Europäische Union

Deutsche Konzerne gegen härtere Finanzmarktregeln

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Günther Lachmann

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Die von der EU-Kommission geplanten Maßnahmen seien eher dazu geeignet eine neue Krise auszulösen, denn sie zu verhindern.

Namhafte deutsche Konzerne unterstützen einen Vorstoß gegen die von der Bundesregierung und der EU-Kommission geplanten verschärften Finanzmarktregeln. Das geht aus einem Papier des Verbandes „The European Association of Corporate Treasurers“ (EACT) hervor, das an die EU-Kommission verschickt wurde. Darin werden neben dem britischen Unternehmen Rolls Royce namentlich „Bayer, BMW, Daimler, EADS, E.ON, Lufthansa, MAN, RWE und Volkswagen“ aufgelistet.

In dem Papier heißt es wörtlich, die geplanten Maßnahmen zur stärkeren Kontrolle und Aufsicht des Finanzsektors seien in Teilen „nicht nur unnötig, sondern gefährlich“. „Statt die nächste Krise zu verhindern, könnten sie die nächste Krise auslösen.“ Außerdem würden die Vorhaben deutlich von den US-Plänen abweichen und die europäischen Unternehmen benachteiligen.

In den USA hat der Senat am Donnerstag den Weg freigemacht für die weitreichendste Reform der Finanzmärkte seit der Großen Depression vor 80 Jahren. Sie soll eine bessere Kontrolle des Derivatehandels und eine größere Transparenz und Haftung für Hedgefonds und Hypothekenhändler gewährleisten.

Nach Angaben des EACT befürchten die deutschen Konzerne dennoch schwerwiegende Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen aus den USA. Denn durch die von der EU-Kommission angestrebten Regelungen würden die Finanzierungsmöglichkeiten europäischer Konzerne unter anderem bei internationalen Geschäften erheblich erschwert.

Zu ihrer Beteiligung an dem EACT-Vorstoß mochten sich die deutschen Unternehmen nicht selbst äußern. Sie verwiesen auf den Verband, der in der Sache auch für sie spreche. Der EACT ist der Dachverband von 19 nationalen Verbänden in Europa. In Deutschland ist dies der „Verband deutscher Treasurer“ (VDT).

Konkret geht es um den Handel mit Derivaten. Das sind komplexe Finanzprodukte, mit denen Banken, Unternehmen und Hedgefonds Finanzgeschäfte absichern. Am bekanntesten sind inzwischen die sogenannten Credit Default Swaps, die maßgeblich zur weltweiten Finanzkrise beigetragen hatten. Sie sind der Grund für die nun von der EU und den USA anstrebten neue Regelungen für die Finanzmärkte.

Nach Angaben der EU-Kommission beträgt das Gesamtvolumen des Derivate-Marktes rund 640 Billionen Dollar. Daran haben Unternehmens-Derivate einen Anteil von drei Prozent.

Deutsche Konzerne sind auf Derivate angewiesen

Es sind vornehmlich große Konzerne wie Daimler, VW, Lufthansa oder EADS, die regelmäßig Derivate nutzen. Sie setzen diese unter anderem gegen Währungsrisiken ein. Das funktioniert so: Ein Konzern bekommt einen Großauftrag aus der Türkei, der Kunde zahlt in türkischer Lira. Weil der Konzern die Lira nicht will, wendet er sich an eine Bank. Diese nimmt ihm zu einem bestimmten Preis die Lira und damit das Risiko eines sich verschlechternden Wechselkurses ab. Der Konzern erkauft sich also Währungssicherheit.

Bei internationalen Geschäften werden nicht selten Milliarden umgesetzt. Gehe es nach den Vorstellungen der EU-Kommission, werde es die zwischen Bank und Unternehmen ausgehandelte Absicherung des Währungsrisikos aber in Zukunft wohl nicht mehr geben, sagt EACT. Stattdessen müssten sich die Unternehmen diese Sicherheit wie an einer Börse erwerben. Die Folgen seien schwerwiegend, da die EU-Kommission die Unternehmen verpflichten wolle, einen Teil des Umsatzes in bar als Sicherheit zu hinterlegen.

Das aber könne auch der größte Konzern nicht leisten, da bei Geschäften in Milliardenhöhe würde dann allein durch die zu hinterlegende Sicherheit die gesamte Liquidität des Unternehmens abgesaugt. Banken könnten sich, wenn nötig, billig über ihre Zentralbanken refinanzieren. Unternehmen hätten diese Möglichkeit nicht und müssen dann zu vermutlich schlechten Konditionen Geld bei den Banken leihen.

USA lassen den Unternehmen mehr Spielräume

„Anders als die EU-Kommission lassen die USA den Unternehmen in ihren Plänen für die Regulierung der Finanzmärkte mehr Spielraum“, sagt EACT-Sprecher Richard Raeburn Morgenpost Online. Ziel der EACT sei eine Gleichbehandlung der Unternehmen in den USA und in Europa.

Doch EU-Kommissar Michel Barnier gibt sich hart. „Wenn wir nicht glaubwürdige Aufsichtsbehörden schaffen einschließlich einer Behörde zur Bewertung systemischer Risiken, werden viele andere Reformen wirkungslos bleiben“, sagt er. „Die Finanzmarktaufsicht ist das Rückgrat des Ganzen. Es geht hier um ein sehr ernstes Thema“, so Barnier.

Nach wie vor ist offen, wie die europäische Lösung am Ende aussehen wird. Im September wird eine endgültige Entscheidung erwartet. Spätestens Anfang kommenden Jahres soll es dann eine funktionierende Finanzmarktaufsicht in Europa geben.