Eiserne Lady

Wie Margaret Thatcher den Briten auf die Beine half

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John Blundell

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Vor 30 Jahren wurde Margaret Thatcher zur britischen Premierministerin gewählt. Sie nutzte die Geldpolitik, um die Inflation im Zaum zu halten und verhalf drei Millionen Familien zu Häusern und Wohnungen. Morgenpost Online analysiert, wie Großbritannien noch heute von der Eisernen Lady profitiert.

London vor 30 Jahren, im Mai 1979. Der Botschafter der Bundesrepublik hat gerade die britische Wirtschaft mit der DDR verglichen. Sein französischer Amtskollege stellt fest, wir litten an "Degringolade", was man mit "Absturzkrankheit" übersetzen könnte. Einige Kommentatoren behaupten sogar, die Deutschen hätten Glück gehabt, weil ihre Fabriken im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden – sie seien zur Modernisierung gezwungen gewesen, die Briten hingegen nicht. Großbritannien leidet unter dem Fluch einer zweistelligen Inflationsrate, und das schon seit Jahren.

Wir hatten gerade einen "Winter der Unzufriedenheit" durchlitten - wie es Shakespeares Richard III. formulierte. Es sah tatsächlich sehr, sehr düster aus. Es gab Streikposten in Häfen und Ölraffinerien, die Gasversorgung war unterbrochen, und Tankstellen waren geschlossen. Krankenwagenfahrer streikten und reagierten nicht auf Notrufe, Krankenpfleger - nicht die Ärzte - entschieden darüber, wer aufgenommen wurde, und nahmen notfalls in Kauf, dass jemand starb. Die Müllabfuhr und die Totengräber streikten, sodass sich Müll und Särge stapelten. Es gab Lebensmittelknappheit, und die britische Bahn gab die kürzeste Pressemitteilung ihrer Geschichte heraus: "Es fahren heute keine Züge." Schwangeren Frauen wurden Medikamente vorenthalten, die Häuser von Behinderten blockiert, Transporter mit Mahlzeiten für alte Menschen zerstört. Wir waren wirklich im "Saloon der letzten Chance", und die Leute wussten es.


So ging es bis zum 28. März 1979, als die sozialistische Regierung stürzte. Die folgende Wahl am 3. Mai brachte Margaret Thatcher nach einem erdrutschartigen Sieg, dem deutlichsten seit 1945, als Premierministerin in die Downing Street. Sie sollte dort elfeinhalb Jahre leben, gefolgt von sechseinhalb Jahren unter John Major. Was genau passierte zwischen 1979 und dem Auftauchen Tony Blairs 1997.

Thatchers erster mutiger Schritt war, die Währungskontrollen aufzuheben, das Pfund zu befreien. Die Briten mussten nicht länger mit dem Pass in der Hand zur Bank gehen und dort betteln, wenn sie ausländische Währungen benötigten. Zu der Zeit lautete die allgemeine Einschätzung: Selbst wenn Thatcher nichts anderes gelingen würde, als die Wirtschaft zu befreien, würde ihre Amtszeit schon als Erfolg gelten.

Neue Gewerbegebiete

Tatsächlich schaffte sie eine große Zahl von Kontrollen und Beschränkungen ab: von Preisen und Dividenden, Ratenkäufen und Löhnen, sie erleichterte Genehmigungen für Firmen. Männer im Londoner Regierungsviertel sollten nicht länger entscheiden, was ein Haarschnitt kostet oder Klempner und Taxifahrer verdienen. 21 völlig heruntergekommene Gegenden wurden in Gewerbegebiete umgewandelt – mit weniger Regulierung und niedrigeren Steuersätzen.

Die Wirtschaftspolitik änderte sich dahingehend, dass die Geldpolitik genutzt wurde, um die Inflation im Zaum zu halten. Zudem wurden nun eher auf Ausgaben Steuern erhoben als auf die Einkommen. Thatcher stand 364 Ökonomen gegenüber, die verlangten, die Konjunktur anzukurbeln sowie Lohn- und Preiskontrollen wieder einzuführen. Als der Erzsozialist Michael Foot vor ihrem Gesicht mit der Liste der 364 Namen wedelte und sie aufforderte, zwei Namen von Unterstützern zu nennen, blaffte sie kurz zurück: "Patrick Minford und Alan Walters." Später im Auto, auf dem Rückweg in die Downing Street, gab sie zu: "Gott sei Dank hat er nicht nach dreien gefragt!"

Thatcher überredete viele Städte, "öffentliche" Dienstleistungen privaten Firmen zu übertragen. Dies schuf einen 30 Milliarden Pfund schweren neuen Wirtschaftszweig und brachte für die Steuerzahler Einsparungen von jährlich 20 Milliarden Pfund. Stück für Stück reformierte sie die Gewerkschaftsbewegung. Sie brachte sie zurück unter das Dach des Rechtsstaats und zurück zu den Mitgliedern, weg von den Extremisten. Es brauchte ein Jahrzehnt Gesetzgebung, das meiste davon wurde von New Labour nicht geändert. Schon durch ihr Reden wandelte sie die Sicht der Nation auf die Marktwirtschaft. Sie brachte der Nation bei, dass es nötig ist, finanziell Maß zu halten und mit den vorhandenen Mitteln auszukommen.

Aufstieg zu Hausbesitzern

Drei Millionen Familien stiegen aus der Unfreiheit von Sozialwohnungsmietern zu Besitzern ihrer Häuser und Wohnungen auf – mit ihrem brillanten "Recht auf Kaufen"-Plan. Der sicherte Mietern 33 bis 50 Prozent Rabatt auf den Marktpreis zu, abhängig davon, wie sie lange sie schon Miete zahlten. Sie kürzte die Spitzensteuersätze von 83 Prozent für Gehaltseinkommen und 98 Prozent für andere Einkommen auf 60, später 40 Prozent. Der Heritage Foundation zufolge, einer Denkfabrik in Washington, war dies die größte Senkung von Einkommensteuersätzen in der Geschichte.

Die Briten trugen ihr Haupt auch wieder höher, weil Margaret Thatcher in der Außenpolitik prinzipienfest, hartnäckig und robust vorging. Unter hohem persönlichen Risiko startete sie den Prozess, der später zum Frieden in Nordirland führte. Man darf nicht vergessen, dass sie beim IRA-Bombenanschlag auf den Parteitag in Brighton nur um ein Haar mit dem Leben davonkam, immerhin drei Abgeordnete wurden getötet. Sie stand Seite an Seite mit US-Präsident Ronald Reagan und half so, die Mauer in Berlin zu Fall zu bringen - ohne dass ein Schuss abgefeuert wurde. Und schließlich stellte sie sicher, dass künftige Regierungen des britischen Königreichs freundlicher zum Markt sein müssen, als dies früher der Fall war.

Was sind die Resultate? Steuerexilanten wie der Schauspieler Michael Caine kehrten zurück. In den gut drei Dutzend von Thatcher privatisierten Unternehmen gibt es niedrigere Preise, höhere Qualität, weniger Korruption, mehr Investitionen und Innovationen, besseres Management, mehr Offenheit, weniger Streiks. Die Quote der Selbstständigen verdoppelte sich von sieben auf 14 Prozent aller Beschäftigten. Wir sind eine weitaus unternehmerischere Nation geworden.

Die britische Risikokapitalbranche, die 1979 fast gar nicht existierte, hatte innerhalb von sechs Jahren ein Volumen, das zweimal so groß war wie das in der gesamten EU. Der Anteil der Mittelklasse an der Bevölkerung sprang von 33 auf 50 Prozent. Die Eigentumsquote bei Häusern und Wohnungen kletterte von 53 auf 71 Prozent. Der Anteil der Aktienbesitzer stieg von sieben Prozent der Bevölkerung auf 23 Prozent, bei Gewerkschaftsmitgliedern von sechs auf 29 Prozent.


Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder unter den Beschäftigten sank von mehr als 50 auf unter 20 Prozent. Es gibt keinen Zweifel mehr, wer das Land regiert. Und die Zahl der durch Streiks pro Jahr verlorenen Arbeitstage ging von 29,5 auf 0,5 Millionen zurück.

Ein erstaunlicher Wandel. Die erstarrte, gewerkschaftsdominierte Vor-Thatcher-Wirtschaft war gekennzeichnet durch mürrischen Service, miese Produkte und eine ängstliche Wirtschaftselite. Nach Thatcher musste sogar die institutionell weit linke BBC ihre Berichterstattung über die Privatwirtschaft ausweiten, denn dies ist das Interesse von Beschäftigten, Unternehmern und Aktionären. Und der Service und die Qualität haben sich so stark verbessert, dass es die wildesten Träume übertrifft.


Also gratulieren wir heute einer großen Lady, die vor 30 Jahren begann, das Große wieder nach Großbritannien zu bringen. John Blundell ist der Autor von "Margaret Thatcher - A Portrait of the Iron Lady" und Chef des Londoner Institute of Economic Affairs.

Übersetzt von Christian Gaertner