Gaza-Blockade

Palästinensische Firmen treten auf der Stelle

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Silke Mertins

Foto: dpa

Die Unternehmer im Gazastreifen warten sehnsüchtig auf eine Öffnung der Grenze. Ihnen fehlen Rohstoffe und Konsumenten.

Auf den fünf langen Zuschneidetischen liegen nur noch angestaubte Stoffreste. Die Schnittmuster hängen verblichen auf Kleiderständern in der verwaisten Fabrikhalle. Hassan Abu Dhan stampft missmutig durch den Betrieb seiner Familie, der vor drei Jahren noch 250 Mitarbeiter beschäftigt hat. Er ist Geschäftsführer, aber Geschäfte, die es zu führen gilt, gibt es nicht viele, seit die Hamas 2007 die Macht im Gazastreifen gewaltsam übernommen und Israel eine Blockade verhängt hat.

Der 25-jährige Unternehmersohn ist frustriert. Ab und zu beschäftigt er zehn Arbeiter für ein paar Tage, um Jeans, T-Shirts und Kleider für den lokalen Markt zu produzieren. Ansonsten steht hier alles still. Der Laster, der früher täglich zur Grenze fuhr, um Kleider abzuliefern und Rohmaterial abzuholen, steht ordentlich eingeparkt in der Eingangshalle der Fabrik.

„Unsere Kollektionen hießen ,Flipper‘ , ,River‘ und ,OK‘, und sie haben früher über den israelischen Markt sogar Amerika und Frankreich erreicht“, sagt Abu Dhan. Die Textilbranche ist lange Zeit eine Schlüsselindustrie im Gazastreifen gewesen, die 40.000 Menschen beschäftigt hat. „Heute sind es nur noch ein paar Hundert, vielleicht 1000“, sagt Abu Dhan. Die meisten Betriebe sind geschlossen.

Gerade hat Israel nach der tödlichen Erstürmung der Gaza-Hilfsflotille auf internationalen Druck hin die Blockade gelockert. Statt einer Liste mit erlaubten Gütern hat die Regierung in Jerusalem eine Verbotsliste veröffentlicht, die nur noch die Einfuhr von Waffen untersagt – und von Produkten, die vielleicht auch für militärische Zwecke eingesetzt werden könnten. Amerikaner und Europäer lobten den Schritt. Hassan Abu Dhan beeindruckt das jedoch nicht. „Für uns bedeutet die Lockerung keinen Wendepunkt“, sagt er. „Solange wir nicht auch exportieren können, brauchen wir gar kein Material für die Produktion.“ Die derzeitige Veränderung bedeute sogar eher noch eine Verschlechterung, weil nun zuhauf billige Ware aus China den Gazastreifen überschwemme und so auch das wenige, was Abu Dhan für Gaza selbst produziert, in den Lagern liegen bleibe.

Mehr als 90 Prozent der Betriebe geschlossen

Hassan Abu Dhan schlendert weiter in die geisterhaft stille Nähhalle. Einen Teil der Maschinen musste er verschrotten. Andere lässt er regelmäßig für viel Geld warten in der Hoffnung, nicht alles zu verlieren. „Hier, diese Spezialnähmaschine für Jeansnähte kostet allein 4000 Euro“, sagt er. Verkaufen könne er sie allerdings nicht. Niemand braucht derzeit Industriemaschinen. Als die Grenze 2007 geschlossen wurde, blieb die Textilfirma auf Waren im Wert von umgerechnet 200.000 Euro sitzen. Jährlich geht Abu Dhan ein Gewinn von mehr als 100.000 Euro verloren.

Aus dem Stand könnte Abu Dhan wieder 200 oder mehr Palästinenser einstellen, würde man ihn exportieren und mit israelischen Geschäftspartnern kooperieren lassen, sagt er. Und so geht es den meisten Unternehmen in Gaza. Mehr als 90 Prozent der Betriebe sind geschlossen oder produzieren auf Sparflamme. Die Bauwirtschaft, die einst 50.000 Menschen beschäftigte, liegt danieder, von den einst 125 Bauunternehmen haben nur acht überlebt.

„Was wir brauchen, ist eine komplette Öffnung aller Übergänge“, sagt Mohammed Skaik, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Paltrade in Gaza. „Wir müssen außerhalb des Gazastreifens Geschäftskontakte knüpfen können, für den Export genauso wie für den Import“, sagt der Funktionär. „Die einzige Veränderung ist, dass wir mehr israelische Produkte im Laden haben, die sauberer und billiger sind als die, die durch die Tunnel aus Ägypten geschmuggelt werden“, sagt Daud Sukker, der den Sukker-Supermarkt auf der Al-Thoura-Straße in Gaza-Stadt betreibt. „Das Hauptproblem aber ist die Arbeitslosigkeit. Bei mir kaufen kann nur, wer Geld verdient.“

Doch seit Beginn der Blockade grassiert die Armut. Mehr als 60 Prozent der 1,5 Millionen Bewohner des Gazastreifens leben der Weltbank zufolge mit ihrem Einkommen unter der Armutsgrenze. Viele Familien bekommen Essenspakete vom Uno-Flüchtlingshilfswerk oder anderen Organisationen für ihre im Durchschnitt zehn- bis zwölfköpfigen Familien. Ein nennenswertes Wirtschaftswachstum existiert in „Hamastan“ schon lange nicht mehr. Während das von der moderaten Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas regierte Westjordanland boomt, hängt der Gazastreifen am Tropf der Hilfsorganisationen.

Die Hälfte der Bevölkerung ist arbeitslos

Über ein regelmäßiges Einkommen verfügen nur die 70.000 Angestellten der Palästinensischen Autonomiebehörde, die unter der Hamas aber gar nicht mehr arbeiten dürfen. Die Islamisten selbst beschäftigen 30.000 Menschen, deren Gehälter teilweise mit Spenden aus Iran finanziert werden. Zu Gazas Besserverdienenden gehören zudem viele der Tunnelbesitzer, die Ware aus Ägypten schmuggeln und Hunderte von Leuten beschäftigen. Alle anderen, knapp die Hälfte der Bevölkerung, sind arbeitslos oder leben von Gelegenheitsjobs.

„Wenn wir Baumaterial hätten und der Wiederaufbau beginnen könnte, würde das vielen Arbeit geben“, sagt ein Supermarkt-Kunde, der ein Stück weiter die Straße runter eine Pizzeria betreibt. „Das wäre eine wirkliche Veränderung. Jetzt haben wir nur ein paar Kekssorten mehr im Regal.“ Aber die Bauprojekte, das ist jetzt schon klar, werden beschränkt sein. Zement wird weiterhin nicht jeder kaufen können, der sein im Krieg vor eineinhalb Jahren beschädigtes Haus wieder aufbauen will. Denn mit Zement und anderen massiven Baumaterialien, so argumentiert Israels Regierung natürlich nicht zu Unrecht, könnte sich die Hamas Bunker und befestigte Stellungen bauen. Nur für Bauvorhaben unter internationaler Aufsicht wird Israel Material durchlassen.

Die von der Lockerung der Blockade getroffenen Schmuggler haben sich schon jetzt auf die neue Marktlage eingestellt. „Noch vor ein paar Wochen haben wir 3000 bis 5000 Dollar pro Tag verdient, jetzt ist es fast null“, klagt Abu Ali, der mit Partnern zwei Tunnel an der Grenze zu Ägypten betreibt. Denn die Geschäfte sind jetzt gut gefüllt mit Waren aus Israel. „Deswegen fangen wir an, nur noch Zement und Stahl nach Gaza zu bringen.“ Deren Preise sinken bereits.

Unternehmen stoßen auf Hürden beim Import

Ghazi Mushtaha hat die Tunnelwirtschaft immer gehasst. Die Produkte seien nicht sauber und zudem überteuert, ärgert er sich. Deswegen versucht der Inhaber der ältesten Eisfabrik in Gaza, Al-Arusa, seit Tagen, seine bereits bezahlten Eisstiele und Plastikbecher, die in Israel lagern, einzuführen. Bisher vergeblich, obwohl den israelischen Behörden zufolge Produkte für die Lebensmittelindustrie kein Problem mehr sein dürften. Er hält einen Holzstiel und einen Becher hoch: „Sehr gefährlich, wahrscheinlich explosiv“, spottet er.

„Auf jeden Fall geht ein Eis immer an einem heißen Tag!“, sagt er dann in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Schon lässt er mit einer Handbewegung seine Version des Langnese-Klassikers Magnum aus dem Kühlraum bringen. Die dunkle Schokoladenumhüllung ist dünn, die Eiscreme minzgrün, doch sie schmeckt und kostet im Laden nur ein Viertel des Originals.

Mushtahas vollautomatische Eismaschine aus Dänemark, die in einer Acht-Stunden-Schicht 1500 Stück produzieren kann, steht still. Die kleine Fabrik am Rande von Gaza-Stadt arbeitet nur mit einem Sechstel ihrer Kapazität. Mehr Eis kann El-Arusa in dem verarmten Küstenstreifen nicht verkaufen. Früher hat er über 70 Prozent seiner Eiscreme im Westjordanland und Israel verkauft. Solange er nicht wieder exportieren kann, wird er die über 100 Angestellten, die er entlassen musste, nicht wieder einstellen können.

Auch Yassir Alwadeya könnte in seiner Keks- und Eisfabrik nicht weit vom Grenzübergang Eres 200 Palästinensern Arbeit geben, wenn die Grenzen wieder durchlässig wären. Denn von den 127 Produkten, der er einst produziert hat, stellt er heute nur noch fünf her. „Meine Fabrik ist im Gaza-Krieg zu 70 Prozent zerstört worden“, sagt er. „Ich brauche Baumaterial und Maschinen, um sie wieder voll in Betrieb nehmen zu können.“

Alwadeya gehört zu einem Rat aus Geschäftsleuten und anderen Vertretern der Zivilgesellschaft, die versuchen, Fatah und Hamas zu versöhnen. Nur so, ist er überzeugt, können die palästinensischen Gebiete wieder regierbar und die Wirtschaft in Gang kommen. Oft sei man einer Einigung ganz nah gewesen, sagt er. Im Augenblick ist er jedoch nicht sehr optimistisch. „Es ist derzeit zu schwierig, denn die Hamas sieht sich als Gewinner der Vorfälle rund um die Hilfsflotille.“

Doch ohne Lösung der innerpalästinensischen Konflikte wird die wirtschaftliche Lage im Gazastreifen bleiben, wie sie ist. „Ich bin eher wütend auf die palästinensische Führung als auf Israel“, sagt Textilfabrik-Manager Abu Dhan. „Israel ist unser Feind. Was kann man vom Feind erwarten? Aber dass einem die eigenen Leute das Leben nahezu unmöglich machen, ist etwas anderes.“ Ohne eine Versöhnung sehe er für seinen Betrieb keine Zukunft: „Die Wirtschaft in Gaza stirbt jeden Tag ein bisschen mehr.“