Konjunktur

Was wirklich hinter dem Wirtschaftsboom steckt

Der Aufschwung in Deutschland überrascht selbst Optimisten. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen zum Wirtschaftswunder.

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Volkswirte sind für ihre dröge Art bekannt. Doch wenn es um den wirtschaftlichen Aufschwung geht, dann werden sie seltsam kreativ. Dann erfinden sie immer neue anschauliche Charakterisierungen, dargestellt anhand von Buchstaben. Der Pessimist etwa glaubt an eine L-Form der konjunkturellen Entwicklung – also einen Absturz mit anschließender Stagnation. Der Optimist hält einen V-förmigen Konjunkturverlauf für wahrscheinlich, der Halboptimist favorisiert das Quadratwurzel-Zeichen und der Wankelmütige das W – erst geht’s hoch, dann wieder runter, und dann wieder hoch.

Mit Deutschlands Wirtschaft geht es derzeit bergauf, steil sogar. Um 2,2 Prozent wuchs sie im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt bekannt gab. Die Mehrheit der Experten hatte mit 1,3 bis 1,5 Prozent gerechnet. Um ihrer Überraschung Ausdruck zu verleihen, wurden sie wieder recht kreativ, sprachen von „spektakulären“, „grandiosen“ Zahlen. Doch wie nachhaltig ist dieser Boom wirklich? Anders gefragt: Ist das nun ein V oder vielleicht doch nur der erste Teil des W? Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen rund um den neuen Boom der deutschen Wirtschaft.

Ist die Krise nun ausgestanden?

Emotional mag dies zwar der Fall sein. Wenn man die reinen Zahlen betrachtet, ergibt sich jedoch ein anderes Bild. „Die deutsche Wirtschaft hat trotz des hohen Wachstums bislang erst rund 60 Prozent des Einbruchs eingeholt, der durch die Finanzkrise verursacht wurde“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Erst voraussichtlich Ende kommenden Jahres könnte die deutsche Wirtschaft wieder das Niveau von vor der Krise erreicht haben – das wäre aber immerhin deutlich früher als bisher erwartet.

Wie steht Deutschland da im internationalen Vergleich?

In Euroland ist Deutschland einsame Spitze. Die zweitbesten Wachstumszahlen in der Euro-Zone präsentierte die Slowakei mit 1,2 Prozent, gefolgt von den Niederlanden und Österreich mit einem Zuwachs von jeweils 0,9 Prozent. Immerhin konnten aber alle Länder einen Zuwachs vermelden – bis auf Griechenland, dessen Wirtschaft erneut um 1,5 Prozent schrumpfte. Die amerikanische Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 2,4 Prozent – dies ist aber eine annualisierte Zahl, ein einzelnes Quartal wurde also auf ein ganzes Jahr hochgerechnet. Stellte man die deutschen Zahlen so dar, käme man auf eine Wachstumsrate von 9,1 Prozent!

Was ist der Grund für die Stärke Deutschlands?

Deutsche Firmen haben sich in der vergangenen Dekade voll auf die Globalisierung eingestellt. Das war ein langer und schmerzhafter Prozess. Heute sind sie jedoch besonders wendig und können schnell auf die internationale Nachfrage reagieren. Daher haben sie sich frühzeitig auf den Boom in den Schwellenländern vorbereitet und profitieren jetzt davon.

Geht das so weiter?

„Auf keinen Fall darf man diese Entwicklung einfach so fortschreiben“, warnt Rolf Schneider, Volkswirt bei der Allianz. Allerdings könne die Wirtschaft durchaus weiterwachsen, wenn auch etwas langsamer. Dazu muss nun aber auch der Konsum anziehen. Immerhin gibt es dafür nach Auskunft des Statistischen Bundesamts bereits Anzeichen. Und dies entspricht auch dem traditionellen Verlauf Aufschwungs in Deutschland: Zunächst erholen sich die Firmen, dann die Investitionen und schließlich der Konsum.

Was muss jetzt passieren?

„Die große Gefahr der guten Zahlen ist, dass die Bundesregierung die Konsolidierungsziele aus den Augen verliert“, sagt Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts in München. Der Zwang, die Staatsfinanzen auf eine solidere Grundlage zu stellen, bleibe erhalten, sagt der Ökonom: „Wir sind jetzt im Aufschwung, und das ist genau der richtige Zeitpunkt, um zu konsolidieren.“ Daher darf die Regierung nun nicht locker lassen in ihren Sparbemühungen, und schon gar nicht darf sie nun die Ausgaben erhöhen. Die Bundeskanzlerin und der Finanzminister müssen etwaige Begehrlichkeiten der Ressortminister knallhart zurückweisen. Denn eines ist klar: Die nächste Rezession kommt irgendwann. Wann, weiß derzeit niemand. Aber bis dahin müssen die Staatsfinanzen endlich wieder im Lot sein.

Kann der Boom auch gefährlich für uns werden?

Ja, denn eigentlich müssten nun die Zinsen steigen. Die Europäische Zentralbank (EZB) kann diesen Schritt jedoch noch nicht gehen, weil sie auf die südeuropäischen Länder Rücksicht nehmen muss. Die Folge ist: Geld ist in Deutschland derzeit viel zu billig. Die Gefahr ist daher ein Kreditboom, bei privaten Verbrauchern und Firmen. „Ich kann mir daher vorstellen, dass die Immobilienpreise deutlich steigen“, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus. Genau dies war in den Jahren vor der Krise in Spanien passiert. Damals war für die dort boomende Wirtschaft das Zinsniveau eigentlich zu niedrig. Die EZB hatte Rücksicht auf das damals noch schwächelnde Deutschland genommen.

Wie viel kommt bei den Arbeitnehmern an?

Die gute Konjunktur hilft auch dem Arbeitsmarkt. „Schon im Herbst könnte die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen fallen“, sagt Trink?aus-Experte Schilbe. Und wenn Arbeitskräfte knapp werden, können die Gewerkschaften auch erstmals seit Jahren wieder mit Macht höhere Löhne fordern. Daher dürften die Gehälter schon bald deutlich steigen, zumindest in jenen Branchen, die derzeit besonders vom Boom profitieren.

Warum wurden die Ökonomen von der Dynamik überrascht?

Die Revisionen der Statistiken sind im Moment sehr ausgeprägt. So waren die guten Zahlen für das zweite Quartal am Freitag nur die eine Überraschung. Ebenso überraschend waren die teilweise erheblichen Korrekturen bei den Zahlen der Vorquartale. „Wie beim Abschwung in der Krise kommen die Statistiker auch beim Aufschwung nicht mehr nach“, sagt Alexander Koch von UniCredit. „Beispielsweise dachten sie ursprünglich, dass die Wirtschaft im vierten Quartal 2009 viel stärker geschrumpft ist.“ Inzwischen haben sie ihre Prognose mehrmals nach oben revidiert.

Was ist das größte Risiko in den kommenden Monaten?

„Die größte Gefahr für die Weltkonjunktur ist die Entwicklung in China“, sagt UniCredit-Fachmann Koch. Das Land ist für einen wesentlichen Teil der zusätzlichen Nachfrage verantwortlich, vor allem in der Autoindustrie. „Wenn der Markt dort wegbricht, wäre das katastrophal für die Weltwirtschaft und für Deutschland.“Zum anderen könnte aber die lockere Geldpolitik der Notenbanken auch dazu führen, dass die Preise am Rohstoffmarkt durch spekulative Anleger wieder nach oben getrieben werden. Schon einmal, Anfang 2008, wurde die Wirtschaft auch durch explodierende Rohstoffpreise abgewürgt.

Erholen wir uns auf Kosten anderer EU-Länder?

Nein, der Aufschwung in Deutschland beruht vor allem auf dem Export, und dieser wuchs vor allem in Richtung China. Mit den hohen Ausfuhren gehen aber auch Einfuhren in Rekordhöhe einher. Zudem legt das starke Wirtschaftswachstum die Basis für einen steigenden privaten Konsum und damit für eine zunehmende Nachfrage – dies kommt dann auch wieder den anderen Euro-Ländern zugute, deren Exporte nach Deutschland in der Folge steigen dürften.

Gibt es jetzt Inflation?

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit ähnlich boomenden Volkswirtschaften haben gezeigt, dass dies nicht der Fall sein muss. Die Preise für Rohstoffe, Industrieprodukte und Lebensmittel hängen viel stärker vom Weltmarkt ab als von der Lage eines einzelnen Wirtschaftsraums. Allerdings könnte es zu Preissprüngen am Immobilienmarkt kommen, wenn die Niedrigzinsphase in der Euro-Zone lange anhält.