Amtshilfe beim Abnehmen

Dicke Arbeitslose trainieren sich fit für den Job

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Anette Dowideit

Foto: picture-alliance/ ZB / dpa

Wer zu dick ist, hat schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt: Ausgehend von dieser Annahme bietet ein Pilotprojekt jetzt Schlankheitstraining für Arbeitslose an. So sollen die gesundheitlichen Probleme abnehmen, das Selbstbewusstsein und die Jobchancen sollen wachsen.

„Wissen Sie, was der Unterschied zwischen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren ist?“ Caroline Strege blickt in leere Gesichter. „Hat denn jemand von Ihnen schon einmal seinen Cholesterinspiegel beim Arzt messen lassen?“, fragt die Ernährungsberaterin. Die Teilnehmer der Runde schütteln allesamt betreten den Kopf, manche blicken zu Boden.

Strege und ihre Kollegin Constanze Santarossa, eine Sportwissenschaftlerin, sind an diesem Herbstmorgen nach Rüsselsheim gekommen, so wie sie es regelmäßig einmal pro Monat tun. Sie wollen älteren Arbeitslosen bessere Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten beibringen. Die beiden jungen Frauen sind Mitarbeiterinnen der Universität Frankfurt und gehören zu einem Team, das seit einigen Monaten rund um die Stadt im Einsatz ist. Seit dem vergangenen Frühjahr bieten sie die Kurse in Rüsselsheim an, in Offenbach gibt es sie schon etwas länger, demnächst kommen zwei weitere Standorte in der Region dazu.

Der Gedanke, der hinter dem Projekt steht, lautet vereinfacht: Übergewichtige sollen abspecken, um fitter und beweglicher zu werden und so wieder bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Arbeitslose mit gesundheitlichen Problemen wie Arthrose, Diabetes oder versteiften Gelenken sollen wieder in Schwung gebracht werden und dadurch auch ihr Selbstbewusstsein und ihre Jobchancen verbessern. Vor allem auf solche Stellen, die Beweglichkeit erfordern – und für die daher oft jüngere Bewerber den Zuschlag bekommen. Das gilt für Lagerarbeiter ebenso wie für Putzhilfen.

Die Statistik zeigt, dass das Projekt offenbar wirkt. Eine interne Studie des Beschäftigungspaktes „Chance 50 Plus“, der die Kurse organisiert, hat gezeigt: Von 600 Arbeitssuchenden, die aktiv am Programm teilgenommen haben, fanden 14 Prozent danach wieder eine feste Stelle. Das sei spürbar mehr als in der Vergleichsgruppe, sagt Koordinator Gert Saborowski.

„Unsere Zielgruppe sind natürlich vor allem diejenigen, die unter Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Die Leute kommen mit gebeugtem Kreuz in die Kurse und kommen mit neuem Selbstbewusstsein wieder heraus.“ Ein weiteres Indiz für die Wirksamkeit des Gesundheitsprojektes sei, dass eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Teilnehmern durch sie überhaupt erst wieder „aktiviert“ würden, wie es in der Fachsprache heißt. Also für den Arbeitsmarkt fit gemacht, sagt Saborowski.

Die Ernährungskurse sind Teil sogenannter Profiling-Kurse für ältere Arbeitslose. Die Profilings werden im Rahmen der bundesweiten Initiative „Perspektive 50plus“ überall in Deutschland von Beschäftigungspakten angeboten. Die freiwilligen Kurse erstrecken sich über drei Wochen, in denen die Teilnehmer feststellen, wo ihre persönlichen Stärken und Schwächen liegen. Am Ende steht eine persönliche Empfehlung des jeweiligen Betreuers: Sollte dieser Kandidat einen Computerkurs besuchen? Empfiehlt sich für ihn ein mehrmonatiger Kurs, bevor er fit ist für die Arbeitssuche? Oder kann er sich gleich wieder, mit Betonung auf seine neu entdeckten Stärken, bei Firmen bewerben?

Die Idee mit den Ernährungs- und Fitnesskursen könnte als neuer Baustein für die Profiling-Kurse demnächst deutschlandweit Schule machen. Vor kurzem trafen sich Vertreter aller rund 60 Beschäftigungspakte in Deutschland zum Jahrestreffen der Initiative „Perspektive 50plus“. Am Stand des Offenbacher Paktes drängelten sich die Teilnehmer. Vertreter aus fast allen deutschen Regionen holten sich Anregungen, um demnächst selbst Ernährungs- und Fitnesskurse anbieten zu können.

Beim Kurs in Rüsselsheim herrscht dagegen an diesem Vormittag nur wenig Begeisterung. Die Teilnehmer lassen sich schwer aus der Reserve locken. Dabei würde etwas mehr Bewegung den meisten wohl nicht schaden. Einige Übergewichtige sitzen in der Runde, fast alle haben hängende Schultern und krumme Rücken.

Auf die Frage, wer schon einmal Sport gemacht habe, meldet sich erst nach einigem Zögern ein Teilnehmer, der mit Eintracht-Frankfurt-Kappe zum Kurs gekommen ist: „Früher habe ich mal Fußball gespielt, aber heute habe ich nicht mehr die Puste dazu.“ „Trainieren Sie doch erst mal, indem Sie regelmäßig Treppen steigen“, schlägt Beraterin Santarossa vor. „Wie denn? Ich schaffe es gerade mal von hier bis zum Aschenbecher draußen vor der Tür“, poltert der Fußballfan.

Erst beim Thema Essen tauen die Teilnehmer langsam auf. „Was mögen Sie denn gern?“, möchte Ernährungsberaterin Strege wissen. „Jägerschnitzel mit Zwiebeln und Pommes“, lautet die spontane Antwort des Eintracht-Anhängers. Die anderen Teilnehmer zählen auf: Pizza, Kuchen, Bratkartoffeln. Und zu trinken am liebsten Cola.

Dann folgt eine halbe Stunde Theorie. Die Expertin erklärt, wofür Mineralstoffe und Vitamine gut sind, erläutert die Ernährungspyramide und gibt praktische Tipps. Zum Beispiel, dass Lidl günstig natriumarmes Wasser verkauft und dass Sportlergetränke wie Gatorade überflüssig sind – „selbst, wenn Sie demnächst regelmäßig Sport treiben“. Dann fragt die Ernährungswissenschaftlerin die Teilnehmer noch nach ihrer Einschätzung, wie viel Fleisch ein Mensch pro Woche wohl braucht. „Zwei Schnitzel“, meint einer der Zuhörer. „Nein, es ist weniger“, sagt Strege, „man braucht zwei bis dreimal die Woche ein Stück Fleisch etwa von der Größe des eigenen Ohrs. Das hat man schnell zusammen.“

Wer will, kann sich nach der Veranstaltung einen Einzeltermin bei den beiden Beraterinnen geben lassen. Sie helfen bei individuellen Speiseplänen und schreiben Anträge an die Arbeitsvermittlungsagentur, sportliche Aktivitäten zu unterstützen. „Für viele Teilnehmer beantragen wir Rückenkurse oder Zehnerkarten fürs Schwimmbad“, sagt Sportexpertin Santarossa.

Bei manchen Teilnehmern hat die Ernährungs- und Fitnessberatung tatsächlich einen Neuanfang bewirkt. Zum Beispiel bei Herrmann Seifert. Der 58-Jährige litt bis zum vergangenen Jahr an Übergewicht. „Wenn ich zwei Busstationen zu Fuß gegangen bin, habe ich fürchterlich gekeucht“, erzählt er. Seifert arbeitete in jüngeren Jahren als Arbeiter auf Binnenschiffen. Die starke körperliche Belastung – häufige Sprünge von Deck ans Ufer, schwere Lasten, gebückte Haltung – hinterließ unter anderem Stauchungen an der Wirbelsäule. Die Summe seiner körperlichen Defizite machte die Arbeitsplatzsuche fast aussichtslos, sagt er.

Dann, im Juli 2008, nahm Seifert am Fitnesskurs teil. Er gab sich einen Ruck und ging auf die Beraterinnen zu. Sie erstellten ihm ein Diät- und Bewegungsprogramm und schenkten ihm ein Kochbuch mit günstigen, gesunden Rezepten. Mittlerweile kocht Seifert, obwohl alleinstehend, fast jeden Tag – und hat 18 Kilo abgenommen. „Damit ist aber noch nicht Schluss“, sagt er stolz. Arbeit hat Seifert bisher zwar noch nicht gefunden, aber sein Selbstwertgefühl sei nun auf jeden Fall stark gestiegen, sagt er.

An diesem Tag sind die sechs Teilnehmer an der Runde weit weniger enthusiastisch. Die Liste, auf der Interessierte sich für ein weitergehendes Beratungsgespräch eintragen können, bleibt leer. Einer der Zuhörer, Hans-Günter Stroh, erklärt anschließend im Pausenraum, warum er sich nicht beraten lassen will. „Ich fühle mich nicht angesprochen“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker, „ich gebe schon genug auf mich Acht, finde ich.“ Was er damit meint? „Ich rauche nicht – und ich bin auch nicht besonders dick.“