Kursstürze

Der Börsen-Bär wird zum Goldesel

Wenn der Dax abstürzt, schlägt das bei Anlegern in der Regel gehörig auf die Stimmung. Doch wer sich in den turbulenten Börsenzeiten nicht ständig den Tag verderben lassen will, kann auf fallende Kurse setzen. Und damit richtig Geld verdienen.

Foto: jok/mt / DDP

Kaufen, Kaufen, Kaufen. Das war die Reaktion der Börsianer auf die üblen Zahlen von UBS und Deutscher Bank am Dienstag. Die Rallye im Deutschen Aktien-Index (Dax) gewann am nächsten Tag sogar noch an Dynamik und trug das Börsenbarometer bis über die Marke von 6.800 Punkten, ehe sich der Kaufdruck zum Wochenschluss wieder etwas legte.

"Börsianer hassen nun einmal nichts mehr als Unsicherheit", sagt Markus Zschaber, Vermögensverwalter bei der v.m.z. in Köln, "obwohl die neuerlichen Verluste der Banken insbesondere für die UBS ein Debakel sind, haben sie trotzdem dazu beigetragen, etwas mehr Transparenz in die Finanzkrise zu bringen." Abgehakt aber sei die Krise damit noch lange nicht. Schon die nächste Hiobsbotschaft könne einen weiteren Kursrutsch auslösen.

So wie Zschaber schätzen viele Anleger die aktuelle Situation an den Börsen ein. Obwohl Anlagezertifikate, die auf fallende Kurse setzen, nur einen Bruchteil der insgesamt angebotenen Produkte ausmachen, führt derzeit ein sogenanntes Reverse-Bonus-Zertifikat die Liste der gefragtesten Papiere der vergangenen vier Wochen beim Internetdienst "zertifikateweb.de" an. Mit einem solchen Instrument profitiert der Anleger von einem fallenden Dax und kassiert darüber hinaus eine Extra-Prämie, wenn es bis zur Fälligkeit eine bestimmte Obergrenze nicht berührt oder überschreitet. Das wachsende Interesse der Anleger an der Baisse-Spekulation wird auch in den Entwicklungsabteilungen der Emittenten mit Interesse verfolgt. Längst ist es nicht mehr nur möglich, auf fallende Kurse beim Dax zu wetten. Die Angebote reichen von Derivaten auf weitere Indizes über ausgewählte Branchen bis hin zu einzelnen Aktien, mit denen Anleger ihre Skepsis gegenüber dem jeweils zugrunde liegenden Basiswert in Rendite umwandeln können.

Der aktuelle Bärenmarkt ist längst nicht ausgestanden

Die pessimistische Erwartungshaltung der Bären-Fraktion ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Die Historie zeigt, dass längerfristige Abwärtsbewegungen am Aktienmarkt immer wieder von kurzen Aufschwüngen wie in der vergangenen Woche unterbrochen werden. Während der zähen und qualvollen Baisse zwischen den Frühjahren 2000 und 2003 etwa legte der Dax in einer dieser sogenannten Bärenmarktrallyes sogar um gute 40 Prozent zu – der übergeordnete Trend aber zeigte weiter nach unten. Und auch der aktuelle Bärenmarkt muss längst nicht ausgestanden sein, wie ein weiterer Blick zurück belegt. So gab es seit 1950 am deutschen Aktienmarkt insgesamt elf solcher Baisse-Phasen, die im Schnitt rund zwei Jahre dauerten und dabei von der Spitze bis zum Tiefpunkt über ein Drittel an Wert vernichteten. Gemessen daran könnte der Dax noch bis auf 5.270 Punkte fallen.

Gemäß der Statistik kann es sogar noch schlimmer kommen. Denn die Ausprägungen des Bärenmarktes hängen offenbar vom Umfang der vorhergehenden Hausse ab. Und da diese zwischen 2003 und 2007 lang und heftig war, droht die Baisse umso schärfer auszufallen. Schließlich gewann der Dax innerhalb von 52 Monaten 268 Prozent, sprich: Die Kurse vervierfachten sich fast. Entsprechend tun sich auch viele Experten schwer damit, schon jetzt Entwarnung zu geben. "Interessant sind Produkte, die auf fallende Kurse setzen, vor allem für Anleger mit einer dezidierten Meinung zum Markt", sagt Dirk Heß, Derivate-Fachmann der Investment-Bank Goldman Sachs. Wer etwa beim zweiten Anlauf des Dax auf die Marke von 8000 Punkten Ende Dezember – also lange nach Ausbruch der Finanzkrise – auf sinkende Notierungen beim deutschen Leitindex gesetzt hat, ist damit auch nach der jüngsten Rallye noch komfortabel im Plus.

Und hat damit, als Beimischung zu bestehenden Aktienpositionen, einen Teil von deren Verlusten kompensiert. "Short-Papiere sind vor allem als strategische Investments in bestimmten Phasen zu sehen, mit denen sich das Depot sinnvoll absichern und somit das Risiko mindern lässt", sagt Heß.Steigendes Interesse bei bearishen Anlegern verzeichnet auch die Deutsche Bank, die im Vorjahr den ersten passiven Indexfonds auf den sogenannten Short Dax der Deutschen Börse auflegte. Damit münzen Anleger jeden Prozentpunkt, den der Dax verliert, in einen gleich hohen Gewinn um. Auf Grund der besonderen Konstruktion der Produkte erhält der Anleger auf seinen Einsatz zusätzlich noch den aktuell gültigen Tagesgeldzins.

"Fällt Butter, fällt Käse" ist nicht immer richtig

Zudem ist das in diesen Produkten angelegte Kapital als Sondervermögen vor einer möglichen Pleite des Herausgebers geschützt. Zertifikate hingegen unterliegen dem Emittentenrisiko: Beim Konkurs des begebenden Instituts steht der Anleger mit leeren Händen da. Seit dem Fall Bear Stearns keineswegs mehr eine rein theoretische Gefahr. Der Erfolg des Short-Dax-Indexfonds, den nach und nach auch immer mehr Privatanleger für sich entdecken, bestärkte die Deutsche Bank, auch andere Indizes ins Angebot zu nehmen. So können Anleger neben dem US-amerikanischen S&P 500 oder dem EuroStoxx 50 auch ganze Branchen wie Banken, Technologie oder den Gesundheitssektor ins Visier nehmen, um auf fallende Kurse zu spekulieren.

Wem hingegen die alte Börsenweisheit "Fällt Butter, fällt Käse" für ein Investment kein hinreichendes Argument ist, der kann auch auf fallende Einzelkurse setzen. Viele Zertifikate-Emittenten bieten Short-Produkte zumindest auf alle Aktien des Deutschen Aktien-Index an, manche auch auf Werte aus der zweiten oder dritten Reihe sowie aus anderen Regionen. Das Prinzip der fehlenden Streuung erhöht allerdings auch bei der Baisse-Spekulation die Gefahr: Eine einzelne Aktie birgt immer höhere Risiken als eine gesamte Branche oder ein Index. Wer sich mit Zertifikaten nicht anfreunden kann, Optionsscheine aber nicht transparent genug findet, der kann sich bei der Baisse-Spekulation auf Einzelwerte auch einer in Deutschland relativ jungen Investment-Idee widmen. So genannte Differenzkontrakte (Contracts for Difference, kurz CFD) ermöglichen Anlegern – bei allerdings extrem hohen Risiken – lukrative Gewinne.

Bei diesen Produkten müssen Anleger lediglich einen Bruchteil vom Preis des Basiswertes als Sicherheitsleistung beim Broker hinterlegen. Beim Dax etwa liegt die bei einem Prozent. Steigt der Dax dann um ein Prozent, verdoppelt sich das eingesetzte Kapital. Fällt der Index um denselben Wert, so ist das Geld weg. Bis Anleger mit diesem Produkt spekulieren, sollten sie allerdings schon einiges an Erfahrung gesammelt haben. Und zwar nicht nur in Bärenmärkten.