Konjunktur

Der Aufschwung wird rasch zusammenschrumpfen

Kein anderes großes Industrieland kommt mit so viel Schwung aus der Krise wie Deutschland. Normal ist das nicht.

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Selten ist ein Ministerwort so rasch zu einem geflügelten Wort geworden. Von einem „Aufschwung XL“ sprach Wirtschaftsminister Rainer Brüderle am Freitag, als bekannt wurde, wie stark die deutsche Wirtschaft im Frühjahr gewachsen ist. Der Mann hat ja auch recht: Die Wachstumszahlen übertreffen die kühnsten Erwartungen, und sie sind auch im historischen Vergleich beachtlich. Mehr noch: Kein anderes großes Industrieland kommt mit so viel Schwung aus der Krise wie Deutschland. Normal ist das nicht. In früheren Konjunkturzyklen vermochten wir regelmäßig erst dann das Tal hinter uns zu lassen, wenn die großen Handelspartner schon neuen Gipfeln entgegeneilten; im langfristigen Durchschnitt dauern Abschwünge in den USA ein Jahr und in Frankreich rund eineinhalb – in Deutschland dagegen nahezu zweieinhalb Jahre.

Die Rettungspakete waren nicht effizient, aber effektiv

Dass das Bild dieses Mal ein ganz anderes ist, darauf darf man stolz sein. Es haben ja auch alle ihren Anteil daran. Erstens die Unternehmen, die gelernt haben, schnell und flexibel auf Trendwenden und neue Chancen zu reagieren, aller regulatorischen Verkrustungen zum Trotz. Zweitens ihre Tarifpartner auf Arbeitnehmerseite, die sich in der großen Rezession auf pragmatische, beschäftigungssichernde Lösungen eingelassen haben. Drittens die Bürger, die stoisch bleiben: als Wähler, weil sie den Gesang der populistischen Sirenen ignorierten; als Sparer, weil sie trotz der Furcht vor Bankenpleiten ihre Konten nicht räumten; und als Verbraucher, weil sie trotz Kurzarbeit und Jobangst nicht in einen Kaufstreik traten. Viertens schließlich ist da die Politik. Deren Rettungspakete waren nicht effizient, im Gegenteil: Die Kosten waren viel höher als nötig. Aber sie waren effektiv in dem Sinne, dass sie Unternehmen wie Haushalten die Angst vor einer ökonomischen Apokalypse nahmen.

In der Vergangenheit gingen im Aufschwung die Pferde durch

Bei aller Erleichterung, bei allem berechtigten Stolz: Man darf sich nicht täuschen lassen. Die jüngsten Wachstumsraten wären selbst bei einer boomenden Weltwirtschaft nicht nachhaltig. Die Weltwirtschaft aber boomt nicht, viele internationale Frühindikatoren sprechen für eine nachlassende Dynamik. Dem wird sich auch Deutschland nicht entziehen können: Der Aufschwung XL wird rasch auf Normalmaß zusammenschrumpfen. Die Frage ist nur: Kommt nach dem Einlaufen Größe S, M oder L heraus?

Die Antwort hängt von vielen Faktoren ab, auf die wir kaum Einfluss haben, von der griechischen Innenpolitik etwa und vom Geschick der Rotkapitalisten in Peking, die chinesische Wirtschaft nicht überhitzen zu lassen. Aber auch auf uns selbst kommt es an. Leider ist auch hier die historische Erfahrung keine gute. Oft genug gingen den Tarifpartnern im Aufschwung die Pferde durch. Das war so Anfang der 70er-Jahre, als die Gewerkschaften massive Lohnerhöhungen durchdrückten, die maßgeblich dazu beitrugen, dass die Sockelarbeitslosigkeit drei Jahrzehnte lang mit jedem Konjunkturzyklus stieg.

Ähnlich war es Anfang der 90er-Jahre, als überzogene Tarifabschlüsse den deutschen Osten weitgehend deindustrialisierten – und die Unternehmen im Westen auf Jahre hinaus um einen Gutteil ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit gebracht wurden. Auch konnte die Politik in Aufschwüngen häufig nicht der Versuchung widerstehen, private Wohlstandsgewinne abzuschöpfen, um damit neue Ausgabenprogramme zu finanzieren. Das beste Beispiel ist die drastische Mehrwertsteuererhöhung der großen Koalition, die 2007 in Kraft trat – just zu einem Zeitpunkt, da sich eine deutliche Abschwächung der Weltwirtschaft abzuzeichnen begann.

Hat die Politik aus ihren Fehlern gelernt?

Deutschland hat aus den Krisen der Vergangenheit Lehren gezogen – davon profitieren wir jetzt. Fragt sich nur: Haben wir auch aus früheren Aufschwüngen gelernt? Oder sind wir verdammt, alte Fehler nochmals zu begehen? Eine erste Antwort werden wir bekommen, wenn nach der Sommerpause entschieden wird, was aus dem Sparpaket der Koalition wird: Werden wenigstens die geplanten, bescheidenen Ausgabenkürzungen durchgesetzt? Oder bleiben am Ende wieder nur Steuererhöhungen übrig?