Schicksale

Warum die Deutschen in der Krise ihre Autos lieben

Opel schlingert, General Motors ist schrottreif. Die Krise setzt der Autobranche stark zu. Fünf Menschen, die mit des Deutschen liebstem Kind ihr Geld verdienen, berichten über ihren Berufsalltag. Und sie sagen, warum sie trotz Opel und Co. zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Beate Rudolph, 41, Betriebsrätin im Mercedes-Werk Berlin-Marienfelde : „Als ich 1986 im Werk in Marienfelde angefangen habe, bin ich mit meinem Opel Kadett auf den Parkplatz geschlichen. Ich habe mich fast ein bisschen geschämt. Es stand ein Mercedes neben dem anderen, und ich hatte nur mein altes Auto. Heute ist das anders. Viele können sich nicht einmal einen Wagen der unteren Mercedes-Klasse leisten. Es fehlt die Identifikation mit dem Produkt.

Trotzdem fasziniert mich Daimler immer noch, weil es ein international aufgestelltes Unternehmen ist und hier eine ganz bestimmte Kultur herrscht. Qualität steht an erster Stelle. Nicht nur beim Produkt, sondern auch im Umgang mit den Kollegen und der Führungsebene. Hier wird man als Mensch ernst genommen. Natürlich ist die Stimmung im Moment schlecht, weil niemand weiß, wie es weitergeht. Alle warten darauf, dass etwas passiert. Bis es soweit ist, nutzen viele die Krise und bilden sich weiter. Die Kollegen in Kurzarbeit bekommen zudem einen Zuschuss von Daimler. Deshalb ist der finanzielle Ausfall noch erträglich. Aber welche Perspektiven haben wir? Die Geschäftsführung hält sich bedeckt, wohin die Reise geht.

Mich hat nicht überrascht, dass die Krise Daimler trifft. Der Vorstand hätte weitsichtiger sein müssen, frühzeitig andere Produkte forcieren und neue Technologien, wie Brennstoffzellen oder Elektromotoren entwickeln können. Die Wirtschaftskrise ist nur ein Auslöser. Die Produkte müssen sich ändern. Die Forschung und Entwicklungsabteilung wurde aufgestockt, also gehe ich davon aus, dass es Produktideen gibt, die man angehen kann. Die spannende Frage ist: Welche Produkte sind das? Können diese auch in Berlin umgesetzt werden? Wir hatten über 3200 Beschäftigte am Standort. Ich wünsche mir, dass die Produktion wieder läuft und gute Arbeit, die man bis zur Rente aushalten kann.“

Tasso Schmitz (31), Montagearbeiter bei Ford in Köln : „Dass durch die Autokrise mein Spaß am Job kleiner geworden ist, glaube ich nicht. Ich bin seit 1998 bei Ford. Ich habe hier schon meine Lehre als Kfz-Mechaniker gemacht. Mein Vater und mein Großvater waren Ford-Fahrer. Ich bin dann halt noch einen Schritt weiter gegangen und habe hier zu arbeiten begonnen. Vor einigen Wochen hatte ich schon noch Angst, dass meine Kollegen und ich unsere Jobs verlieren, als wir erfuhren, dass die Fertigung von Motoren für die USA in der W-Halle in Köln-Niehl durch die Absatzlage immer weiter heruntergefahren wird. Ich habe eine Freundin, wir erwarten im Juli unser erstes Kind und wollen in naher Zukunft heiraten. Da macht man sich schon Gedanken über die Finanzen und die Rechnungen, die bezahlt werden müssen. Aber als dann klar war, dass wir unsere Arbeitsplätze bei Ford behalten werden, weil wir in die Y-Halle zur Fiesta-Fertigung wechseln, hat sich die Angst gelegt. Seit Mai montiere ich nun die dritte Bremsleuchte.

Meine Sorgen sind nun allgemeiner geworden. Was etwa wird, wenn die Abwrackprämie, die uns in diesen Monaten so eine gute Auftragslage beschert, endet? Mal sehen, wie es dann weitergeht. Wenn ich mir ansehe, wie es bei anderen Herstellern läuft, denke ich, dass Ford mit dem Fiesta, der sich richtig gut verkauft, Glück gehabt hat. Mit den Kollegen bei den anderen Autobauern habe ich da schon auch Mitleid, aber ich selber bin vor allem auch froh, dass das Kölner Motorenwerk bestehen bleibt. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass hier in der Fiesta-Produktion die Taktzeiten schneller sind als in der Motoren-Fertigung. Aber vielleicht kann ich ja wieder zurückwechseln, wenn die Produktion eines neuen Motors im Jahr 2011 in der W-Halle anlaufen wird.“

Christian Labonte (41), Leiter Designstrategie bei Audi in Ingolstadt : „Ich muss zugeben, dass ich heute meinen Traumjob mache. Das sage ich im vollen Bewusstsein dessen, dass es Wettbewerbern teilweise sehr schlecht geht. Ich empfinde das als tragisch, denn eine solche Situation, wie sie in manchen Unternehmen herrscht, wünscht man keinem. Noch schlimmer könnte es werden, wenn der eine oder andere Teilnehmer vom Markt verschwindet. Denn wir brauchen den Wettbewerb. Ich bin Radrennfahrer und weiß daher: Wenn man sich zurücklehnt, fällt man zurück.

Auch für den Standort Deutschland sind die Lage und die Aussichten der Branche eher bedrückend. Ich bin daher insofern durchaus privilegiert, weil ich beim richtigen Unternehmen bin. Denn Audi hat es nicht so arg gebeutelt, weil wir uns rechtzeitig gut aufgestellt haben.

Die Krise jetzt empfinde ich allerdings auch als eine Chance. Schon seit einigen Monaten hinterfragen wir uns im Team, hinterfrage ich mich viel stärker als früher: Ist das richtig, was wir machen? Können wir Dinge anders machen? Nehmen wir noch die richtigen Materialien? Können wir die Budgetierung angesichts steigender Anforderungen einhalten? Was sind die Lebensstile, die Bedürfnisse der Kunden? Hilft das Designte am Ende dem Unternehmen und dem Kunden? Die Krise hat den Druck erhöht, aber gleichzeitig macht sie es auch deutlich leichter, neue Wege zu gehen. Meine Kollegen und ich besinnen uns auf unsere Fähigkeiten als Designer und kehren zu den Wurzeln unseres Berufes zurück.

Ich muss allerdings auch gestehen, dass die Zeiten extremer geworden sind, weil man sich nicht mehr ausruhen kann. Seit ich Anfang 1999 zu Audi kam, hat sich die Zahl der Projekte verdreifacht. Die Zahl der Produkte stieg von 20 auf heute 30 Modelle und wird bis 2015 auf insgesamt 42 Fahrzeugtypen steigen. Während wir früher ein Modell entwickelten, auf den Markt brachten und dann erst an zusätzliche Modellvarianten wie Cabriolets oder Kombis dachten, denken wir heute immer gleich an ganze Modellfamilien.

Zudem müssen wir den Modell- und Markenkalender im Konzern koordinieren und dennoch eine größtmögliche designerische Individualität aufweisen. Solange das der Kunde nicht merkt, machen wir allerdings einen guten Job.

Die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmt jedoch angesichts des Aufwands, den man betreibt – nicht zuletzt, weil auch meine Frau bei Audi arbeitet. Aber seine Arbeit als Neun-bis-Fünf-Job zu machen, geht ohnehin nicht. Man muss ihn leben, sonst kann man nicht erfolgreich sein.“

Michael Schade, 54, ist Mitinhaber des Sportwagen-Zentrums Oettinger in Hamburg : „Für mich war es die Verwirklichung eines Traums: Als ich vor 35 Jahren bei Porsche in die Lehre ging, bewunderte ich die Sportwagen für ihre Schönheit und Perfektion, doch für mich selbst schienen sie damals unerreichbar. Heute bin ich tagtäglich von wunderschönen Porsches umgeben, und sie sind immer noch meine große Leidenschaft. Doch die Stimmung in der Autobranche ist alles andere als traumhaft. Es ist zurzeit wie mit dem Dax: Keiner weiß, wohin die Reise geht.

Als etablierter Porschehändler gab es für unser Unternehmen in der reichsten Stadt Deutschlands in 29 Jahren Firmengeschichte eigentlich immer nur eine Richtung: bergauf. Heute ist das Geld noch da. Aber viele sind vorsichtig geworden. Unser Sportwagenzentrum steht dabei noch vergleichsweise gut da aufgrund unserer Fokussierung auf edle Gebrauchtfahrzeuge. Nach einem eher schwachen letzten Quartal 2008 sind die Umsätze zurückgekommen. Besonders März und April waren sogar ungewöhnlich starke Monate.

Denn während für die Boliden der neuesten Baujahre eine teilweise ruinöse Preisschlacht entbrannt ist, wird bei vielen Porsche-Klassikern die Wertbeständigkeit inzwischen zum Verkaufsargument. In der Krise haben viele Kunden das Vertrauen in die Finanzmärkte verloren. Ein gut erhaltener Sportwagen kann für sie eine attraktive Wertanlage sein. Und die macht dann auch noch Spaß.“

Ein Mitarbeiter der BMW-Welt in München, der anonym bleiben will :

„Natürlich kommen weniger Leute in die BMW Welt, das merkt man schon. Aber ich denke, das hängt weniger mit der Krise zusammen, sondern stellt vielmehr die Normalisierung nach dem anfänglichen Hype dar. Die BMW Welt gibt es erst seit Oktober 2007, da ist es ganz normal, dass am Anfang jeder hin wollte und nun nicht mehr ganz so viele kommen. Doch ich denke, dass auch die so genannte Krise in der Autoindustrie nur normale Ausschläge nach unten sind. Anderthalb, maximal zwei Jahre, dann wird es sich wieder normalisieren, da bin ich mir absolut sicher.

Die Leute sind doch schon jetzt müde, permanent von „Krise!“ zu hören. Natürlich kann es unklug sein, in der Krise sein Geld für ein neues Auto auszugeben – aber die Leute wollen doch auch leben! Die Krise wird in den Köpfen abstumpfen und dann wird die Kauflust wieder wach. Und ich glaube nicht, dass es die billigen Autos sein werden, die gekauft werden. Da muss ich nur die Leute anschauen, die uns besuchen. Das mag jetzt klischeehaft klingen, aber die Jungs stehen hier mit glitzernden Augen vor den Autos – und das ist Begehren, was da glitzert. Und Begehren wollen gestillt werden.

Das kommt meiner Aufgabe entgegen, denn die besteht darin, Begeisterung zu wecken. Markenschaufenster, das ist ein passender Begriff für meinen Job. Wir repräsentieren die Marke BMW und – wenn der Kunde das wünscht – präsentieren wir ihm die Inhalte dieser Marke. Unter der Woche ist es vorwiegend Beratung, am Wochenende, wenn die ganzen Touristen kommen, klar, dann ist das hier Entertainment.

Das schöne Produkt macht es einem leicht, den Funken zum Überspringen zu bringen. Hinzu kommt: Autos sind meine Leidenschaft. Meine Oma erzählt gerne, wie fasziniert ich schon als Vierjähriger von Autos war. Seit zehn Jahren bin ich in der Branche, bei der BMW Welt war ich von Anfang an mit dabei. Und ich muss sagen, ich fühl mich sauwohl hier!

Gespart wird natürlich auch bei uns. Bisher sind es nur Kleinigkeiten, aber man macht sich trotzdem Gedanken. Viele haben es sich – und da muss man sich durchaus an die eigene Nase fassen – schön bequem gemacht auf ihrem Arbeitsplatz. Mit der Zeit stellt sich eine gewisse Routine ein, man denkt sich: „Ach, ich bin ja nicht mehr in der Probezeit.“ Und wenn man nun von Einsparungen hört, rüttelt das einen wach, man fragt sich: Erstens, ist das hier noch das richtige? Und zweitens, wie hoch ist die Gefahr, dass ich zu denen gehöre, die zuerst eingespart werden? Und wenn ich dazugehöre, kann ich etwas daran ändern oder suche ich mir einen neuen Job?

Ich hab für mich das Feedback bekommen, dass ich meine Arbeit gut mache. Für die nächsten Monate kann ich also beruhigt sein, für die nächsten Jahre aber sicher nicht. - Wie stark die Krise dem einzelnen Besucher zusetzt, das kriegen wir nur in ganz, ganz seltenen Fällen mit. Ich denke, die BMW Welt ist so eindrucksvoll, dass diese Eindrücke von den Leuten erst einmal verarbeitet werden müssen. Das ist irgendwie nicht der Platz um zu klagen; vielmehr einer, um zu träumen.