Rapa

So rettet sich ein Autozulieferer ohne Staatshilfe

Während der Bund Milliarden für die Rettung von Opel riskiert, manövrieren viele Mittelständler allein durch die Rezession – bisher meist mit Erfolg. Das zeigt das Beispiel des Autozulieferers und Familienunternehmens Rapa. Doch es könnte für den Mittelstandsbetrieb noch gefährlich werden.

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Sein schallendes Lachen füllt sein Büro. "Diese Krise ist meine Krise, und die lasse ich mir nicht nehmen", sagt Horst Pausch. Er ist keiner, der jedes Wort abwägt im Gespräch, bis die Sätze zu Floskeln verkommen. Das hat er nicht mehr nötig, mit seinen 67 Jahren, von denen er vier Jahrzehnte beim Autozulieferer Rausch & Pausch (Rapa) verbrachte. Nächstes Jahr soll Schluss sein an der Firmenspitze. Hinter seinem Schreibtisch hängen Hochglanzfotos mit Mercedes-Cabrios. Neben ihm sitzt Sohn Roman, der die Firma in die vierte Generation führt. Roman ist promovierter Physiker, der seinen MBA-Abschluss in Kanada und Australien machte.

Mit Cabrios sind die Pauschs wohlhabend geworden. Sie stellen Ventile her, die dafür sorgen, dass sich Autodächer elegant öffnen und schließen. Sie produzieren Ventilsysteme für Luftfederungen in Premium-Autos. Die im bayerischen Selb beheimatete Hightech-Firma ist Lieferant für Daimler, Audi, Porsche, VW, Jaguar, BMW und demnächst Land Rover.

Rapa ist ein typischer Mittelständler. Eines jener Unternehmen, die zwei Fünftel des Gesamtumsatzes der deutschen Wirtschaft generieren, 70 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigen und rund 80 Prozent der Auszubildenden. Die Pauschs haben es geschafft, in einer Nische Weltmarktführer zu werden. Der Rapa-Weltmarktanteil für die aufwendigen Cabrio-Ventile liegt bei 95 Prozent. Doch auch Sieger haben Sorgen.

Die Absatzkrise der Autoindustrie trifft Rapa mit Wucht. Im ersten Quartal fiel der Umsatz um 50 Prozent zum Vorjahreszeitraum, das zweite Quartal dürfte kaum besser werden. Die Autohersteller haben viele Oberklassefahrzeuge auf Halde, die sie erst einmal verkaufen müssen. Die Pauschs rechnen damit, dass das Vorkrisenniveau 2011 erreicht werden kann. Im kommenden Jahr werde vermutlich 80 Prozent des Umsatzniveaus von 2007 erreicht. Damals erwirtschaftete Rapa 50 Millionen Euro Jahresumsatz. Für dieses Jahr hoffen die Pauschs doch noch auf eine schwarze Null.

328.000 Mitarbeiter sind in der deutschen Autozulieferindustrie beschäftigt. Die Palette reicht vom Drei-Mann-Betrieb bis zu Giganten wie Schaeffler, Continental und Bosch. Und gleich mehrere Dutzend Unternehmen gelten als von der Insolvenz bedroht. Im deutschsprachigen Raum haben seit November mehr als 30 Zulieferer Gläubigerschutz beantragt.

Rapa hat zehn Großkunden: die Autobauer sowie sogenannte Systemlieferanten wie ZF, ThyssenKrupp und Conti. Rapa selbst hat 100 Lieferanten: in der Schweiz, dem französischen Jura, Baden-Württemberg – also traditionell starken Zentren der Feinmechanik. "In China sitzt keiner. Da haben wir niemanden gefunden, der unseren Qualitätsansprüchen gerecht werden könnte", sagt Pausch senior. Zwei Lieferanten mussten die Fichtelgebirgler wegen Insolvenzen wechseln. In einem Fall drohe noch die Insolvenz.

"Interlaken", sagt Horst Pausch. Die Schweizer Stadt ist für ihn ein Symbol dafür, dass die Branche, wenn es darauf ankommt, an einem Strang zieht. Vor drei Jahren soff ein sehr wichtiger Lieferant von Gummiteilen für die Autoindustrie buchstäblich ab. Schwere Regenfälle setzten die Werkshalle unter Wasser. Alle Einkäufer fuhren in die Schweiz um zu retten, was noch zu retten war. Taucher montierten die Maschinen ab, hievten sie ins Trockene. Andernorts wurden sie wieder aufgebaut. Nach nur vier Wochen war die Schweizer Firma wieder lieferfähig. "Sonst hätten doch die Bänder bei den großen Autofirmen stillgestanden", sagt Pausch senior. Solche Solidarität, meint er, ohne es zu sagen, stünde der Branche auch heute gut zu Gesicht.

Ein Umdenken in der Autobranche will Pausch junior erkennen. Habe am Anfang der Krise noch jeder versucht, seine Zulieferer zu drücken, beginne man nun zu verstehen, dass jedes Glied der Kette enorm wichtig sei. Eine der Folgen: Bei sinkenden Abnahmezahlen spreche man nun auch wieder über höhere Preise. "Dennoch, das Klima wird rauer", widerspricht Pausch senior. "Viele da oben glauben noch immer, dass sie die Allmächtigen sind. Die sagen dann: 'Wir können gleich zahlen, dann müsst ihr aber noch einen Nachlass gewähren, der nicht vereinbart war. Oder wir zahlen eben später'."

Um den Abschwung abzufedern, setzt Rapa wie so viele andere Firmen in Deutschland auf Kurzarbeit. "Klar haben wir das", sagt Roman Pausch. "Wir laufen ja im Rhythmus der Bänder der Autoindustrie." Mal werde nur zwei Tage die Woche gearbeitet, dann wieder täglich, "wenn ein Autobauer ein Fass aufmacht". Keine zwei Wochen ist es her, da haben die Pauschs Kündigungen für 20 der 245 Mitarbeiter ausgesprochen. "Eine bittere Pille für alle", sagt der Senior. "Auch für mich persönlich. In den vergangenen zehn Jahren habe ich nie betriebsbedingt kündigen müssen."

Die bleibenden Beschäftigten müssen Einbußen hinnehmen. 2007 zahlten die Pauschs, die eine Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter eingeführt haben, noch 14,1 Gehälter. 2008 waren es 13,4 Monatsgehälter, und in diesem Jahr werden es zwölf sein. Kündigungen sind in der strukturschwachen Region alltäglich. So entließ der größte Arbeitgeber in Selb, der insolvente Porzellanhersteller Rosenthal, kürzlich 300 Mitarbeiter.

Drei Kilometer von Selb entfernt verläuft die Grenze zu Tschechien. "Für uns ist der Trend nach Osten kein Zukunftsmodell", sagt Pausch junior. In Deutschland müsse weiter Industrie angesiedelt sein. Es gehe um Arbeitsplätze und letztlich darum, Wohlstand im eigenen Land zu halten. "Das ist doch auch die Aufgabe des Mittelstands." So fertigt Rapa ausschließlich in Selb. "Wir glauben, dass wir in Deutschland mit 200.000 Euro Umsatz pro Kopf in der Lage sind, einen Betrieb nachhaltig zu führen", ergänzt Horst Pausch.

Bei hochgradiger Mechanisierung liege der direkte Lohnanteil bei fünf bis zehn Prozent. Da ergebe eine Übersiedlung keinen Sinn – erst recht, wenn eine Firma kurzfristig auf Kundenwünsche reagieren müsse. "Wir sehen ja nun auch schon wieder den Treck deutscher Mittelständler, der dort seine Zelte zusammengefaltet hat und zurückkehrt."

Rapa gibt es seit 1920. Die Firmengründer Hans Rausch und August Pausch hatten mit Autoproduktion nichts im Sinn. Sie stellten Sicherungen her, die keramischen Teile kauften sie vor Ort. Sie überlebten die Krisen der 20er-Jahre. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Rapa der größte Hersteller von Sicherungen in Deutschland. Nach dem Krieg baute die Firma Relais für Waschmaschinen und Fernsehgeräte, später auch für Wahlvermittlungsämter der Post. Im Reinraum entwickelte Rapa eine Kleinsthydraulik für ein neues Cabriosystem von Mercedes. Als die Stuttgarter das erste hydraulisch getriebene Cabriodach auf den Markt brachten, war Rapa mit von der Partie. Pausch senior spricht stolz von der "Stunde eins".

Hatten Rausch und Pausch anfangs je 50 Prozent der Anteile, halten die Pauschs heute 75 Prozent. Die Rauschs sind nicht mehr im operativen Geschäft. "Hätte mein Vater vor zehn Jahren nicht die Anteile konsolidiert, wäre das für die Firma existenzbedrohend gewesen", sagt Pausch junior. Generationenübergänge seien bei Familienunternehmen immer heikel. Als der Vater seinen 60. Geburtstag feierte, schlug Sohn Roman ihm vor, ins Unternehmen einzusteigen. Er fing als Bereichsleiter an, ist für Produktentwicklung zuständig, während sich der Vater ums Kaufmännische kümmert.

Am Anfang habe es ein paar Mal gekracht, nun herrsche Harmonie, sagen die beiden. Wäre Roman nicht eingestiegen, hätte der Senior das Unternehmen wohl schon verkauft. "Es kann doch nicht sein, dass ich mit 80 tot umfalle im Büro und niemand weiß, wie es weitergeht." 2010 wechselt er in den Aufsichtsrat, Roman soll dann alleine oder mit einem Partner, den er noch suchen müsste, das operative Geschäft führen.

Doch zunächst soll die neue Werkshalle in Betrieb gehen. 13 Millionen Euro hat sie die Pauschs gekostet. Sie wurde gebaut, um dort Getriebekomponenten für den Autozulieferer ZF zu produzieren. Es ist eine neue Dimension, in die der Ventilhersteller vorstößt. Die Fertigung soll, Krise hin oder her, im Herbst beginnen. Eine solche Investition wäre auch heute noch zu finanzieren, sagt Pausch senior. "Allerdings haben damals die Banken gerade eine halbe Stunde gebraucht, zum sich zu entscheiden. Und manche waren sauer, dass sie nicht zum Zuge kamen. Heute wäre das wesentlich komplizierter."

Eine Kreditklemme spüren die Pauschs noch nicht. Aber Nervosität bei den Banken, die in immer kürzeren Zeitabständen Finanzzahlen aus dem Unternehmen nachfragten. Und das Geld werde teurer. Es sei schon ziemlich dreist, wenn Banken günstige Refinanzierung bekämen und dann mit der "Ausrede des besonderen Branchenrisikos" Zuschläge von bis zu vier Prozent erhöben, ärgert sich Horst Pausch. "Ich habe von Mittelständlern gehört, die zehn Prozent und mehr für ihr Geld zahlen müssen, was bei Refinanzierungssätzen von einem Prozent dann doch absurd ist." Banken kämen nicht ihrer Aufgabe nach, die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen.

Pausch senior befürchtet, dass die Kreditklemme zum existenziellen Problem wird, wenn die Krise ausgestanden ist und Hersteller und mit ihnen die Lieferanten ihre Produktion schnell wieder hochfahren müssen. "Wer dann das Geld nicht bekommt, erstickt am Zuwachs." Die Pauschs haben eine Eigenkapitalquote von über 40 Prozent und gelten damit als solide finanziert. "Wir sind zum Glück in der Position und können sagen: Die Firma gehört uns", sagt Roman Pausch. Andere Mittelständler haben es schwerer. Einer Umfrage der Wirtschaftsauskunftei Creditreform unter mehr als 4000 Mittelständlern zufolge bejahen 43,2 Prozent die Frage, ob die Finanzierungsbedingungen heute schwieriger seien als vor einem Jahr. Die Kapitalgeber forderten mehr Sicherheiten (in 83,4 Prozent der Fälle) und höhere Risikoaufschläge (33,9 Prozent).

Sollte die Krise noch ein Jahr anhalten, würden auch bei Rapa die Spielräume schrumpfen. Die Firma ein Fall für eine gefräßige Heuschrecke? Bis zum Frühherbst habe er Woche für Woche fünf Briefe von Finanzinvestoren bekommen. "Darin stand immer der Satz: "Rufen Sie zurück!" Heute erreiche ihn vielleicht noch ein Brief pro Monat – "mit ganz bescheidenen Worten".

Für die Pauschs ruht nun die Hoffnung auf den beiden folgenden Quartalen. "Die müssen es bringen", sagt Pausch senior. Hat er manchmal Angst, die Firma zu verlieren? Ein Unternehmen, das sein Großvater gründete und durch die Weltwirtschaftskrise führte; das sein Vater übernahm, der Währungsreform und Ölkrise überstand; und das er 2010 an seinen Sohn übergeben will? "Ich freue mich, wenn ich sehe, wie wir gerade unten in der Halle neue Maschinen für zwei Millionen Euro aufbauen", sagt Pausch senior. "Außerdem verfüge ich in diesen Zeiten über eine wunderbare Gabe: Ich habe einen ruhigen Schlaf."