Fielmanns optische Meisterleistung

Günther Fielmann, Lehrersohn aus Nordrhein Westfahlen, hat in den vergangenen 50 Jahre eine Karriere vorgelegt, dass es einem die Brille beschlägt. Morgenpost Online gratuliert dem Mann, der sich mit Brillen auf Kassen-Kosten seinen Namen gemacht hat, zum 70. Geburtstag

Der Landbursche

Wer sich mit Günther Fielmann trifft, sollte ein paar Begriffe aus dem Landleben draufhaben. "Wenn die mich nicht so angegriffen hätten, wer weiß, ob ich dann aus der Sasse gekommen wäre", erzählt Fielmann über die Jahre, in denen er sich gegen Attacken von Optiker-Kollegen wehren musste.

Die Sasse ist eine Mulde, in die sich ein Hase hineinduckt, wenn er sich verstecken will.

Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. Fielmann ist ein Instinktmensch - und hat wohl auch deshalb einen solchen Erfolg. Er schickte schon Testkäufer in seine eigenen Läden, als diese Art der Qualitätskontrolle bei anderen Einzelhändlern noch als Geldverschwendung galt. Mit Geschick, Fleiß und List hat er ein riesiges Brillen-Reich aufgebaut. Am Donnerstag wird Fielmann 70 Jahre alt. Er ist ein Sonntagskind, so wie sein Sohn Marc. Der 20-jährige Filius soll die Firma übernehmen, "wenn er soweit ist", sagt der Vater. Bis dahin aber will der Ferrari-Sammler Fielmann als Vorstandschef weitermachen.

Fielmann sitzt auf der Terrasse des Herrenhauses Schierensee, einem barocken Prachtbau aus dem 18. Jahrhundert. Er hat Gut Schierensee 1998 gekauft und es mit Millionen-Euro-Aufwand zu einem ökologischen Betrieb mit 1600 Hektar Landbesitz umgebaut. Fielmann wohnt hier am Wochenende. Das Gut ist offen für Besucher, an Weihnachten kommen Nachbarn zu Gottesdiensten in die Stallungen. Fielmann verschanzt sich nicht in seiner Nobelherberge.

Luxus? Heute gern!

Die Erdverbundenheit hat er von seinen Eltern, die Freude an schönen teuren Dingen nicht - er sammelt auch antike Möbel und Kunst: Seine Eltern waren von preußisch-nüchterner Natur.

Fielmann wird zweieinhalb Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs in Stafstedt, einem Dorf bei Rendsburg in Schleswig-Holstein, geboren. Der Vater Wilhelm Fielmann, damals 35 Jahre alt und Lehrer von Beruf, hält nichts von Luxus. Der verderbe den Charakter, ist der Patriarch überzeugt. Schlittschuhe oder ein Fahrrad gibt es für den Sohn nicht.

Die Mutter öffnet Günthers Augen für die Natur. Beide ziehen durch die Wälder, sie bringt ihm Namen und Form der Blumen und Pflanzen bei. Damals träumt er von einem eigenen Bauernhof. Heute besitzt Fielmann vier große Landgüter, auf denen er Rinder, Schafe und Pferde züchtet und ökologischen Anbau betreibt.

Mit elf Jahren muss Günter nach Hamburg umziehen, der Vater wird Leiter einer Berufsschule. Das Stadtleben bleibt Fielmann jedoch fremd. "Ich habe die Jugendlichen in der Stadt immer als härter erlebt und nicht so fair", sagt er. Nach dem Abitur will Fielmann Fotograf werden, doch der Vater hält eine Optikerlehre für angemessener. In Hamburg geht Fielmann in die dreijährige Ausbildung zum Augenoptiker. Nach ersten Berufsjahren macht er in Berlin auf der Höheren Fachschule seinen Meisterbrief.

Fielmann ist schon früh ein geschickter Geschäftsmann. In Berlin wohnt er in einem Zimmer, er fliegt hinaus und muss neu suchen. "Da dachte ich: Das kann ich selber. Ich habe mir eine Wohnung am Kudamm gemietet und die anderen Zimmer vermietet", sagt er.

Mi Casa es su casa!

Später arbeitet Fielmann in Deutschland für den französischen Brillenkonzern Essilor, dann für dessen amerikanischen Konkurrenten Bausch & Lomb. Mit 34 Jahren macht er in Cuxhaven seinen ersten Optikerladen auf. Dort hat er Freunde, die ihm das Geld dafür leihen. Schnell begreift er, wie das Geschäft funktioniert: Optiker kaufen Brillengestelle und Gläser ein, schleifen sie je nach den Anforderungen der Kunden und schlagen das Zehnfache ihres Einkaufspreises auf die Ware drauf. Er habe gemerkt, dass Optiker mit ihren Produkten Image und Lebensgefühl verkauften, und das "keineswegs zu Produktionskosten", sagt Fielmann heute. Er verlangt viel weniger und wird in seiner Zunft schnell als Störenfried bekannt. Rasch hat Fielmann ein Dutzend Läden aufgemacht - mit selbstständigen Partnern in einem Franchisesystem.

"Mein Papi hat keinen Pfennig dazu bezahlt"

1981 führt er die "Brille zum Nulltarif" ein. In einem Sondervertrag mit einer Allgemeinen Ortskrankenkasse unterschreibt Fielmann, dass er Kassenpatienten fortan eine Auswahl von 90 Metall- und Kunststoffbrillen in 640 Varianten auf Rezept anbietet. Der Satz des Mädchens aus der Werbung " ... und mein Papi hat keinen Pfennig dazu bezahlt" können die Konkurrenten bald im Schlaf aufsagen. "Wir haben ihr gesamtes Geschäftsmodell kaputt gemacht", sagt Fielmann. "Wenn ich zu den Tagungen unserer Innung ging, saß ich meist allein am Tisch." Türen seiner Läden werden mit Pattex zugeklebt, Scheiben eingeworfen. Wer bei Fielmann arbeite, könne sich nirgends anders mehr sehen lassen, drohen die Berufskollegen. Auch das formt den Menschen Günther Fielmann.

Gelegentlich reizt Fielmann das Abenteuer. In den 80er-Jahren sucht er einen Weg, um Brillen in den Ostblock exportieren zu können. Dafür bändelt er mit den Sandinisten in Nicaragua an, fliegt dorthin und fährt mit Ernesto Cardenal durch das Land. Der Priester und Politiker soll Fielmann einen Zugang in den kommunistischen Wirtschaftsraum ermöglichen - was aber am Ende nicht gelingt.

Bei Brillenlieferanten - egal ob Luxusmarkenherstellern wie Luxottica oder den Fabriken in China - gilt Fielmann als harter Knochen, wenn Preise verhandelt werden. In Deutschland hat Fielmann in Hamburg und Köln zwei kleine Edel-Optiker aufgemacht, um sie gegen die eigenen Läden antreten zu lassen. "Ich will wissen, was die Leute dort ausgeben und was sie interessiert", sagt er. Das macht ihm Spaß. Seine Position ist in Deutschland unangefochten. Er betreibt fünf Prozent der Optikergeschäfte des Landes, erreicht aber einen Marktanteil im Absatz von 48 Prozent, beim Umsatz sind es 22 Prozent.

Der Erfolg ist eine Hypothek für Sohn Marc. Er muss das Werk seines Vaters erhalten und im Schnellverfahren das Geschäft lernen. Noch studiert er für einige Jahre an der London School of Economics. Bald muss er das Erbe antreten.