Arbeitsmarkt

Wie Berliner mit der Kurzarbeit umgehen

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit haben mehr als 600 Berliner Betriebe der Elektro-, Metall-, und Dienstleistungsbranche auf Kurzarbeit umgestellt. Sie wollen so Jobs sichern. Knapp 11.000 Arbeitnehmer sind betroffen. Wie sich Berliner mit der Krise arrangieren - drei Beispiele.

Foto: AP

Als Hartmut Lenke die Maschine abstellt, ist nur noch das leise Schnaufen der Lüftung zu hören. Es ist kurz vor 14 Uhr. Das Hämmern der Motoren, die Bohrmaschinen, die Gespräche der Kollegen sind längst verstummt. Bis auf zwei sind auch schon alle weg. Lenke hängt sich den staubigen Rucksack um und macht sich auf den Heimweg. Zurück bleibt der fahle Geruch von alten Schrauben und ranzigem Motorenöl.

Lenke arbeitet für den Elektromotorenhersteller Menzel in Berlin-Moabit. Das Familienunternehmen liefert Spezialanfertigungen in die ganze Welt. Weil Aufträge ausbleiben, hat die Firma seit Anfang Februar Kurzarbeit angesetzt. Gearbeitet wird nur noch drei Tage pro Woche. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit haben mehr als 600 Berliner Betriebe der Elektro-, Metall-, und Dienstleistungsbranche auf Kurzarbeit umgestellt. Die Firmen wollen dadurch Arbeitsplätze sichern und sich durch die Krise retten. Knapp 11.000 Arbeitnehmer sind betroffen.

Zu Hause gibt es viel zu tun

Nach eineinhalb Stunden Bahnfahrt, ist Lenke zu Hause. Heute muss er noch Unkraut in seinem Garten zupfen und den Rasen mähen. Lenke arbeitet gern. Man sieht es an seinen schwieligen Händen, an der Art, wie er sich geschickt in seinem blauen Arbeitsanzug bewegt. Weil ihm der Betrieb momentan nicht genug Arbeit gibt, sucht er sich welche zu Hause. Er repariert die Waschmaschine oder das Fahrrad seiner Tochter. Seine Frau freut sich, dass er mehr Zeit für die drei Kinder hat. Doch Lenke erinnert sich noch gut an die Zeit, als ein früherer Arbeitgeber im Vogtland Kurzarbeit angemeldet hat: Sechs Wochen lang, Null Stunden Arbeit. "Ich habe mich minderwertig gefühlt", sagt der 49-Jährige. Um den Schein zu wahren, hat er damals sogar erst am Abend seinen Wagen vors Haus gestellt. Niemand sollte merken, dass er ohne Arbeit war. Das möchte er nicht noch einmal erleben.

Zielstrebig steuert Selma Erkan auf die U-Bahnstation Rathaus Steglitz zu. Energisch zieht sie an den Menschen vorbei, die über die Kreuzung drängen. Die Frau mit den dunklen Locken, der engen Jeans und den hohen Stiefeln geht aufrecht durch die Menschenmenge, schafft sich Platz. Gleich muss sie nach Spandau. Spätschicht bei Osram. Von Dezember bis März hat die 54-Jährige nur zwei Wochen pro Monat gearbeitet. "Ich habe mich gefühlt, als ob ich aus der Gesellschaft raus bin", sagt sie mit ruhiger, nachdenklicher Stimme über die Zeit. Was mache ich, wenn ich meinen Job verliere? Diese Frage hat sie sich immer wieder gestellt.

Das Handy klingelt. Erkan macht Termine aus. Weil sie gerne anderen Menschen hilft, pflegt sie in ihrer Freizeit Schwerbehinderte. Ehrenamtlich. Während der Kurzarbeit hatte sie mehr Zeit dafür. Auch ihre Enkelkinder hat sie häufiger gesehen. Jetzt prüft Erkan wieder Glühbirnen, weil Osram seit kurzem die Produktion hochgefahren hat. Jeden Tag kontrolliert sie die Brenner in den Lampen. Acht Stunden lang im Drei-Schicht-Betrieb. Seit 30 Jahren. Die Ungewissheit ist für Erkan am Schlimmsten. Unterkriegen lässt sie sich trotzdem nicht. Mit 18 Jahren kam sie aus Ankara nach Deutschland. Sie hat sich durchgeschlagen in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte, zwei Kinder allein aufgezogen und immer gearbeitet. Erkan ist sich sicher, dass es irgendwie weitergeht, auch wenn ab September bei Osram wieder kurz gearbeitet werden soll.

Seit Januar nur dreimal pro Woche in die Firma

Patrick Hesse tippelt ungeduldig von einem Bein aufs andere. Immer wieder stößt er an seine Sporttasche vor ihm auf dem Boden. Er telefoniert, nestelt an den Knöpfen seines weißen Hemdes, pustet sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Warten fällt ihm nicht leicht. Gerade kommt Hesse von einem Lehrgang bei der Gewerkschaft.

Seit im Mercedes-Benz-Werk in Berlin-Marienfelde, Kurzarbeit angesetzt ist, hat Hesse Zeit, sich zu engagieren. "Ich will mich informieren und dafür sorgen, dass es meinen Kollegen gut geht", sagt der 24-Jährige. Vor allem Auszubildende hätten Angst davor, nicht übernommen zu werden und dann in Billigjobs abzurutschen.

Als sein Arbeitgeber Ende letzten Jahres der Belegschaft mitteilte, dass die Produktion heruntergefahren wird, war er geschockt. Seit über acht Jahren arbeitet er an verschiedenen Standorten für Daimler. Seine Ausbildung zum Kfz-Elektriker hat er dort gemacht. Für Hesse war es undenkbar, dass die Krise sein Unternehmen treffen könnte. Seit Januar kommt Hesse nur dreimal pro Woche in die Firma. Ob die Kurzarbeit ihm Sorgen macht? Hesse nickt, schließlich weiß er nicht, wie lange Daimler die Produktion drosseln will. Dann macht der schlaksige Mann eine ausladende Geste mit der Hand. Er ist gelassener, als so mancher Kollege. Immerhin verdient Hesse noch knapp 90 Prozent seines Nettoeinkommens.

Geschäftsführung geht flexibel mit der Kurzarbeit um

Nach der Arbeit klopft sich Maschinenbauer Hartmut Lenke einen Rest feiner Metallspäne von der Jacke. Die Kurzarbeit macht sich für ihn auf dem Lohnzettel schmerzlich bemerkbar: wenn er nur drei Tage die Woche arbeitet, fehlen ihm über 250 Euro im Monat.

Er und seine Familie sparen vor allem bei den Lebensmitteln: "Fruchtsäfte sind gerade nicht drin. Meine Frau und ich vergleichen verstärkt die Preise im Supermarkte", sagt Lenke. Familienausflüge sind selten, denn der Kredit für das Haus muss abbezahlt werden. Zum Glück geht die Geschäftsführung flexibel mit der Kurzarbeit um. Als vor wenigen Wochen ein Kunde aus Saudi-Arabien kurzfristig einen Auftrag erteilte, rief der Meister Lenke Sonntagabend an und bestellte ihn für den nächsten Tag in den Betrieb.

Arbeit geht für Hartmut Lenke vor, genauso wie für seine Kollegen. Auch deshalb ist Lenke zuversichtlich. Als er vor zwei Jahren bei Menzel anfing, waren die Auftragsbücher voll, und die Werkstatt platzte aus allen Nähten, erinnert er sich. Spätestens in zwei Jahren werde die Firma wieder normal arbeiten.