionen Dollar, die in Bewegung geraten könnten. Insbesondere Notenbanken nutzen für ihre Reserven den Dollar als Wertaufbewahrungsmittel. Der Status als Leitwährung bringt für die USA handfeste Vorteile. Zum einen haben US-Institutionen kein Währungsrisiko, da das Gros des internationalen Handels in ihrer Devise abgewickelt wird. Außerdem ermöglicht es die Dollar-Dominanz den Amerikanern, sich sehr viel leichter an den Finanzmärkten zu verschulden.

Anlegern, die die Chancen auf den Devisenmärkten aktiv nutzen wollen, empfehlen Experten Engagements in den aufsteigenden Währungen zum Beispiel mittels Zertifikaten. Gewinner der Krise sind China, Brasilien oder Kanada, entsprechend aussichtsreich sind Renminbi, Real und Kanada-Dollar. Für weniger spekulative Investoren eignen sich Devisenfonds, die mit den Bewegungen bei Dollar, Euro und Renminbi Rendite erwirtschaften. Die Erträge sind unabhängig von der Entwicklung an den Kapitalmärkten und dienen damit der Risikominimierung. Allerdings gibt es bei der Anlagephilosophie große Unterschiede, was sich auch in der höchst unterschiedlichen Wertentwicklung der Produkte spiegelt (siehe Tabelle). Mit einigen Indexfonds können Anleger an systematischen Währungsstrategien wie Carry (Zinsdifferenzen), Momentum (Trendfolge) oder aber Valuation (Über- und Unterbewertung) partizipieren.