Telekommunikation

Selbstmordwelle bricht über France Télécom herein

23 Selbstmorde in 18 Monaten: Beim französischen Konzern France Télécom nehmen sich Mitarbeiter reihenweise das Leben. Der Arbeitsminister spricht bereits von "Selbstmordmode". Dabei sind es vermutlich die Arbeitsbedingungen, die Mitarbeiter in den Freitod treiben.

Der 23. Selbstmord war offenbar zuviel. Am Dienstag trat der Chef der France Telecom Didier Lombard nach einer einstündigen Unterredung mit dem Arbeitsminister Xavier Darcos vor die Presse und erklärte, dass er der „Selbstmordmode“ in seinem Unternehmen, „die alle schockiert“, ein Ende setzen wolle. Ob Lombard damit den richtigen Ton getroffen hat, scheint allerdings zweifelhaft. Angestellte des Unternehmens zeigten sich von seiner Wortwahl entsetzt.

Seit Februar 2008 wird der Großkonzern, der allein in Frankreich rund 100.000 Mitarbeiter beschäftigt, von einer unheimlichen Serie von Selbstmorden erschüttert. Am vergangenen Freitag sprang eine 32 Jahre alte France-Telecom-Angestellte aus dem vierten Stock eines Pariser Bürogebäudes. Schwer verletzt wurde sie in das Krankenhaus Beaujon gebracht. Noch am Freitagabend starb Stéphanie. Wie bei den meisten Opfern, ist von ihr nur der Vorname bekannt. Seit Februar 2008 ist sie die 23. Angestellte des Konzerns, die sich getötet hat. Hinzu kamen Dutzende Suizidversuche. Stéphanie hatte am Freitagnachmittag in einer Mitarbeiterversammlung erfahren, dass sie versetzt werden und mit neuen Aufgaben betraut werden sollte. Einen Zusammenhang zwischen den massiven Umstrukturierungsmaßnahmen, die der einstige Staatskonzern seit Jahren durchführt, um wettbewerbsfähig zu werden, und der Selbstmordserie hat das Unternehmen lange Zeit bestritten. In letzter Zeit wurden die Hinweise jedoch immer deutlicher.

Am Mittwoch vor einer Woche hatte sich der Télécom-Angestellt Yonnel Dernel in Troyes ein Messer in den Bauch gerammt, nachdem er über seine bevorstehende Versetzung informiert worden war. Er überlebte. Nach einem fünftägigen Krankenhausaufenthalt erklärte er am Montag, er habe mit seiner Aktion gegen die Arbeitsbedingungen demonstrieren wollen. „Ich hatte die Schnauze voll, das war mein Grund. Es kam über mich in dem Moment als mir erklärt wurde, dass ich zu nichts mehr zu gebrauchen sei“, sagte Dernel der Agentur AFP.

Am 13. Juli hatte sich in Marseille der 51 Jahre alte Télécom-Angestellte Marcel D. das Leben genommen. Er hinterließ einen Abschiedsbrief mit der Bitte ihn zu veröffentlichen. In dem Schreiben hinterlässt er keinen Zweifel an den Gründen für seinen Selbstmord: „Ich habe mich wegen meiner Arbeit bei France Télécom umgebracht. Das ist der einzige Grund: Permanenter Druck, Arbeitsüberlastung, fehlende Weiterbildung, völlige Desorganisation des Unternehmens, Terrormanangment.“ Das habe ihn völlig durcheinander gebracht, schreibt Michel. Er sei „ein Wrack“, es sei „besser Schluss zu machen“. Sicherlich gebe es viele, die sagen würden, dass es noch andere Gründe für seinen Selbstmord gebe, aber er bestehe darauf: „Verantwortlich für meinen Selbstmord ist France Télécom.“

Die schwarze Serie bei France Télécom ist vielleicht ein Symbol dafür, wie schwer sich in Frankreich viele Arbeitnehmer mit den Auswüchsen des Kapitalismus angelsächsischer Prägung tun. Solange das Unternehmen ein staatlicher Monopolbetrieb war, bot France Télécom vergleichsweise gemütliche Arbeitsbedingungen, Stellungen auf Lebenszeit und die Aussicht, mit Ende Fünfzig in Rente gehen zu können. Seit Ende der Achtziger bröckelte jedoch das Monopol. Mitte der Neunziger begann die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft, bei der der französische Staat zunächst noch die Mehrheit der Aktien behielt. Heute hält der Staat noch 26,7 Prozent der Anteile, 2007 gab er auch die Sperrminorität auf. Im gleichen Zug verkündete das Unternehmen seinen „Plan Orange“. „Orange“ ist die Hauptmarke des Unternehmens, unter der sie heute ihre Kommunikationsprodukte vertreibt.

Hinter dem „Plan Orange“ verbirgt sich ein massives Umstrukturierungsprogramm, 2012 soll das ganze Unternehmen nur noch unter dem Namen „Orange“ firmieren. Die Zahl der Mitarbeiter wird dabei sukzessive abgebaut. Beschäftigte der Konzern 1993 noch 140.000 Staatsbeamte, so sind es heute nur noch 80.000, die allerdings im Zuge der Veränderungen in der Unternehmensstruktur und häufiger Strategiewechsel oft dazu gezwungen sind, Aufgaben zu übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind. Seit 2006 waren 14.000 Mitarbeiter von Versetzungen betroffen. Von 23.000 Stellen, deren Inhaber seit 2006 in den Ruhestand gingen, wurden nur 6000 nachbesetzt. Inwieweit die organisatorischen Schwierigkeiten des Konzerns zur Verzweiflung der Mitarbeiter beitragen, ist allerdings umstritten. Gewerkschaftsführer beklagen allerdings schon seit langem ein „unmenschliches Arbeitsklima.“

Am vergangenen Donnerstag, einen Tag vor dem bislang letzten Unternehmen, hatte die Unternehmensleitung eine erste, recht kurze Liste von Maßnahmen verkündet, die das Arbeitsklima mittelfristig verbessern sollen. Darunter befindet sich eine Aussetzung aller erzwungenen Versetzungen bis Ende Oktober. Außerdem will man 100 neue Personalleiter ernennen und zudem die 20.000 leitenden Angestellten darauf trainieren, „Anzeichen psychologischer Schwäche“ bei ihren Untergebenen zu erkennen. Die Gewerkschaften CGC und Unsa ließen umgehend wissen, dass ihnen diese Maßnahmen nicht reichen würden und verlangten vor allem eine neue Vorruhestandsregelung.

Arbeitsminister Darcos verkündete am Dienstag nach seinem Treffen mit dem France Télécom-Chef Lombard, dass er die Verhandlungen, die das Unternehmen nun mit den Gewerkschaften über die Arbeitsbedingungen führen will, künftig genauer beobachten will. Der Minister wird einen hochrangigen Beamten entsenden, der die Verhandlungen, die das Unternehmen in einem „Kommité für Hygiene, Sicherheit und Arbeitsbedingungen“ mit den Mitarbeitern führt, künftig beobachten wird. Die erste Sitzung soll am Freitag stattfinden.