Warenhaus-Krise

Bei Hertie in Berlin herrscht Endzeitstimmung

"Zum Glück gibt’s Hertie". Viele Leute würden diesen Spruch nicht mehr unterschreiben, denn der Warenhauskonzern ist bekanntlich insolvent. Alle 48 Häuser in Deutschland werden geschlossen. Der Werbeslogan von Hertie trifft aber zumindest für die Menschen zu, denen Hertie ans Herz gewachsen ist.

Foto: Sven Lambert

Wann die Geschäfte das letzte Mal die Türen öffnen, weiß niemand in der Firmenzentrale in Essen. „Die Kunden bestimmen das Schließungsdatum“, sagt Wolfgang Weber-Thedy, Sprecher des Konzerns. Erst wenn keine Waren mehr in den Regalen stehen, werden die Häuser geschlossen.

In der Hertie Filiale in Schöneberg kann dies noch eine Weile dauern. Es ist eine gewisse Endzeitstimmung zu spüren. Nur noch eine Handvoll Kunden tummeln sich um die Wühltische im Erdgeschoß. Die Angestellten schauen traurig. Eigentlich müsste der Laden brechend voll sein. In allen Etagen leuchten rote Reklamehinweise mit dicken Lettern, die große Rabatte versprechen. Wenn weiterhin so wenig Menschen kommen, könnte die Filiale allerdings noch Jahre geöffnet haben. Wenn lediglich ein paar Dutzend Kunden am Tag ein paar Bleistifte oder vielleicht einen Wecker kaufen, wird das Sortiment noch ewig reichen. Mangelnde Kundschaft war ja schon das Problem von Hertie, bevor die Firma in die Insolvenz gegangen ist.

„Schreibwaren“, antwortet ein feiner, älterer Herr auf die Frage, was er gerade gekauft hat. Er heißt Rainer Zenter, ist Oberstudienrat und lehrte bis zu seiner Pensionierung an einem Schöneberger Gymnasium Geschichte und Deutsch. Natürlich sei es schlimm, wenn eine solche Traditionsfirma insolvent wird. Vor allem um die Mitarbeiter tut es ihm leid. „Aber schauen sie sich um, der Laden ist leer, trotz all der Rabatte“, sagt der Lehrer resigniert. Energisch widerspricht ihm ein anderer Kunde: „Ich komme jeden Tag hier her“, versucht Hans Mayr, gelernter Mechaniker, die These des Oberstudienrats zu widerlegen. Er bekomme Hartz IV und könne sich deswegen nichts leisten, bei Hertie bekomme er wenigstens für kleines Geld annehmbare Qualität. Da kann auch Rainer Zenter nicht widersprechen, gibt aber zu bedenken, dass es eben einfach zu wenig solche Kunden wie Mayr gebe. Es hat sich mittlerweile ein kleines Grüppchen gebildet, eine ältere weißhaarige Dame unterstützt den Hertie-Fan Mayr. Für sie sei es tragisch, sie wohne hier in der Nähe und sei schlecht zu Fuß. „Wo soll ich jetzt hingehen?“ fragt sie vorwurfsvoll in die Runde. Niemand hat eine Antwort. Eine Verkäuferin, die nicht genannt werden will, hofft immer noch auf einen Retter. Wo der herkommen soll, weiß sie allerdings auch nicht. Jeder in der Runde würde es zwar begrüßen, wenn Hertie gerettet werden würde, jeder sieht aber auch Handlungsbedarf bei dem maroden Konzern. Sogar Herr Mayr sieht jetzt ein, dass ein riesiges Kaufhaus mit ein paar Kunden nicht überleben kann. Eine zündende Idee, was man denn ändern müsste, damit die Geschäfte wieder laufen, hat auch keiner der Anwesenden.

Jobsuche gestaltet sich schwierig

Wie es mit den Mitarbeitern von Hertie in Berlin weitergeht ist indes klar. „Sie stehen auf der Straße, für sie besteht kaum eine Möglichkeit für einen Anschlussjob“, schätzt Erika Ritter von der Gewerkschaft Ver.di ihre Situation realistisch ein. Auch der Betriebsrat Mario Ratajzak der Hertie-Filiale in der Turmstraße ist skeptisch. Es gebe zwar jede Menge Jobs im Einzelhandel, aber ohne Tarifgehalt. „20 bis 30 Prozent weniger würden die Kollegen verdienen“ so Ratajzak. Entgegen dem Eindruck aus der Schöneberger Filiale schätzt der Betriebsrat den Verlauf des Ausverkaufs als sehr gut ein.

An den Außenwänden des unscheinbaren Gebäudes aus den 60er-Jahren versucht der Konzern noch mit letzter Kraft mit Werbeplakaten Emotionen bei seinen Kunden zu wecken: „Ein letztes Mal bei Hertie“. Wer weiß, vielleicht öffnet ja irgendwann wieder ein anderes Geschäft in der Schöneberger Hauptstraße 142. Die weißhaarige Dame und Hans Mayr wären bestimmt wieder da. Draußen vor dem Eingang, im trüben Berliner Wetter, weht die verblasste rote Fahne mit dem Firmenlogo. Der Blick fällt auf einen weiteren Werbespruch in der Nähe des Eingangs: „Tschüss Hertie“.