ThyssenKrupp

Die Schwäche des Gerhard Cromme

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Jörg Eigendorf

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Der 95-jährige Ehrenvorsitzende Berthold Beitz ist der Übervater von ThyssenKrupp. Er nimmt regelmäßig an Aufsichtsratssitzungen des Dax-Konzerns teil. Damit wird das deutsche Aktiengesetz aber sehr großzügig interpretiert. Eigentlich dürfte dies ThyssenKrupps Aufsichtsratschef Gerhard Cromme nicht zulassen.

Irgendwann schloss Berthold Beitz die Augen. Während die Gewerkschafter von der IG Metall und die Betriebsräte des ThyssenKrupp-Konzerns ihre Sicht der Dinge schilderten, konzentrierte sich der 95 Jahre alte Doyen der deutschen Wirtschaft ganz besonders. In der Villa Hügel, dem Herrensitz samt Park oberhalb des Essener Baldeneysees, saß der Ehrenvorsitzende neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme und dem Vorstandschef Ekkehard Schulz. Ihnen gegenüber, so berichtet ein Augenzeuge, die Arbeitnehmervertreter, die nach drei Monaten des Protests nun zum Äußersten entschlossen waren.

Beitz hörte sich schweigend den langen Forderungskatalog der Arbeitnehmer an - der in einigen Punkten den Vorstandsplänen entgegenstand. Als sie schließlich all ihre Forderungen vorgetragen hatten, öffnete der alte Herr die Augen, schaute Cromme und Schulz an und verblüffte die Runde mit vier Worten: "So machen wir das!"

Wenig später wurde die "Essener Erklärung" unterschrieben - die Grundlage des neuen Burgfriedens bei ThyssenKrupp. Es sei einfach der Sache dienlich gewesen, sagte Vorstandschef Schulz anschließend voller Respekt, "dass sich eine Institution wie Berthold Beitz als Vermittler anbot".

Doch der Ehrenvorsitzende ist weit mehr als nur ein Vermittler in schwierigen Lagen. Vielen gilt er als der eigentliche Machthaber bei ThyssenKrupp, als der Mann, der immer noch die Fäden zieht. Beitz, dessen Verdienste um die deutsche Wirtschaft unumstritten sind, ist der Vorsitzende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und damit der oberste Repräsentant des größten ThyssenKrupp-Aktionärs, der 25,1 Prozent der Aktien an dem Industriekonzern hält.

Mehr noch: Ausgerechnet in dem Konzern, in dem mit Gerhard Cromme ein vehementer Kämpfer für gute Unternehmensführung ("Corporate Governance") in Deutschland Aufsichtsratschef ist, wird das deutsche Aktiengesetz, gelinde gesagt, großzügig interpretiert. Der 66-jährige Cromme, der auch Chefkontrolleur bei Siemens ist, war jahrelang Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission der Bundesregierung, die in dieser Woche zu ihrer achten Jahrestagung nach Berlin lädt.

Stein des Anstoßes ist, dass sich Beitz bis heute in einer Art und Weise in die Entscheidungsprozesse des Konzerns einschalten kann, die führende Gesellschaftsrechter als mit dem Aktiengesetz nicht vereinbar ansehen. Als Ehrenvorsitzender nimmt er bei ThyssenKrupp regelmäßig an den Aufsichtsratssitzungen teil. Günter Vogelsang, der 1999 als führender Thyssen-Vertreter die Fusion von Thyssen und Krupp mit Beitz verhandelte, erscheint ebenfalls regelmäßig, wenn auch bei Weitem nicht so oft wie der Krupp-Patriarch.

Eine regelmäßige Teilnahme aber ist nach einschlägiger Meinung führender Juristen ein Verstoß gegen den Paragrafen 109 des Aktiengesetzes. Demnach "sollen Personen, die weder dem Aufsichtsrat noch dem Vorstand angehören, nicht teilnehmen". Gäste sind zu den Sitzungen nur als Sachverständige oder Auskunftspersonen zugelassen - und das nicht regelmäßig. Diese "Soll"-Vorschrift ist nach Ansicht von Rechtswissenschaftlern zwingender Natur und nur deswegen etwas weicher formuliert, damit Entscheidungen des Aufsichtsrats in Anwesenheit Dritter nicht angefochten werden können.

Ebenso eindeutig wird der Titel des Ehrenvorsitzenden ausgelegt: "Das Aktiengesetz kennt den Ehrenvorsitzenden nicht. Er ist deshalb wie ein Externer zu behandeln", fasst Marcus Lutter von der Universität Bonn die Kommentare zusammen: "Dieser Titel ist eine Epaulette, mehr nicht."

Entsprechend gering ist die Zahl der Unternehmen, die es ähnlich handhaben wie ThyssenKrupp. Wie eine Umfrage der "Morgenpost Online" ergab, nehmen im Börsenoberhaus Dax lediglich im Fall von E.on und Lufthansa die Ehrenvorsitzenden mehr oder minder regelmäßig an den Aufsichtsratssitzungen teil. Bei E.on ist es ebenfalls der frühere Thyssen-Chefkontrolleur Vogelsang, bei Lufthansa wiederum Wolfgang Röller. Der langjährige Vorstandssprecher der Dresdner-Bank war auch regelmäßig als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats des Kreditinstituts bei Sitzungen mit von der Partie. Der Titel ist nun nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank erloschen.

Allerdings hätte Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller an dieser Praxis wohl kaum festgehalten, wenn die Verschmelzung noch viel länger gedauert hätte: "Der Paragraf 109 regelt nach einschlägiger Kommentierung sehr klar, dass ein Ehrenvorsitzender nur in Ausnahmefällen an einer Sitzung teilnehmen darf", sagt Müller, der Cromme inzwischen an der Spitze der Corporate-Governance-Kommission abgelöst hat.

Schon viel früher hat Bayer-Aufsichtsratschef Manfred Schneider seinem Ehrenvorsitzenden die Tür gewiesen. Kurz nach seinem Amtsantritt 2002 bat er seinen Vorgänger Hermann-Josef Strenger, nicht mehr an den Sitzungen teilzunehmen - was ihm zunächst einigen Ärger einbrachte.

Ein Affront, den Thyssen-Krupp-Chefkontrolleur Cromme wohl nicht wagen würde. Beitz, der als Vorsitzender der Krupp-Stiftung streng über das Erbe des 1967 verstorbenen Industriellen wacht, bestimmt auch seine eigene Nachfolge: "Mich kann niemand in Pension schicken", sagte der Doyen selbst einmal. Cromme wiederum ist stellvertretender Stiftungsvorsitzender und gilt noch vor ThyssenKrupp-Vorstandschef Schulz als aussichtsreichster Kandidat für die Beitz-Nachfolge. Dass ihn dieser Umstand in seinem Handeln beeinflussen könnte, streitet Cromme ab: "Es gibt keinen Interessenkonflikt", sagt er auf Anfrage der "Morgenpost Online": "In unserem Fall ist alles transparent und für alle Aktionäre nachvollziehbar."

Stattdessen hält er die Teilnahme Beitz' schon allein aufgrund der Verdienste des Patriarchen für angemessen: "Wir binden Herrn Beitz ein, weil wir Respekt vor seiner Lebensleistung haben und es für anständig und vernünftig halten", sagt er. "Es ist im Interesse des Unternehmens. Dies zeigt aktuell die Vermittlung von Herrn Beitz bei der Diskussion um die Neuorganisation des Konzerns." Zwar kennt Cromme die juristische Mehrheitsmeinung zum Paragrafen 109. Diese sei auch in vielen Fällen richtig. Aber mit Blick auf die herausragende Persönlichkeit von Berthold Beitz ergebe sich für ThyssenKrupp eine andere Situation, die von externen Rechtsexperten anerkannt werde.

Cromme hat ein Gutachten anfertigen lassen, das ihm Rückendeckung gibt. In seiner Stellungnahme kommt Ralph Wollburg, Anwalt der Großkanzlei Linklaters und langjähriger Berater von ThyssenKrupp, zu dem Schluss, die Teilnahme Beitz' sei "vom Selbstorganisationsrecht des Aufsichtsrats gedeckt" und verstoße "nicht gegen aktienrechtliche Vorschriften". Cromme ergänzt: "Der Aufsichtsrat hat Herrn Beitz in seiner konstituierenden Sitzung am 28. April 1999 durch einstimmigen Beschluss zu seinem Ehrenvorsitzenden ernannt. Seitdem nimmt Herr Beitz auf Wunsch und mit ausdrücklichem Einverständnis aller Aufsichtsräte an den Sitzungen teil."

Doch nach Meinung von Rechtswissenschaftlern kommt es nicht darauf an, ob die Mitglieder des Aufsichtsrats eine Teilnahme dulden oder sogar ausdrücklich begrüßen. Die gesetzliche Vorschrift gebe "keinen Raum für abweichende Satzungs- und Geschäftsordnungsregelungen", schreibt Matthias Habersack von der Universität Tübingen in einem einschlägigen Kommentar zu dem Thema.

Bei ThyssenKrupp steht eine solche Änderung auch nicht in der Firmensatzung: "Der Aufsichtsrat besteht aus 20 Mitgliedern", ist dort eindeutig formuliert. Beitz aber wird wie das 21. Mitglied behandelt - und dazu wie ein sehr einflussreiches. Dabei hat sich die Stiftung ohnehin schon per Entsenderecht Anfang 2007 drei Posten im ThyssenKrupp-Aufsichtsrat gesichert. Damit ist sie, gemessen an ihrem Aktienanteil von 25 Prozent, recht großzügig im Kontrollgremium repräsentiert.

Dass aus der bloßen Teilnahme Beitz' ein ungebührender Einfluss des größten Aktionärs entstehen könnte, weist Cromme zurück. Es handele sich um eine rein "passive Anwesenheit", wie der Chefkontrolleur des Konzerns betont: "Herr Beitz hat sich in Aufsichtsratssitzungen nie zu Wort gemeldet." Und auch in der Anteilseignervorbesprechung, die regelmäßig in der Villa Hügel, dem Stiftungssitz, stattfindet, halte er sich sehr zurück.

Doch Eingeweihte berichten, dass Beitz sehr wohl bei den Vorbesprechungen intensiv eingebunden sei. So soll er etwa bei der Entscheidung zum Bau der Stahl- und Walzwerke in Brasilien und Alabama erst nach langem Zureden im Kreis der Anteilseignervertreter überzeugt worden sein. Im Management von ThyssenKrupp gilt es wiederum als Grundregel, dass fortgeschrittene Projekte tunlichst "zum Hügel" getragen werden. Dem Vernehmen nach soll sich Beitz vor gut zwei Jahren gegen den von Cromme favorisierten Ulrich Middelmann als neuen ThyssenKrupp-Chef ausgesprochen haben. Das Resultat: Der inzwischen 67-jährige Schulz hat einen Vertrag, der noch bis 2011 läuft.

Auch der Umzug der Hauptverwaltung von der August-Thyssen-Straße in Düsseldorf nach Essen an den Berthold-Beitz-Boulevard, der im nächsten Sommer erfolgen soll, ist vom Grandseigneur befördert worden. "Es ist doch selbstverständlich, dass der größte Aktionär in wichtigen Fragen angehört wird", sagt Cromme. Vorstandschef Schulz hat jedoch selbst kürzlich in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bekräftigt, dass die Verbindung zwischen ihm, Cromme und Beitz näher ist, als es so manchem Aktionärsschützer lieb sein dürfte: "Wenn wir drei uns einig sind, werden wir diese Wirtschaftkrise gestärkt überstehen", sagte Schulz über sein Verhältnis zu Beitz und Cromme: "Zwischen uns drei kriegt keiner ein Blatt Papier."

Dass der Patriarch seinen Einfluss geltend macht, wo er nur kann, ist durchaus nachvollziehbar. Schließlich sieht er es als seine Lebensaufgabe an, das Erbe Krupps in dessen Sinne zu verwalten und fortzuentwickeln. Und nicht ohne Stolz kann Beitz heute für sich in Anspruch nehmen, dass die Krupp-Kultur den Konzern dominiert - obwohl Thyssen zum Zeitpunkt der Fusion vor zehn Jahren der stärkere der beiden Partner war. Wie viele altgediente Manager bringt er seine Persönlichkeit ein, um die Geschicke des Konzerns zu beeinflussen.

Bei ThyssenKrupp ist aber eine Situation entstanden, die mit Paragraf 109 des Aktiengesetzes nur schwer vereinbar ist: nämlich dass ein Großaktionär durch seine starke Präsenz in den Aufsichtsratssitzungen faktisch auch noch den 21. Mann des Gremiums stellt.

Entsprechend eindeutig fällt das Urteil von Experten aus: "Ich verstehe die Praxis bei ThyssenKrupp nicht", sagt Rechtswissenschaftler Lutter. "Das ist mir unbegreiflich." In der Kritik steht dabei nicht Beitz, sondern vor allem Cromme: "Es ist bedauerlich", sagt Christian Strenger, der seit Anbeginn Mitglied der Corporate-Governance-Kommission ist, "dass eine um gute Unternehmensführung in Deutschland so verdiente Persönlichkeit gerade im eigenen Umfeld eine wesentliche Schwäche zulassen muss."