Expansion

So steuerte Putin den Einstieg der Russen bei Opel

Der Fall Opel ist für den russischen Premierminister Putin eine Herzensangelegenheit. Die Russen brauchen dringend eine Infusion von moderner Autotechnologie und wollen richtig groß in Europas Wirtschaft einsteigen. Ganz freiwillig spielten Oligarch Deripaska und die Sberbank aber wohl nicht mit.

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Schukowka, Russlands Reichensiedlung am Westrand Moskaus. Die mediterranen Appetithäppchen mit Parmaschinken und Melone sind auf der Datscha-Party noch nicht abgeräumt, da wechselt auch schon das Gespräch von der Wirtschaftskrise, die Russland heimgesucht hat, zu Opel. Nach dem zweiten Glas Burgunder wirft ein Mann, seines Zeichens Multimillionär, ein Goethe-Zitat in die Runde. "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust", rezitiert er auf Russisch. Der Gastgeber meint nicht sich, sondern Russlands Premier Wladimir Putin.

Putin sei zum einen davon besessen, die Kraft auf die Entwicklung des eigenen Landes zu lenken und es auf westliches Lebensniveau zu hieven. Zum anderen erfasse ihn immer wieder der imperialistische Reflex des Sowjetmenschen, seinen Einfluss auf die westliche Welt ausdehnen zu wollen. Opel, sagt der Gastgeber, symbolisiere für Russland beides: "Drang nach Expansion und Modernisierung nach innen."

Der Fall Opel ist für Putin eine Herzensangelegenheit. Endlich hat sich Russland in einen großen westlichen Konzern eingekauft. Und endlich, so hofft der Premier, gelingt ein Wissenstransfer, wie er für Russlands Industrie überlebensnotwendig ist.

Zusammen mit dem österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna haben die Russen bei Opel das Sagen. Magna übernimmt 20, die staatlich kontrollierte Sberbank 35 Prozent der Aktien. Mit von der Partie: Oligarch Oleg Deripaska. Dessen Autoproduzent GAZ bekommt zwar keine Opel-Papiere, soll aber dafür sorgen, dass die Marke mit dem Blitz zu einer Macht in Russland wird: mit dem Aufbau einer Opel-Fertigung in Werkshallen an der Wolga und dem Opel-Vertrieb über das eigene russlandweite Händlernetz. Mittelfristig, ist zu hören, soll sich GAZ auch finanziell beteiligen.

Ganz so freiwillig scheinen die beiden russischen Partner nicht zu handeln, auch wenn hochrangige Staatsbeamte tunlichst leugnen, sie gedrängt zu haben. Schließlich könnten auch die Russen bei Opel einige Mrd. Euro versenken.

"Wir sind nur ein äußeres Pferd eines Troikagespanns", sagt ein Vertrauter Deripaskas. "Und wie Sie wissen, gibt immer das Pferd in der Mitte die Richtung und das Tempo vor." Deripaska hat andere Sorgen, als Opel zum Erfolg führen zu müssen. Sein Firmenimperium ist mit mehr als 25 Mrd. Dollar (17,6 Mrd. Euro) verschuldet. Die Restrukturierung, die er mit mehr als 70 Banken verhandeln muss, geht schleppend voran. Was ihn wohl vor allem antreibt: Bei seinem Fahrzeugbauer GAZ, der kaum Autos, dafür vor allem Kleintransporter und Lkw produziert, hat längst die Sberbank das Sagen. Die GAZ-Kontrollmehrheit ist bei der Sberbank für einen Milliardenkredit als Sicherheit hinterlegt.

Auch Sberbank-Chef German Gref machte in den vergangenen Wochen eher den Eindruck, als hätte ihn Putin eingespannt. Es gehe halt um Staatsinteresse, sagte er lapidar. Erst nach Bekanntgabe der Entscheidung wirkte der 45-jährige Ex-Wirtschaftsminister wie ausgewechselt. Der Opel-Kauf biete eine "sehr gute Chance für Russland, einen der technologisch fortschrittlichsten europäischen Produzenten zu einem beispiellos niedrigen Preis zu erhalten". Als Staatsbank - an der Sberbank hält die Zentralbank die Aktienmehrheit - sei man natürlich daran interessiert, die russische Autoindustrie zu modernisieren. Intern hingegen soll sich Gref lautstark geärgert haben, dass er Kapital in großem Stil für ein Projekt wie Opel binden soll.

"Die Regierung hat ihre Strategie zur Entwicklung der einheimischen Autoindustrie, und dieser Deal sollte sich in diese Strategie einfügen", begründete Putin, warum er Opel und damit den russischen Autobau retten will. Sein Finanzminister Alexei Kudrin betonte, die Sberbank erhalte für den Opel-Kauf und die daraus folgenden Milliardeninvestitionen "keine spezielle Hilfe aus dem Staatsbudget".

Doch für Putin geht es nicht nur darum, die einheimische Autoindustrie, in der direkt 235.000 Menschen beschäftigt sind, zu stärken. Es geht auch um internationales Auftreten. "Wir kommen nicht mit Kalaschnikows und Panzern, sondern mit Geld", wollte Putin 2006 deutsche Unternehmer in München von der Friedfertigkeit seines ökonomischen Expansionsdrangs überzeugen.

Erste Gehversuche wirkten ungelenk. So kaufte sich der russische Staat fünf Prozent an dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS – ohne nennenswerten Einfluss zu erhalten.

Oligarch Deripaska musste sich von seinen Anteilen an dem Baukonzern Hochtief wieder trennen, als ihn die Schuldenwelle überrollte. Der Einstieg der Transmash-Holding bei der Fahrzeugtechnik Dessau endete in der Pleite. Zu einem Vabanquespiel wird die Übernahme zweier Werften in Wismar und Warnemünde durch russische Investoren. Die versprachen Großaufträge für Spezialschiffe. Bislang blieb es bei den Versprechen.

Synonym für den russischen Expansionsdrang ist der Erdgasmonopolist Gazprom. "Mit Gazprom kann man in Europa mittlerweile Kinder erschrecken", schrieb das russische Wirtschaftsblatt "Vedomosti", als der Staatskonzern ansetzte, Stadtwerke im Westen zu übernehmen und immer wieder drohte, im Streit mit den Nachbarn Weißrussland und Ukraine den Erdgashahn zuzudrehen. Immerhin, an der BASF-Tochter Wingas hält Gazprom inzwischen 50 Prozent minus eine Aktie und hat damit den Einstieg ins deutsche Endkundengeschäft geschafft. Pläne, reihenweise deutsche Stadtwerke zu übernehmen, sind dagegen vorerst gescheitert.

"Im Unterschied zu einem möglichen Investment von Gazprom, droht beim Opel-Einstieg der Sberbank keine Monopolisierung", erklärt Sergei Guriev das Ausbleiben des antirussischen Reflexes beim Opel-Kauf. Guriev ist als Rektor der Moskauer "New Economic School" ein führender liberaler Ökonom des Landes. Nebenbei sitzt er noch im Aufsichtsrat der Sberbank - und hätte über das Engagement bei Opel befinden müssen. Doch Putin, nicht die Kontrolleure, zog die Strippen.

Ist der Opel-Kauf ein Abenteuer oder ein kalkulierbares Risiko? fragte Morgenpost Online ONLINE Guriev. "Ich kenne bis heute die Bedingungen nicht und kann also kein Urteil abgeben", antwortete er. Auch die finanziellen Einzelheiten seien ihm "unbekannt". Dennoch, bei Opel gehe es "um ein rein finanzielles Investment und um Know-how-Transfer".

"Putins Bestreben, auf dem westlichen Markt mitzuspielen, ist ungebrochen", sagt Alexei Makarkin vom Zentrum für Politische Technologien in Moskau. "Aber es geht um eine ökonomische Expansion, so wie sie andere Länder auch betreiben." Etwa die arabischen Staatsfonds, die sich bei Daimler einkauften oder den Anlagenbauer MAN Ferrostaal übernahmen. Während sich die Scheichs jedoch eher robuste Unternehmen aussuchen und Investitionen langfristig angelegt sind, überwiegt bei den russischen Investoren der Hang zum Heilen schwerer Fälle.

"Es ist eine interessante Praxis der Russen, Aktiva und Firmen in schwieriger Lage zu kaufen", bestätigt auch Makarkin. "Man kauft sie billig, um sie dann zu sanieren." Ökonom Guriev begründet die vermeintliche Schnäppchenjagd vorrangig mit einer klammen Kassenlage nach dem Absturz des Ölpreises. "Russland hat weniger Geld und kann es sich nicht leisten, 'gute' Firmen zu kaufen." Natürlich würden russische Unternehmer auf ihre Fähigkeiten als Sanierer bauen. "Wir haben in Russland viel Erfahrung mit betrieblicher Umgestaltung."

Umgestaltung ist auch im Autosektor nötig. Die Werke sind marode, der technologische Anschluss verpasst. Russland hat es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, eine Zulieferindustrie aufzubauen geschweige denn ein Fahrzeug zu entwickeln, das westlichen Ansprüchen genügt. So will auch das GAZ-Werk in der Wolgastadt Nischni Nowgorod die "einzigartige Erfahrung der Deutschen" für sich nutzen, wie es ein Konzern-Vertreter zusammenfasst. Einigermaßen ambitioniert wirken Schätzungen, Opel werde bald schon in Russland 500.000 Fahrzeuge pro Jahr verkaufen. In den ersten vier Monaten waren es noch 15.506 Wagen, ein Minus von 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Mit dem Einstieg bei Opel hat Putin ein Zeichen gesetzt, dass Russland noch handlungsfähig ist in der Krise. "Bei dem Deal geht es vor allem um Stolz. Der Einstieg bei Opel ist also in erster Linie außenpolitisch motiviert", sagt ein westlicher Wirtschaftsvertreter, der die Entscheidungsträger in Russland gut kennt. Industrielle Logik vermag er hingegen nicht zu sehen. "Ich verstehe nicht so ganz, was die Russen den Deutschen bringen sollten."

Das Russland-Geschäft werde Opel nicht retten, vermutet der Wirtschaftsvertreter. Er verweist auch auf die nicht unbedingt rosigen Erfahrungen, die bislang Renault und auch Daimler in Russland gemacht hätten. "Natürlich stellt sich die Frage, ob es zielführend ist für die Deutschen, Technologie zu übergeben und sich letztlich damit selbst Konkurrenz zu machen."

Auch Russlands Wirtschaftszeitung "Vedomosti" bescheinigte den neuen Opel-Eignern "ungewisse Zukunftsaussichten". Es stünden doch allzusehr politische Motive wie Nationalstolz im Vordergrund und weniger eine kühle betriebswirtschaftliche Kalkulation. "Unsere Unternehmer und Politiker klagen doch schon seit längerem, dass man im Westen nichts kaufen kann. Und nun kaufen wir auf einmal ein legendäres Unternehmen", schrieb das Blatt. Russland habe eben entschieden, Opel zu helfen. Und das sei dann doch immerhin auch ein Beitrag für die "große russisch-deutsche Freundschaft".