Fantreffen

"Die Amis haben Schuld am Opel-Niedergang"

Längst ist die Opel-Rettung nicht in trockenen Tücher. Zehntausende Fans von Kadett & Co hält das nicht davon ab, sich und ihre Autos im sachsen-anhaltinischen Oschersleben zu feiern. Ein paar Erklärungungen für den Niedergang ihres Lieblingskonzerns haben sie aber natürlich.

Ein amerikanischer Coca-Cola-Manager soll seiner Liebe zum eigenen Produkt einmal mit den Worten Ausdruck verliehen haben: "Es wäre mir egal, wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht. Solange ich dabei mit einer Coke in der Hand zusehen könnte."

Nun haben Amerikaner in der jüngsten Geschichte von Ricky Hebs Lieblingsprodukt nicht die glorreichste Rolle gespielt. Aber die Worte mag er trotzdem. Ricky Heb ist Mitglied des eingetragenen Vereins "Die letzten Luden" - und gerade steht er in einer betongrauen Halle vor einem mattschwarz lackierten Fahrzeug vom Typ Opel Kadett City, Baujahr 1979. Auf dem Kopf trägt er einen zu kleinen Borsalino, die Beine ziert eine ziemlich hell gewaschene Jeans.

In Rickys Kadett ist nichts mehr, wie es war: Pico Mantzelmotor, 2,2 Liter Hubraum, 180 PS, der Rest unter der Haube ausgeräumt, damit die aufgesprühten rot-schwarzen Totenköpfe und Würfel neben der chromblitzenden Maschine auch zu erkennen sind. Das Innere: eine Komposition aus rot-schwarzem Kunstschlangenleder. Und zur Halle ist Ricky nicht etwa mit diesem Auto gefahren. Er hat es auf einem Anhänger aus seiner südhessischen Heimat ins sachsen-anhaltische Oschersleben transportiert. Dieser über vier Jahre selbst aufgebaute Kadett ist zu schade für die Straße.

Die Welt des Opel-Konzerns mag im vergangenen Jahr durcheinandergekommen sein. Doch hier, in der Motorsportarena Oschersleben, beim laut Veranstalter mit rund 60 000 Teilnehmern "größten Markentreffen Deutschlands", präsentiert sie sich auch jetzt erwartbar: groß, laut, viril, sehr provinziell - aber Deutschland war nie urban. Der Feind heißt Volkswagen, die Mädchen tragen entweder aufgepumpte Joggingschuhe oder hohe Stiefel, die Luft wird neben dem Gummi- und Benzingeruch - Reifenquietschen und Kurzstreckenrennen fordern ihren Tribut - durch eine leichte Jauchenote der umliegenden Felder der Magdeburger Börde deodoriert.

Und ist das etwa schlecht? Nein, ist es nicht. Ricky hat sich eine Marlboro angezündet und ist ins Erzählen gekommen. Eine Geschichte voller Selbstironie: Zu dick zum Fußballspielen sei er gewesen, habe deswegen bereits mit 15 Jahren an seinem Mofa herumgeschraubt. Seinen ersten Opel - einen Manta - hat ihm sein Opa vermacht, da hatte Ricky gerade mal den Führerschein. Freilich habe er den Großvater auch jahrelang genervt. Seitdem sind knapp 15 Jahre vergangen, Ricky war irgendwann Disponent beim Deutschen Paketdienst und besaß über die Zeit 22 Autos, von denen nur eins kein Opel war. Noch ein Zug Marlboro. Dann ein feines Lächeln: "In den Kadett habe ich 20 000 Euro reingesteckt. Die Arbeitsstunden nicht mitgerechnet." Wütend, wenn Opel pleitegehen sollte? - "Ich hab im Spaß mal gesagt: Dann sind wir wirklich Kult."

Die lockeren Worte bedeuten nicht, dass hier alle so entspannt mit dem Thema umgehen könnten. Die Rollen sind klar verteilt. Der Ami hat Schuld gehabt, so sagen es die allermeisten. Hatte eben keine Ahnung vom europäischen Markt. Alle Gewinne hat er auch noch abgeschöpft. Hätte Opel die Autos bauen dürfen, die sie bauen wollten, sähe alles ganz anders aus. Denn Innovation und Form zum erschwinglichen Preis, das war es, was die Deutschen zur Marke mit dem Blitz getrieben hat. Dass jetzt Österreicher und Russen am Konzern beteiligt sind, nimmt man fatalistisch: Irgendwoher muss das Geld ja kommen - und solange die Russen nicht nur die Technologie absaugen und Opel dann wieder fallen lassen, sollen sie mal machen.

Wer eine differenzierte Sicht möchte, begibt sich am besten in die Box 16. Vor ihr steht ein Commodore aus dem Jahr 1970. Er wird von einem hochgewachsenen Mann mit grauem Haar und einer schnittigen Brille gefahren. Ein Mann, der eher in einen Anzug gehört: Dr. Oliver Steinmetz ist gekommen, um den legendären Rennwagen seines Vaters, der Tuning-Legende Klaus Steinmetz, vorzuführen. Beim Achtelmeilen-Rennen erhält er Extra-Applaus. In der Box lässt der Mann, der bei der Europäischen Investitionsbank tätig ist, verlauten, die Veranstaltung beweise, wie sehr Opel sein Potenzial in den vergangenen Jahren habe brachliegen lassen. Die ganze Veranstaltung sei doch frei nach Willy Brandt eine Abstimmung mit den Rädern. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Opel derzeit mit dem Insignia das beste Auto seiner Geschichte baue. Wenn Steinmetz das sonor erklärt, dann ist einem nicht mehr bange.

Der Burnout-Contest

Doch bevor man vergisst, wo man sich befindet, startet vor der Box schon der große Burnout-Contest: Menschen, die zu zweit in ihrem Auto sitzen zu "Born to be wild" Vollgas geben, dabei gleichzeitig die Bremse anziehen und die Reifen so lange radieren lassen, bis sie platzen. In diesem Moment brüllen die Umstehenden - erstaunlich viele mit Glatzen und Frakturschrift auf ihren Pullovern - auf. Sie haben nichts anderes zu sagen als: "Ey, wie geil." Und bei der Wahl zur Miss Opel, die anschließend im Festzelt auf der Holzbühne zu Disco-Wummern und mit Kunstnebel stattfindet, wird auch dieses Jahr wieder diejenige sehr junge Frau, ob blond, ob braun, gewinnen, die eben am meisten vorzeigt.

Ricky und seine Letzte-Luden-Gang - der Name ist ein Witz - sind bei diesen Programmpunkten schon lang nicht mehr dabei. Sie haben sich etwas abseits auf ihren Zeltplatz zurückgezogen. 50 Mitglieder hat der Verein, sie kommen aus allen Teilen der Republik. Jetzt läuft zwischen Mantas, Kadetts und Asconas der Grill mit Schweinenackensteak und Bratwurst, die erste Flasche Pils ist geöffnet. Grobi aus Wernigerode, der in seinem Manta B heute auf der Piste knapp zehn Sekunden für eine Achtelmeile gebraucht hat, sagt, dass er Jugendliche zum Schrauben animiert, es gebe hier in der Gegend viele Jungs, die einfach nichts zu tun hätten. Bevor die nur saufen oder am Computer spielen, sollten sie sich doch lieber unter einen Opel legen. Denn Opel, sagt Grobi, das könne hier jeder merken, sei familiär.

Und beim ersten Bratwurstbissen wird auch dem Letzten klar: Der Opel-Konzern mag eines Tages untergehen, die Marke wird immer bleiben. Irgendwo auf deutschen Straßen. Irgendwo in deutschen Herzen.