Giftiges Fleisch

Dioxin auch in Schweinefleisch entdeckt

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In Niedersachsen ist nun erstmals auch ein stark erhöhter Dioxinwert in Schweinefleisch nachgewiesen worden. Mehrere hundert Tiere müssen auf diesem Hof nun getötet werden. Derweil werden in Lebensmittelgeschäften die Bio-Eier knapp.

Im aktuellen Dioxin-Skandal sind Kontrolleure in Niedersachsen erstmals auf belastetes Schweinefleisch gestoßen. In der Fleischprobe eines testweise geschlachteten Tieres von einem Mastbetrieb sei von amtlichen Veterinären ein erhöhter Giftwert festgestellt worden, sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Hannover, Gert Hahne, am Dienstag. Wie weit der zulässige Grenzwert überschritten wurde, konnte er nicht sagen.

Der betroffene Betrieb gehörte den Angaben zufolge zu den Kunden, die mit Futtermitteln des Unternehmen Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein beliefert worden war. Die Firma steht im Verdacht, 3000 Tonnen mit Dioxin verseuchtem Futterfett verkauft zu haben, das zu Tierfutter verarbeitet wurde.

Das Fleisch von mehreren hundert Mastschweinen sei nach der positiven Probe für nicht verkehrsfähig erklärt worden, sagte der Ministeriumssprecher. Die Tiere würden nun getötet und anschließend verbrannt.

In einem anderen Schweinemastbetrieb sei nach Ergebnissen von Probeschlachtungen ein Wert im Bereich des Grenzwertes ermittelt worden. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums sind derzeit von den ursprünglich rund 4.400 Betrieben im Land Niedersachsen noch 330 gesperrt. Diese Schweine- und Putenmäster sowie Legehennenbetriebe würden einzeln kontrolliert, um Risiken für die Lebensmittelsicherheit auszuschließen.

Derweil haben die Verbraucher die Regale mit Bio-Eiern leer gekauft. „Bio-Eier sind ausverkauft“, sagte Prof. Ulrich Hamm, Experte für Lebensmittelmarketing im Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel. Schon ohne Skandal seien Eier und Geflügelfleisch, aber auch Schweinefleisch aus ökologischer Produktion, knapp. Denn die Umstellung dieser Betriebe sei besonders schwierig und teuer.

Der Bedarf an Bio-Produkten lasse sich derzeit nicht befriedigen, sagte Hamm. „Wo sollen wir die Eier hernehmen – die Hühner legen ja nicht plötzlich zwei am Tag.“ Öko-Händler mit langfristigen Lieferverträgen hätten weniger Probleme, Ware zu bekommen als Discounter, die erst kurz im Bio-Geschäft seien.

Der Run auf die Bio-Eier werde aber bald nachlassen, glaubt der Wissenschaftler. Allerdings blieben nach jedem Skandal auch einige Verbraucher den Bio-Produkten treu, so dass das Geschäft mit Öko-Ware immer noch überdurchschnittlich zulege. Im vergangenen Jahr sei der Umsatz nach ersten Schätzungen vermutlich um rund fünf Prozent gewachsen.

„Zu wenige Landwirte haben auf Öko umgestellt“, sagte Hamm. Das sei bei der Schweine-, Hühner- und Eierproduktion besonders schwierig. „Das Schlimmste ist der Stall-Umbau.“ Die Ställe müssten komplett verändert werden, um den Tieren mehr Auslauf zu geben. Bei großen Betrieben mit Tausenden von Tieren sei das fast unmöglich - „diese Riesenbetriebe umzustellen, ist ganz, ganz schwer – die Fläche für Bio ist gar nicht da.“

Auch sei es problematisch, Futterlieferanten zu finden, die den Bio-Standard erfüllen. Soja spiele als Eiweißlieferant eine große Rolle – für konventionell wirtschaftende Betriebe sei es leicht zu beschaffen, aber Bio-Betriebe hätten Schwierigkeiten, Soja ohne gentechnisch veränderte Bestandteile zu bekommen.

Das Land Niedersachsen erwägt zur Vorbeugung künftiger Krisen striktere Kontrollen der Futtermittelindustrie. Es gebe Überlegungen, künftig bereits bei den Produzenten der einzelnen Komponenten von Tierfutter genauer hinzuschauen, um Problemen an der Wurzel zu begegnen, sagte Hahne. Um Risiken auszuschließen, hätten die Behörden inzwischen zu einem erheblichen Teil geklärt, in welcher Konzentration das Fett in Futter verarbeitet und wohin dieses Futter geliefert wurde. Die Auswertung dieser Listen führte am Montag in Nordrhein-Westfalen zur vorsorglichen Sperrung von 113 weiteren Agrarbetrieben.

Der schleswig-holsteinische Bauernverband forderte die Futtermittelbranche zur Einrichtung eines Haftungsfonds für Entschädigungen auf. Das Schlachtverbot für etwa 20 landwirtschaftliche Betriebe wurde inzwischen aufgehoben. Bei weiteren 61 gesperrten Betrieben werde dies für die nächsten Tage vorbereitet, teilte ein Sprecher des Kieler Ministeriums mit. Auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner setzte sich für schärfere Regeln für die Futtermittelbranche ein, um weitere Dioxin-Fälle zu verhindern. Die CSU-Politikerin forderte „konkrete Vorschläge“.

„Dieser Fall muss und er wird Konsequenzen haben“, sagte Aigner am Montag nach einem Krisentreffen mit Vertretern der Branche in Berlin. Mittlerweile gibt es neue Hinweise zur Herkunft des Dioxins in dem Futterfett. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch behauptete, Rückstände von Pflanzenschutzmitteln seien in einer Probe von Harles und Jentzsch als Ursache des Dioxins festgestellt worden. Der Ministeriumssprecher in Kiel wollte dies weder bestätigen noch dementieren. Das Bundesverbraucherschutzministerium in Berlin bezeichnete die Angaben als reine Spekulation.