Hassrede auf Berlin

Der Bundesbank ist ihr Vorstand Sarrazin peinlich

Berlins Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin hat nach Ansicht seines neuen Arbeitgebers über die Stränge geschlagen. Der Bundesbank-Vorstand kritisiert Araber, Türken und die "Unterschicht" – und gibt den Berlinern wieder einmal gute Ratschläge. Aber nun bekommt er dafür selber Ärger.

Die Bundesbank hat sich in ungewöhnlich scharfer Form von Äußerungen ihres Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin distanziert. „Die Deutsche Bundesbank distanziert sich entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin in dessen Interview mit 'Lettre International'“, teilte die Bank mit.

Sarrazin gebe nicht die Ansichten der Bundesbank wieder, und das Interview stehe in keinerlei Zusammenhang mit seinen Aufgaben bei der Zentralbank.

Sarrazin hatte in dem Gespräch mit der Berliner Kulturzeitschrift unter anderem eine mangelnde Integration vor allem von Türken und Arabern in der Hauptstadt kritisiert. „Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel“, sagte Sarrazin.

Zudem betonte er, andere Migrantengruppen wie Vietnamesen oder einige Osteuropäer hätten weniger Sprachprobleme und integrierten sich besser. „Bei der Kerngruppe der Jugoslawen sieht man dann schon eher 'türkische' Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber“, sagte Sarrazin.

Berlin sieht Sarrazin insgesamt belastet durch zwei Faktoren: „der 68er-Tradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden“, sagte der ehemalige Finanzsenator der Hauptstadt. „Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: 'Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen'“.

Forderung nach einem Eltern-Tüv

Der 64-jährige ist seit dem 1. Mai im Bundesbank-Vorstand und dort zuständig für Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling. Zuvor war er sieben Jahre Finanzsenator in Berlin und verpasste der hoch verschuldeten Hauptstadt einen rigiden Sparkurs. Schon in dieser Zeit war er mit provokanten Äußerungen aufgefallen.

Bereits kurz nach seiner Berufung nach Frankfurt hatte Sarrazin Mitte Mai mit einem „Stern“-Interview für Aufsehen gesorgt. Dort hatte er für eine Art Eltern-Tüv plädiert und wegen der Finanzkrise gewarnt, sich bei einer Geldanlage von Versprechen blenden zu lassen. „Man muss den Leuten sagen, glaube keinem Bankberater“, sagte Sarrazin damals. Die Bundesbank hatte daraufhin ebenfalls erklärt, die Äußerungen Sarrazins gäben nicht ihre Position wieder.

Nach diesen Mai-Tiraden schien Sarrazin fast seriös geworden zu sein. Doch keine Sorge, dem ist nicht so: „Berlin wird niemals von den Berlinern gerettet werden können“, prognostiziert er in dem Interview von „Lettre International“ weiter. Die Stadt sei „nicht elitär aufgestellt“, sondern „eher plebejisch und kleinbürgerlich“.

Unmut auch in der Berliner SPD

Da die geburtenreiche Unterschicht laut dem Ex-Senator die Berliner Schulen fülle, empfiehlt eine Frischzellenkur: Der Intellekt, den die Stadt brauche, müsse importiert werden. Sich selbst zählt Sarrazin offenbar nicht dazu, sonst hätte er Berlin nicht den Rücken gekehrt.

Das ist Berlins CDU-Chef Frank Henkel zu viel Hass auf die Hauptstadt: „Wir scheuen uns weder, Intellekt zu importieren, noch Stumpfsinn zu exportieren“, sagte Henkel: „Es ist schon interessant, wie jemand über unsere Stadt urteilt, der jahrelang von Berliner Steuergeld gelebt hat.“

Henkel nahm die Einwohner der Hauptstadt in Schutz: „Ich denke, weder die Berliner noch die vielen Neuberliner müssen sich für ihre Leistungsfähigkeit schämen. Berlin hat genug kreatives Potenzial und ist offen für Impulse von außen. Wir scheuen weder, Intellekt zu importieren, noch, Stumpfsinn zu exportieren, wie es offensichtlich bei Herrn Sarrazin der Fall ist.“

Auch in Sarrazins eigener Partei SPD schlugen die Wellen hoch. „Als Obmann für Scheine und Münzen langweilt sich Sarrazin offenbar“, sagte Ülker Radziwill, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, der „Berliner Morgenpost“. Die Ansichten des früheren Finanzsenators und heutigen Chef-Bankers seien „hochnäsig und einfältig“. Sarrazin solle aufhören, „auf einzelne Bevölkerungsgruppen einprügeln“.