Musik

Warum der deutsche Pop die Popkomm braucht

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Sebastian Handke

Foto: Trinity

Das deutsche Liedgut steht ab Mittwoch auf der Popkomm in Berlin wieder im Mittelpunkt. Das ist auch bitter nötig. Denn die Plattenfirmen bauen einerseits zu sehr auf Pöbel-HipHop, andererseits fehlt ihnen auch eine breite Menge an Talenten. Die Suche kann beginnen.

"Kartoffeln" heisst ein Song vom vorjährigen Album Jan Delays - ein selbstironisches Lied über die Deutschen und über ihre spezielle Eigenschaft, "Stärke zu besitzen, aber leider keinen Geschmack". Geht's um Entertainment, so der näselnde Funk-Meister aus Hamburg weiter, "bei unserem Knollengewächs, sag ich 'Bonjour Tristesse', und zwar in vollem Effekt".

Stimmt schon: Lange Zeit war deutscher Pop langweilig, weil die großen Leitlabels mut- und fantasielos agierten, etwa auf Castingshows, und weil sie jedes Erfolgsrezept solange ausquetschten, bis nichts mehr ging. Recht unerwartet kam daher eine neue deutsche Welle über das Land - ausgelöst von einer Gruppe, die ihre erste Single im Eigenverlag herausbringen musste. Ein Vertrag wurde der Band Wir sind Helden erst angeboten, als deren Frontfrau Judith Holofernes "Guten Tag" schon auf allen Sendern gesungen hatte.

Eine Bühne für den deutschen Pop


In der Branche, die seit Jahren Umsatzeinbrüche hinnehmen muss, hat man seine Lehren daraus gezogen: Man geht wieder raus, sucht nach aufstrebenden Bands, die zwar jung sein dürfen, aber doch schon lange zusammen spielen sollen - wie es etwa bei Silbermond oder Juli der Fall war. Heute gehören sie zu den langlebigen unter den jungen deutschen Bands.

So stolz ist man jetzt auf den deutschen Pop, dass Deutschland auf der Popkomm in Berlin zum offiziellen Partnerland gemacht wird. Das klingt paradox. Doch die Popkomm ist vor allem ein Branchentreff für Fachbesucher aus der ganzen Welt, und deutsche Bands sollen sich diesmal ausgiebig präsentieren dürfen.

Die neue "Initiative Musik", ins Leben gerufen von Viva-Gründer Dieter Gorny und Kultur-Staatsminister Bernd Neumann, wird ihnen künftig dabei unter die Arme greifen. "Wir möchten, dass das deutsche Musikkulturgut als Ganzes im Ausland akzeptiert wird", sagt Popkomm-Direktorin Katja Bittner.

Labels rekrutieren zu wenig Nachfolge-Bands

Dabei ist Musik aus deutschen Landen längst zum Selbstgänger geworden. In den aktuellen Single-Top-Ten sind sechs deutsche Titel, bei den Alben sind es sogar sieben. Dass im Vergleich zum vergangenen Jahr der Anteil deutscher Musik etwas zurückgegangen ist, überrascht nicht. Es waren WM-Songs wie jener von Sportfreunde Stiller, die im letzten Sommer für Spitzenwerte sorgten.

Allerdings konnten sich interessante neue Gruppen - Karpatenhund etwa oder die Punkband Panda der Berliner Schauspielerin Anna Fischer - nicht durchsetzen. Das Problem ist nicht, dass die Akzeptanz deutscher Musik nachließe, sondern dass die Plattenfirmen keine Künstler in der Hinterhand haben, wenn Hoffnungsträger nicht einschlagen wie erwartet.

Denn es fehlt in Deutschland an einem breiten Sockel junger Musikmachender, von dem sich jederzeit neue Talente abschöpfen ließen. Ein Grund, warum Deutschland es schwerer hat als andere Länder, offenbart sich alljährlich beim European Song Contest: Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern im Süden, auf dem Balkan oder in Osteuropa gibt es hierzulande keine traditionelle und zugleich im Alltag lebendige Musikkultur, die den Pop von heute inspirieren könnte.

Eigene Band hierzulande seltenes Hobby

Die Briten haben das auch nicht, könnte man einwenden, und doch entsteht dort Pop- und Dance-Musik für die ganze Welt. Doch die Briten sind mit dem Rock-'n'-Roll-Import der Amerikaner nach dem Krieg eben anders umgegangen als der Rest Europas: Von den Wächtern der Hochkultur wie der BBC verachtet, wurde Rock in Großbritannien von der Arbeiterklasse nicht nur gehört, sondern angenommen und in etwas Eigenes verwandelt - ein fruchtbarer Nährboden, der die Beatles und The Who erst möglich machte.

Auch heute, wo Computerspiele, Handy und MySpace der Popmusik ihren Rang als wichtigste Jugendkultur streitig machen, spielen viele Jugendliche in Großbritannien in einer Band.

Und wer selbst Musik macht, der übt sich auch in Geschmacksbildung. Die Akzeptanz guter Musik, und zwar auch solcher, die man nicht unbedingt auf dem eigenen iPod hat, ist nicht zuletzt deshalb in einem Land wie Großbritannien größer als hierzulande. Als der international erfolgreiche deutsche Reggae-Künstler Gentleman kürzlich beim Konzert gegen Gewalt am Brandenburger Tor nach dem Aggro-Rapper Bushido vors Publikum trat, hatte er das Gefühl, als singe er gegen eine Wand.

"Zum ersten Mal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich die jungen Leute noch erreiche in diesem Land." Ein Künstler, dessen neues Album "Another Intensity" in sechzehn Ländern veröffentlicht wird und der in Schweden, Frankreich, Afrika, in den USA, auf Jamaika und anderswo vor großem Publikum spielt.

Plattenfirmen bleiben bei Stereotypen

Gerade hier, im weiten Feld der "urban music", ist augenfällig, wie schnell die Plattenfirmen in alte Muster zurückfallen. Auch hier hat Großbritannien einen historischen Vorteil: Als Zentrum einer ehemaligen imperialen Großmacht ist London mehr denn je ein Sammelpunkt verschiedenster Kulturen, die sich gegenseitig inspirieren.

Auch in Deutschland wird das Gemisch immer vielfarbiger, und es gibt etliche Einwandererkinder, die ihr musikalisches Erbe mit der neuen Heimat in Einklang bringen. Die großen Labels allerdings halten sich lieber an das bewährte Erregungspotenzial des Pöbel-HipHop aus der Berliner Aggro-Schule.

Denyo, einst mit Jan Delay als Absolute Beginner erfolgreich, hat für den im September in die Kinos kommenden Film "Leroy" einen Soundtrack zusammengestellt, eine Art Gegenthese zum stumpfen AggroHop. "Es ist schwierig, diese Musik überhaupt noch zu veröffentlichen", sagt Denyo.

Die Hoffnung ist mehr als lebendig


Four Music, einst von den Fantastischen Vier gegründet, ist in diesem Umfeld heute das einzige Label, das sich seine Künstler nach musikalischer Qualität aussucht und zugleich mit dem Anspruch, sie als Pop-Act dann auch in die Charts zu bringen. Gerade diesen Sommer, als mit Freundeskreis der erste Four-Music-Act sein zehnjähriges Bestehen feierte mit einem Best-of-Album und einer Festivaltour, wurde man schmerzlich daran erinnert, dass es in den neunziger Jahren eine Zeit gab, als richtig gute deutsche Musik - frei und funky, weltgewandt und verspielt - die deutschen Hitparaden dominierte.

Es geht doch, möchte man den Verzagten also zurufen, und vielleicht ist es auch einfach nur eine Frage der Einstellung. Denn natürlich hat Jan Delay recht, wenn er im Refrain seines Kartoffellieds, nachdem alle schlechten Eigenschaften aufgezählt sind, schließlich offen heraus fragt: "Wenn das aber alles stimmt - Wieso kann ich dann verdammt noch mal so cool sein wie ich bin?"