Arbeitsmarkt

Deutsche Firmen zögern noch mit Entlassungen

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Stefan von Borstel und Flora Wisdorff

Schonfrist für den deutschen Arbeitsmarkt: Die Erwerbslosenzahlen sind im September 2009 überraschend stark gesunken. Die Firmen zögern mit Entlassungen – noch, sagen Gewerkschafter: Sie rechnen mit der großen Entlassungswelle im Herbst. Ein Indiz sei die rückläufige Kurzarbeit.

Da staunt selbst der Chef der Bundesagentur für Arbeit. „Es ist ungewöhnlich, dass in einer schweren Wirtschaftskrise eine Herbstbelebung stattfindet“, wundert sich Frank-Jürgen Weise bei der Vorstellung der Septemberzahlen für den Arbeitsmarkt. Wider Erwarten der meisten Experten ist die Arbeitslosenzahl deutlich gesunken. Von einer Trendwende will Weise zwar noch nicht sprechen. Aber: „Von Januar bis März ist es nicht zu erwarten, dass die Zahl über vier Millionen liegen wird.“

Die Aussichten für den Arbeitsmarkt haben sich damit deutlich verbessert. Der große Einbruch am Arbeitsmarkt ist bislang ausgeblieben – und lässt weiter auf sich warten. Im Frühjahr, als die Wirtschaft steil abstürzte, sagten die Experten für das zweite Halbjahr eine Entlassungswelle voraus. Im nächsten Jahr könnte die Arbeitslosenzahl sogar auf mehr als fünf Millionen steigen, hieß es damals. Jetzt wird die Arbeitslosenzahl in diesem Jahr wohl unter vier Millionen blieben und von fünf Millionen redet niemand mehr. Mittlerweile wächst die Wirtschaft wieder. Und der Arbeitsmarkt hat sich erstaunlich robust gezeigt.

Die Experten geben keine Entwarnung. Sie erwarten im kommenden Jahr einen deutlichen Zuwachs bei der Arbeitslosigkeit. Bislang hat die Kurzarbeit das Schlimmste am Arbeitsmarkt verhindert. Doch der Zenit ist überschritten: nach 1,5 Millionen Kurzarbeitern im Mai zählte die Bundesagentur im Juni nur noch 1,4 Millionen. Bei einem durchschnittlichen Arbeitszeitausfall von gut 30 Prozent entspricht dies 432.000 Arbeitsplätzen. „Die Brücke über die Krise trägt weiter“, freut sich der noch amtierende Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD).

Fragt sich nur, wie lange. Der DGB erwartet im Herbst die Nagelprobe am Arbeitsmarkt. „Die rückläufigen Neuanzeigen für Kurzarbeit in den letzten Monaten lassen befürchten, dass eine Entlassungswelle auf uns zurollt“, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Früher oder später werden die Unternehmen die Beschäftigung in den Betrieben an die schlechtere Auftragslage anpassen müssen. BA-Vorstand Raimund Becker rechnet mit entscheidenden Weichenstellungen in den nächsten Wochen in den Unternehmen: „Dann geht es um die Gretchenfrage, ob sie die Kurzarbeit verlängern oder beenden.“ Schließlich bekommen die Betriebe die Kurzarbeit auch nicht umsonst.

Die durch Kurzarbeit ausfallende Arbeitsstunde kostet sie normalerweise 35 oder 24 Prozent der Personalkosten, je nachdem, wie viel von den Sozialbeiträgen erstattet wird, hat das Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) ausgerechnet. Insgesamt würden die Unternehmen in diesem Jahr mehr als fünf Mrd. Euro in die Kurzarbeit investieren. Der Einkommensverlust der Kurzarbeiter beträgt rund drei Mrd. Euro. Die Bundesagentur steuert sechs Mrd. Euro bei, die letztlich von den Beitragszahlern aufzubringen sind.

Experten sind skeptisch, wie lange die Unternehmen die Milliardenlasten noch tragen können. Selbst wenn sich die Wirtschaft jetzt wieder erholen sollte, reiche dies nicht aus, um Entlassungen in den kommenden Monaten zu verhindern, sagt Alexander Koch von der Unicredit. Und bis das Produktionsniveau von vor der Krise wieder erreicht sei, werde es noch Jahre dauern. So fürchtet die Maschinenbaubranche in diesem Jahr den Verlust von 60000 Arbeitsplätzen. Beschäftigungspuffer wie Kurz- und Zeitarbeit seien nahezu aufgebraucht, heißt es beim Branchenverband VDMA.

„Die wirtschaftlichen Erholungstendenzen sind zu schwach, um generell eine Umkehr von Kurzarbeit auf reguläre Arbeitszeit zu bewirken, geschweige denn um Beschäftigung auf- und Arbeitslosigkeit abzubauen“, fürchtet auch Peter Leonhardt von der DekaBank in Frankfurt.

Doch offenbar wächst in den Unternehmen die Zuversicht, dass sie mit ihren Beschäftigten durch die Krise kommen. Die Stimmung hellt sich auf, der Ifo-Geschäftsklimaindex ist nun schon im sechsten Monat in Folge gestiegen. Nach den Werksferien hätten die Unternehmen gute Aufträge und stellten neues Personal ein, sagt BA-Chef Weise. Das gelte insbesondere für den Dienstleistungsbereich.

Auch der Fachkräftemangel steckt den Arbeitgebern noch in den Knochen. Auf keinen Fall wollen sie den Fehler aus früheren Rezessionen wiederholen, und gute Leute vorschnell entlassen, die sie im Aufschwung händeringend wieder suchen müssen. Die Unternehmen, die im Boom gut verdient haben, können sich das kostspielige Abwarten leisten. Die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre wirkt nach, analysieren die Forscher des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Die Arbeitskosten stiegen nur gering an, die Ertragslage der Unternehmen vor der Rezession war daher „sehr günstig“. Es werde deshalb nicht zu einem „massiven Rückschlag auf dem Arbeitsmarkt kommen“, prophezeit das Kieler Institut.

Zur glimpflichen Entwicklung am Arbeitmarkt trägt auch die Demografie bei: Anders als in früheren Krisen scheiden mehr Ältere aus dem Berufsleben aus, als Jüngere nachrücken. In diesem und im nächsten Jahr schrumpft deshalb das Angebot an Arbeitskräften um jeweils 140.000 Personen. Nicht zuletzt lassen auch statistische Tricks die offizielle Bilanz besser aussehen, als sie ist. Seit Mai werden Arbeitslose, die von privaten Vermittlern betreut werden, in der Statistik nicht mehr mitgezählt - und schon gibt es 196.000 Arbeitslose weniger.

Um den Anstieg der Arbeitslosenzahlen weiterhin zu dämpfen, auch wenn die Unternehmen die Kurzarbeit zurückfahren, fordern die Gewerkschaften bereits neue arbeitsmarktpolitische Instrumente. „Neben der Kurzarbeit muss auch über einen Ausbau von Transfergesellschaften und eine Verkürzung der Arbeitszeit in der Krise nachgedacht werden“, sagte DGB-Vertreterin Buntenbach. Konkret schlägt sie eine staatlich geförderte „Krisen-Teilzeit“ vor. Ob sich Schwarz-Gelb auf diese kostspieligen Vorschläge einlässt, ist mehr als fraglich. Die Bundesagentur hat ihre Milliarden-Reserven im Krisenjahr 2009 aufgebraucht und erwartet 2010 einen Schuldenberg von 20 Mrd. Euro. Wie das bezahlt werden soll, darüber wird heftig zwischen Berlin und Nürnberg gestritten.