Privatinsolvenz

Geldsorgen drücken auf die Seele

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Anette Dowideit

Foto: judith wagner / Judith Wagner

Ein neues Auto, ein teurer Flachbildfernseher, eine größere Wohnung - und das alles auf Kredit. Wer dann das geliehene Geld nicht zurückzahlen kann, gilt als Verlierer. Die Betroffenen schweigen darüber, viele werden vor Kummer krank. Ein Vater und sein Sohn erzählen, wie man als verschuldete Familie lebt.

Auf den ersten Blick ist er nicht zu erkennen, der Schuldenberg, auf dem Markus Jäger sitzt. Der 48-Jährige und sein zwölfjähriger Sohn Fabian leben in einem ruhigen Vorort Kölns, in einem gepflegten Mehrfamilienhaus mit Vorgarten. Sie haben eine liebevoll eingerichtete Drei-Zimmer-Wohnung. Markus Jägers Freundin, die gleich um die Ecke wohnt, hat bei der Einrichtung geholfen. Sie hat in allen Zimmern die Wände bunt gestrichen, im Schlafzimmer eine Kuschelecke für die zehnjährige Tochter Jennie eingerichtet, die jedes zweite Wochenende zu Besuch kommt. Im Wohnzimmer steht ein großer Flachbildfernseher.

„Das ist aber nicht unserer, er ist von meiner Freundin ausgeliehen“, sagt Markus Jäger mit Bedauern in der Stimme. Er serviert den Besuchern Kaffee und zündet sich dann eine Zigarette an. Es ist die erste von vielen an diesem Abend. „Rauchen ist das einzige, das ich mir gönne“, sagt er. „Ich bilde mir ein, dass das die Nerven beruhigt.“ Obwohl er natürlich wisse, dass es eben genau das Gegenteil bewirkt. Alkohol trinke er so gut wie nie, das sei viel zu teuer. Auch Essen gehen oder einen Besuch im Schwimmbad mit seinen Kindern könne er sich nur sehr selten leisten. Und dass, obwohl er jeden Morgen um vier Uhr aufsteht und arbeiten geht, als Lastwagenfahrer für eine Kölner Getränkefirma.

Markus Jäger ist pleite. Schuld daran sind Kredite, die er vor vielen Jahren aufgenommen hatte. Einer für ein neues Auto, einen Ford Mondeo. Einer, um Möbel für das Kinderzimmer zu kaufen, einer für das Wohnzimmer und so weiter. Insgesamt hat er über 26.000 Euro Schulden. Ein Problem wurde das, als seine Frau ihn verlassen hat, für einen gemeinsamen Freund. Vor drei Jahren wurde die Ehe geschieden. Nun müssen sie zwei Wohnungen bezahlen anstatt einer, zweimal Heizkosten, zweimal Telefon.

Dazu kommt, dass Markus Jäger weniger verdient als früher. Denn er muss früher bei der Arbeit Schluss machen, um sich nachmittags um seinen Sohn kümmern zu können. Das hat früher die Mutter gemacht. Alles zusammen hat dazu geführt, dass Jäger irgendwann seine monatlichen Zahlungen für den Kredit nicht mehr schaffte und die Bank ihr Geld zurückwollte. Dem Vater ist das sehr unangenehm. Von seinen Arbeitskollegen soll niemand davon erfahren. Deshalb sind die Namen der Familie in diesem Artikel geändert.

Ein solches Schamgefühl ist typisch für Menschen, die pleite sind. In Deutschland sind Schulden ein Tabuthema, und das noch stärker als in anderen Ländern. Wer überschuldet ist, wird sogar öfter krank. Die Universität Mainz hat in einer Studie herausgefunden, dass 80 Prozent der Deutschen, die bei einer Schuldnerberatung Hilfe suchen, unter Depressionen, Angstzuständen oder anderen Krankheiten leiden.

Das mag damit zusammenhängen, dass überschuldete Familien hierzulande von der Gesellschaft oft als Verlierer angesehen werden, sagt einer, der sich mit dem Thema gut auskennt: Attila von Unruh, Unternehmer aus Ruppichteroth bei Bonn. Er war vor Jahren selbst pleite, und er sagt: „Im Wort Schulden steckt das Wort Schuld – und das spiegelt die Haltung der Gesellschaft wider. Dabei sind viele Menschen ohne eigenes Zutun in die Situation geraten, ihre Kredite nicht mehr bezahlen zu können.“

Nicht jeder, der unter einem Schuldenberg zusammenbricht, hat sich vorher von der Bank Geld für ein neues Auto oder einen schönen Urlaub geliehen und mehr ausgegeben, als er verdient, erklärt von Unruh. „Gerade jetzt in der Wirtschaftskrise gibt es häufig Fälle von Firmenbesitzern, die unverschuldet zahlungsunfähig werden. Das kann zum Beispiel passieren, weil die Firmen zwar ihre Ware pünktlich an die Kunden liefern, die Kunden aber nicht pünktlich bezahlen.“ Dann stecken manche Firmenbesitzer ihr eigenes Gespartes ins Unternehmen. So lange, bis kein Geld mehr da ist. Am Ende haben sie kein Geld mehr auf ihrem Konto, die Telefonfirma kündigt ihnen den Handyvertrag, manche verlieren sogar ihre Wohnung, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können.

Etwas Ähnliches ist Attila von Unruh vor Jahren mit seiner Firma passiert. Er stellte damals fest, dass es hilft, sich mit anderen Betroffenen über seine Probleme mit den Schulden auszutauschen. Doch er fand keine Veranstaltungen, auf denen sich Überschuldete trafen. Deshalb gründete er vor eineinhalb Jahren die „Anonymen Insolvenzler“. Der Name klingt absichtlich ähnlich wie der der „Anonymen Alkoholiker“. Denn beide Vereine haben gemeinsam, dass man sich dort regelmäßig mit anderen Menschen treffen kann, die das gleiche Problem haben, und das Besprochene ein Geheimnis der Teilnehmer bleibt. In den letzten drei Monaten haben wegen der Wirtschaftskrise viel mehr Leute als sonst die Internetseite des Vereins besucht ( www.anonyme-insolvenzler.de ). Es gibt mittlerweile Gesprächskreise in Köln, Hamburg und München.

Die Teilnehmer helfen sich gegenseitig nicht nur, mit der Scham und dem Gefühl, ein Versager zu sein, umzugehen. Sie geben einander auch praktische Tipps: Wie schafft es eine kleine Firma, trotz Geldmangel ihre Angestellten weiter zu bezahlen? An welchen Stellen kann man sparen? Was ist eine Privatinsolvenz?

Auch Markus Jäger musste sich mit diesen Dingen auseinandersetzen. „Ich bekam einen Anruf von meiner Bank, weil ich nicht mehr mit den Raten für meinen Kredit nachkam“, erzählt er, während er mit seinem Sohn Fabian am Esstisch im Wohnzimmer sitzt, für das Foto posiert und noch eine Zigarette raucht. „Die haben mich zur Schuldnerberatung Köln geschickt. Der Berater dort hat mir nahe gelegt, Verbraucherinsolvenz anzumelden.“

Dabei einigt sich der Verschuldete mit allen seinen Gläubigern – also den Menschen oder Firmen, denen er Geld schuldet – darauf, wie viel er pro Monat abstottern kann. Die Gläubiger kommen dem Überschuldeten entgegen, indem sie auf einen Teil der Rückzahlungen verzichten. Ein Schuldnerberater oder Anwalt stellt einen Plan auf. Darin steht, wie viel Vermögen der Verschuldete hat, was er jeden Monat verdient und wie viel er zum Leben braucht. Bis zu sechs Jahre dauert es, bis die Schulden abbezahlt sind. In dieser Zeit bekommt der Verschuldete nur einen Teil seines Gehalts ausgezahlt. Der Rest wird gleichmäßig verteilt.

„Ich habe erst nichts von der Idee mit der Verbraucherinsolvenz gehalten“, sagt Jäger. „Ich kam mir vor wie ein Betrüger.“ Schließlich mussten die Firmen, denen er Geld schuldete, teilweise auf die Rückzahlungen verzichten. „Ich finde eigentlich, man kann nicht Geld leihen und dann nachher sagen: Sorry, aber ich kann es mir nicht leisten, es zurückzugeben.“

Allerdings hätten viele andere Verschuldete eine andere Einstellung, so zumindest sein persönlicher Eindruck. „Ich war mehrmals bei Vorträgen der Schuldnerberatung, wo noch hundert oder mehr andere Verschuldeten saßen. Da wurden Fragen gestellt, das können Sie sich gar nicht vorstellen“, sagt er. „Die Leute wollten wissen, wie viele Fernseher sie behalten dürfen, wenn sie Insolvenz anmelden. Oder ob ihnen das Auto aus der Garage weggepfändet werden kann.“ Ein schlechtes Gewissen habe dort kaum jemand gezeigt.

Trotz seiner Bedenken entschloss sich Jäger, Insolvenz anzumelden. Denn es kam ein weiteres Problem hinzu: Sein Arbeitgeber bezahlte seinen Lohn nur noch unregelmäßig. Die Geldnot wurde einfach zu groß. Nun leben er und sein Sohn von 1430 Euro im Monat, das ist der festgelegte Betrag für einen alleinerziehenden Vater mit einem Kind. Der Rest seines Gehalts geht an den Insolvenzverwalter.

Von diesem Geld zu leben, ist nicht leicht. Der größte Teil geht für die Miete drauf. Eingekauft wird bei Aldi, zum Abendessen gibt es meistens Spaghetti. Ein großer Ausgabenposten sind die Zigaretten. Jäger gibt dafür jeden Monat 300 Euro aus. Über das Rauchen gibt es öfter Streit zwischen Vater und Sohn. „Ich will, dass Papa weniger raucht. Weil es ungesund ist und viel kostet“, sagt Fabian. Das Geld könnte man anderswo besser anlegen, meint er. Er wünscht sich ein Paar „Chucks“-Turnschuhe. Für Vater Markus zu teuer. „Die kosten 39 Euro, das finde ich unverschämt für ein paar Kinderschuhe.“