Online-Shopping

Wie die Modebranche das Internet erobert

Während der stationäre Handel über sinkende Umsätze und weniger Kauflust der Kunden klagt, freuen sich Online-Händler über regen Zulauf. Beim Internetportal Yoox.com machen Freunde des "Vintage-Looks" Jagd auf edle Designermode vergangener Zeiten –Schatzkammer für Liebhaber.

Foto: yoox.com

Ein baumwollenes Complet von Bill Blass ist noch zu haben, oben blau und grün quer gestreift, der Rock dazu in einem Schottenkaro. Vielleicht, weil kaum einer mehr den amerikanischen Modeschöpfer kennt und nur ihn noch schätzt, vielleicht, weil das Ensemble heute auch bei H&M an der Stange hängen könnte, vielleicht auch, weil es für diese Umstände recht hoch angesetzte 795 Euro kosten soll. Ansonsten aber ist fast alles weg von den Stücken aus Rosamond Berniers Kleiderschrank. Die feine alte Dame des Modegeschäfts bietet sie beim Internet-Modeversand Yoox.com feil: „Vergriffen“, steht hinter den Teilen – was bei ihren edlen Vintage-Einzelstücken meint: teuer verkauft.

„Vintage“ heißen Stücke aus vergangenen Kollektionen der Designer, die bis heute Käuferinnen finden. Dabei werden die Kleider umso begehrenswerter, wenn sie aus dem Besitz bekannter Persönlichkeiten stammen: Bernier war Moderedakteurin von Beruf und ist Kunsthistorikern mit so großer Leidenschaft, dass sie bis zum vergangenen Jahr eine eingeschworene Fangemeinde zu Vorträgen ins New Yorker Metropolitan Museum lockte. Nun ist sie 93: „Heute bin ich selber Vintage“, sagt sie mit selbstbewusstem Lächeln.


„Vintage ist der Gipfel dessen, was unser Geschäft derzeit größerenteils ausmacht: Individualität “, sagt Federico Marchetti, Gründer und Chef von Yoox. Er wundert sich selbst ein wenig, ist aber zu sehr Zahlenmensch, um den Zahlen nicht zu glauben. Die besagen: Das Modeportal Yoox.com wächst kräftig. Der Umatz ist um die Hälfte auf 101 Millionen Euro gewachsen im vergangenen Jahr. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern hat er glatt verdoppelt, es erreicht nun neun Prozent des Umsatzes. Und es geht weiter bergauf. „Bisher gibt es keine Anzeichen für eine Verlangsamung“, sagt der Gründer und Chef von Yoox.com.

Während der stationäre Handel über sinkende Umsätze und weniger Kauflust der Kunden klagt, merkt Marchetti wenig von einer Krise. Die rund zwei Dutzend Teile aus dem Kleiderschrank der alten Dame, der „Lehrmeisterin von Anna Wintour“, wie Marchetti sie rühmt, und Freundin von Picasso, Matisse und Miró, tragen dazu am wenigsten bei. Aber Marchetti sieht den Erfolg der Aktion als Zeichen.

„In einer Woche war die Hälfte weg, obwohl die Sachen oft über 1000 Euro kosteten.“ Er erkennt bereits einen neuen Luxus-Trend: „Die Menschen kaufen in immer größerem Maß Dinge, die länger halten. Lieber zweimal im Jahr was Ordentliches als zwölf Mal Sachen, die nach einem Jahr auf den Müll gehören.“


Für Marchetti bedeutet das eine sanfte Abkehr vom Geschäftsmodell, mit dem er sein Geschäft vor einem Jahrzehnt angefangen hat. Es lautete: Teile aus der eben vergangenen Saison mit großem Preisabschlag zu verkaufen. Dieses Konzept funktionierte so gut, dass er im Gegensatz zum Konkurrenten Boo.com die Internet-Pleitewelle der Jahrtausendwende überstand und heute neben Net-a-porter zu den wenigen großen im Geschäft zählt.


Und mit steigenden Umsätzen wächst Marchettis Macht in der Modebranche. Der Online-Laden hat keine Mittagspause und ist auch an Feiertagen geöffnet. Selbst Labels, die am liebsten nur über eigene Geschäfte verkaufen, wie Bottega Veneta und Dior, Prada und Gucci, haben Vorteile im Internethandel erkannt und handeln über Yoox. Die Firma hat zudem die Regie für zwölf Online-Shops großer Marken wie Diesel übernommen, bis Jahresende sollen es 18 werden.

Kein Wunder, dass Marchetti ans Internet glaubt: „Es ist ein Markt, der per definitionem wächst. Es gibt eben immer mehr Menschen, die online sind“, sagt er.

In Deutschland sind mehr als 42 Millionen Menschen online, drei von vier Haushalten haben Anschluss ans Internet. Die Zahl ist innerhalb von fünf Jahren laut Branchenverband Bitkom um mehr als die Hälfte gewachsen, und die Bundesregierung will den Ausbau von schnellen Internetanschlüssen vorantrieben. Zur Freude der Händler: Der Versandhandelsverband BVH rechnet damit, dass der Umsatz im Onlinehandel 2009 die 20-Milliarden-Euro-Grenze überspringt.

„Europa ist mit 56 Prozent Umsatzplus am meisten von allen Märkten gewachsen, getrieben vor allem von Deutschland, unserem zweitgrößten europäischen Markt nach Italien“, sagt Marchetti. Deswegen will er nach Tokio und Paris bis 2010 ein Büro in Deutschland eröffnen – nicht zum Verkaufen, sondern um hier einzukaufen.