McKinsey-Chef Mattern

"Die Erfolge im Export schaffen den Wohlstand"

Der Chef der Unternehmensberatung McKinsey, Frank Mattern, zeigt sich überzeugt, dass Deutschland Industrienation bleiben wird. Im Interview mit der "Welt am Sonntag" erklärt Mattern, warum die Wirtschaft dabei vom Export abhängt – und er empfiehlt den Firmen, lieber auf Gewinn als auf Arbeitskräfte zu verzichten.

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Als die Unternehmensberatung McKinsey vor zwei Jahren die Ergebnisse ihrer Studie "Deutschland 2020" in der "Welt am Sonntag" veröffentlichte, sorgte sie für viel Wirbel. 4,5 bis 6 Millionen Arbeitskräfte würden in Deutschland fehlen, wenn die Volkswirtschaft ihr Wachstumspotenzial optimal nutzte. Aufgrund der Finanzkrise hat McKinsey die Prognose nun korrigiert, kommt aber immer noch auf ein Defizit von zwei Millionen. Deutschland-Chef Frank Mattern legt dar, wie sich Unternehmen in Zeiten verhalten sollen, in denen der Wettbewerb um Arbeitskräfte zunimmt und die Wirtschaft krisenanfälliger geworden ist.

Welt am Sonntag: Herr Mattern, ist die Kurzarbeit ein gefährliches Subventionsprogramm oder die goldene Brücke ins Jahr 2020, wenn uns die Fachkräfte fehlen werden?

Frank Mattern: In den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass der deutsche Arbeitsmarkt flexibler ist als von vielen gedacht. Die staatlich subventionierte Kurzarbeit war nur einer von vier Stabilisatoren, die gut funktioniert haben. Auch die Reduzierung der tariflichen Arbeitszeit, die Arbeitszeitkonten und der Abbau von Überstunden gehörten dazu. In Summe haben die Unternehmen, Gewerkschaften und die Politik in dieser Krise einen guten Job gemacht.

Welt am Sonntag: Die Kurzarbeit ist eine Wette auf 2010. Was passiert, wenn doch noch ein Abschwung kommt?

Mattern: Das ist reine Spekulation. Vor dem Hintergrund des abzusehenden Fachkräftemangels sollten die Unternehmen grundsätzlich ein großes Interesse daran haben, ihre qualifizierte Stammbelegschaft zu halten. Zur Überbrückung sollten sie, wo immer das sinnvoll ist, weiterhin auch die Kurzarbeit nutzen.

Welt am Sonntag: Aber wie lange kann sich die deutsche Volkswirtschaft einen Arbeitskräfteüberhang von 2,2 Millionen Menschen leisten?

Mattern: Ich würde das keinen Überhang an Arbeitskräften nennen, das würde nach einem bleibenden Zustand klingen. Es ist eher so, dass die Kapazitäten vorübergehend nicht ausgelastet sind, was den Staat und die Unternehmen natürlich finanziell belastet. In den USA etwa hat die Industrie schneller und schärfer restrukturiert, was zu einem spürbaren Anstieg der Arbeitslosigkeit führt. Wir in Deutschland haben das vermieden, was kein Fehler war. Denn der Fachkräftemangel wird ab 2015 richtig durchschlagen.

Welt am Sonntag: Muss die Politik den Arbeitsmarkt noch weiter flexibilisieren, damit Unternehmen besser auf Krisen reagieren können?

Mattern: Wir brauchen mehr Arbeitskräfte im Niedriglohnsektor bei Dienstleistungen, um auch Menschen mit geringer Qualifikation eine Beschäftigungsperspektive zu geben. Haushaltsnahe Jobs könnten ein deutlich stärkerer Beschäftigungsmotor sein, wenn einige Hürden ausgeräumt würden.

Welt am Sonntag: Was meinen Sie konkret?

Mattern: Mehr und höhere Mindestlöhne helfen an dieser Stelle sicher nicht. Und es ist viel zu umständlich, einen haushaltsnahen Arbeitsplatz überhaupt einzurichten. Haben Sie das mal versucht? Sie kriegen das ohne Steuerberater nicht hin.

Welt am Sonntag: Die Deutschen gelten als dienstleistungsfaul. Das sind keine guten Perspektiven.

Mattern: Wir haben einfach andere Konsummuster als zum Beispiel die Amerikaner oder die Franzosen. Das ist nicht schlimm. Und dass die Sparquote bei uns höher ist als in den meisten anderen Ländern, ist mit Blick auf die Demografie auch ein Vorteil. Altersvorsorge wird immer wichtiger.

Welt am Sonntag: Aber es ist doch überhaupt nicht nachvollziehbar, warum ein Deutscher, der 50 Euro brutto pro Stunde verdient, am Wochenende noch sein Auto selber poliert. Können Sie uns das erklären?

Mattern: Nein. Aber dafür sind die Deutschen Reiseweltmeister, haben teurere Autos als andere und hochwertige Immobilien. Sagen wir es so: Der Deutsche hat lieber einen Fünfer-BMW oder eine E-Klasse, die er selber poliert, als einen Dreier oder eine C-Klasse, die er dann polieren lässt.

Welt am Sonntag: In Ihrer Studie warnen Sie vor starken Konjunkturausschlägen. Dabei sind die Aufschwünge in den USA seit Jahren viel länger als die Abschwünge: Seit 1982 haben die Amerikaner gerade mal 16 Monate in der Rezession gesteckt. Warum sind Sie so pessimistisch?

Mattern: Ich bin überhaupt nicht pessimistisch, im Gegenteil. Volatilität bringt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Aber die von Ihnen genannte Phase war beflügelt vom Fall der Mauer, dem Internet und der beschleunigten Globalisierung. Das kann man nicht einfach fortschreiben, diese Effekte verlieren nun an Dynamik. Und wir hatten auch in den vergangenen 25 Jahren mindestens sechs Finanzkrisen mit spürbaren volkswirtschaftlichen Folgen - vom Aktienabsturz 1987 über die Dotcom-Blase im Jahr 2000 bis zu den Ereignissen der vergangenen 18 Monate. Es ist wahrscheinlich, dass andere Faktoren uns in den nächsten Jahren neuen Schub verleihen, aber die Volatilität wird unser ständiger Begleiter sein. Darauf sollte sich die Wirtschaftspolitik ebenso wie die Unternehmen einstellen.

Welt am Sonntag: Wie sollen Firmen damit umgehen, dass nichts mehr sicher ist?

Mattern: Da gibt es viele Beispiele: Ein Konzern kann sich unabhängiger von wenigen Zulieferern machen oder sich bei internationalen Lieferketten nicht mehr als nötig Währungsrisiken oder Verschiebungen von Rohstoffpreisen aussetzen.

Welt am Sonntag: Absicherung kostet viel Geld. Müssen wir uns auf dauerhaft geringere Unternehmensgewinne einstellen?

Mattern: Das kann zulasten der Rentabilität gehen, muss es aber nicht. Nehmen Sie ein Unternehmen, das in erster Linie in Europa produziert, aber in die ganze Welt liefert. Damit ist es automatisch exponiert gegen den Euro-Dollar-Kurs, der schon lange hochvolatil ist. Da wäre es eine Strategie, einen größeren Anteil der Produktion außerhalb der Eurozone zu haben.

Welt am Sonntag: Was Sie gerade beschrieben haben, ist das typische Argument gegen das deutsche Exportmodell. Denn langsam, aber sicher werden Produktionskapazitäten abwandern.

Mattern: Für viele Unternehmen ist es heute erforderlich, einen gewissen Teil ihrer Produktion in die Absatzmärkte zu verschieben. Das heißt aber nicht, dass hier keine Produktion übrig bleibt oder dass hierzulande keine neuen Arbeitsplätze entstehen.

Welt am Sonntag: Aber der Trend zu weniger Industrie in Deutschland ist vorgegeben, oder?

Mattern: Deutschland wird eine Industrienation bleiben. Die Produktion wird sich dabei weiter konzentrieren auf das Premiumsegment, also auf Produkte, für die man eine hohe Spezialisierung braucht. Nur so kommen wir mit dem hohen deutschen Lohnniveau zurecht. Außerdem werden ja nicht nur Produkte, sondern auch Dienstleistungen exportiert. Industrienahe Dienstleistungen machen heute schon einen wesentlichen Teil unserer Exporte aus. Wir sind bereits weiter auf der Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft, als viele denken.

Welt am Sonntag: Wir werden also auf weitere 20 Jahre in erster Linie von unseren Ausfuhren leben?

Mattern: Das exportorientierte Modell war in der Vergangenheit gut für uns und wird es auch bleiben. Wir haben 24 Prozent Industrieanteil am Bruttosozialprodukt, 60 Prozent des Wachstums kamen in den vergangenen zehn Jahren aus dem Außenhandelsüberschuss. Natürlich müssen wir uns weiterentwickeln und den inländischen Dienstleistungssektor stärken. Aber erst die Erfolge im Export schaffen den Wohlstand, der uns mehr Konsum ermöglicht.

Das Gespräch führten Jörg Eigendorf und Ileana Grabitz

Trotz Krise fehlen Deutschland bald Arbeitskräfte

Deutsches Exportmodell bleibt ohne Alternative