Studie

McKinsey warnt vor globalen Konjunkturrisiken

Eine verlässliche Planung für Konzerne wird schwieriger. Die Wirtschaft wird in den nächsten Jahren erheblich mehr schwanken als bislang. Dabei wird die Konjunktur durch mehrere globale Risiken bedroht. Die Berater erklären, wie Firmen sich auf die geänderte Situation einstellen können.

Foto: Infografik Morgenpost Online

Konzerne planen gern in Fünf-Jahres-Rhythmen. Und wer die dann auch noch erfüllt, steht bei Analysten und Investoren hoch im Kurs. Doch es ist inzwischen weitaus schwieriger geworden, überhaupt noch verlässlich zu planen. Das ist jedenfalls die These der Unternehmensberater von McKinsey, die in einer neuen Studie deutsche Unternehmen vor zunehmend unsicheren Zeiten warnen: „Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass Volatilität im globalen Wirtschaftssystem zum ständigen Begleiter werden könnte“ schreiben die Berater in der Studie, die Morgenpost Online exklusiv vorliegt.

Das Zeitalter der „Great Moderation“ scheint erst einmal vorbei zu sein. Seit den frühen 80er-Jahren haben die Volkswirtschaften der großen Industrienationen relativ geringe Konjunkturschwankungen und niedrige Inflationsraten erlebt – trotz Börsencrashs, trotz Auf und Ab in den Schwellenländern, trotz Internetboom und dem 11. September. Die Ökonomen von McKinsey gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft nach der Finanz- und Wirtschaftskrise turbulenteren Jahren entgegen sehen könnte. Für die deutsche Wirtschaft hieße das, dass nicht unbedingt ein robuster gleichmäßiger Aufschwung bevorsteht. Deutsche Unternehmen müssten unter Umständen auch „mit einer Periode starker Schwankungen mit krisenhaften Zuspitzungen“ rechnen.

Die Berater haben mehrere globale Risikoquellen ausgemacht, die das weltweite Wachstum beeinträchtigen könnten:

Finanzmärkte: Trotz der Stützungsmaßnahmen in der Krise seien viele Banken weiterhin geschwächt. Sollte es zu einer neuen Finanzkrise kommen, halten es die Autoren der Studie für unwahrscheinlich, dass die Industriestaaten noch einmal gewaltige Rettungspakete schnüren könnten.

Verschuldung: Banken, Unternehmen, Regierungen und Haushalte sind in den wichtigsten Industriestaaten durchschnittlich mit mehr als 250 Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet. Diese Schuldenpolitik lässt sich nicht endlos fortsetzen. Wenn Haushalte und Staaten aber beginnen, im großen Stil zu sparen, würde das weltweite Wachstum stark gedämpft.

Realwirtschaft: Noch ist die Erholung der Wirtschaft schwach. Ein Anstieg des Erdölpreises, eine Kaufverweigerung der US-Verbraucher und ein Wachstumseinbruch in China – all diese Ereignisse könnten die Erholung abwürgen. Unternehmen empfiehlt die Studie, durch Erneuerung permanent mit dem globalen Strukturwandel Schritt zu halten und sich gleichzeitig gegenüber Schwankungen zu stabilisieren. „Volatilität bringt nicht nur Risiken, sondern auch Chancen“, sagte Frank Mattern, der Deutschland-Chef von McKinsey, der „Welt am Sonntag“.

Wie das aussehen kann, machen die Unternehmen der Energiebranche und der Automobilwirtschaft vor. Sich gegen Krisen abzusichern, kostet zwar zunächst Geld. Mit einer geschickten Strategie lässt sich im unsicheren Marktumfeld aber auch die Rentabilität steigern.

1. So reagieren die Stromkonzerne

Eine besondere Herausforderung stellen volatile Rahmenbedingungen für die Energiekonzerne dar, die traditionell an weite Planungshorizonte gewöhnt sind. Denn vor allem Kraftwerksbauer und -betreiber planten ihre Großinvestitionen bislang über Zeiträume von bis zu 40 oder gar 60 Jahren. Ein Umstand, der der Branche früher den Ruf der Behäbigkeit eingetragen hatte.

Das änderte sich freilich in Europa fast schlagartig mit der Liberalisierung des Energiemarktes zu Beginn des neuen Jahrtausends. Seither ändern sich die Rahmenbedingungen für den Bau und Betrieb von Kraftwerken fast schon im Monatsrhythmus.

Kartellgesetze, Netzregulierung, Emissionshandel, Subventionen und ökologische Energiewende: Nie zuvor hatten es Energieversorger mit so häufigen, starken und oft planlosen Staatseingriffen zu tun bekommen wie in den vergangenen zehn Jahren. Der ökonomische Höhenflug Chinas und Indiens sorgte darüber hinaus für volatile Preise bei den Primärenergieträgern Kohle, Gas und Erdöl.

Die europäischen Energiekonzerne reagierten auf das neue volatile Umfeld zunächst mit Abwarten. Kraftwerksinvestitionen wurden und werden noch immer bis zur politischen Klärung der Rahmenbedingungen – etwa der Ausgestaltung des Emissionshandels – hinausgeschoben. Inzwischen ist in der Energiepolitik deshalb bereits von einer drohenden Versorgungslücke die Rede. Parallel dazu passten die Versorger allerdings auch ihre äußeren und inneren Strukturen dem raschen Wandel an. Stromkonzerne wie E.on und RWE fokussierten sich auf ihr Kerngeschäft: Milliardenschwere Beteiligungen etwa an Telekommunikationsfirmen oder Baukonzernen wie Hochtief wurden abgestoßen.

Deutschlands größter Stromproduzent RWE radierte unter der Führung des derzeitigen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann mit der Vertriebssparte RWE Energy AG sogar eine ganze Zwischenholding aus dem Organigramm. Vertriebstöchter wurden zusammengelegt und direkt an die Konzernzentrale angeschlossen. Entscheidungen der Konzernspitze erreichen die operativ tätigen Bereiche jetzt direkt und ungefiltert. Ziel der Konzernführung war es dabei, aus dem früheren „Tanker“ RWE ein Schnellboot zu machen, das besser über die Untiefen der Energiepolitik hinwegkommen würde.

Der Rückzug aus den überregulierten Märkten ist eine weitere Strategie, zu der Energiekonzerne greifen, um im Wandel zu bestehen. Der größte private Energiekonzern der Welt, die Düsseldorfer E.on AG etwa, verkaufte sein Übertragungsnetz in Deutschland und tauschte zudem ein Fünftel seiner deutschen Kraftwerkskapazitäten gegen Beteiligungen in anderen Ländern, in denen die politischen Restriktionen geringer und die Wachstumsraten zugleich höher sind.

2. Autobauer profitieren vom technischen Vorsprung

Die Ausschläge auf den Weltmärkten werden auch die deutschen Autohersteller – das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – nicht unberührt lassen. Gleichwohl ist die Beratungsgesellschaft McKinsey für die Branche zuversichtlich. „Die deutsche Automobilindustrie hat massive Chancen auf dem Weltmarkt“, sagt Christian Malorny, Direktor bei McKinsey und Leiter des deutschen Automobil- und Maschinenbausektors.

Herausforderungen für die Branche gibt es freilich genug: Einerseits muss sie die weltweiten Wachstumschancen nutzen, andererseits den heimischen Strukturwandel hinbekommen.

Allein aufgrund ihrer guten Position bei neuen Technologien und Qualität, dem Marken-Image und der Marktstellung dürften die deutschen Hersteller von der steigenden Nachfrage vor allem in den BRIC-Ländern – Brasilien, Russland, Indien und China – profitieren. Allerdings müssten sie künftig stärker auch auf die Bedürfnisse dieser Schwellenländer achten, indem sie dort einen weitaus größeren Teil der Wertschöpfung ansiedeln – von Produktion und Einkauf bis zu Marketing, Entwicklung und Vertrieb. „Die Verlagerung der gesamten Wertschöpfungskette in Märkte wie China oder Indien, um dort länderspezifische Fahrzeuge für die Bedürfnisse der dortigen Kunden zu bauen, bedeutet einen mental sehr großen Wandel für die stark national geprägten deutschen Automobilhersteller“, so Malorny.

Schwankenden Märkten dürften die Deutschen auch dank ihres Vorsprungs und der Vorreiterrolle bei sparsameren Verbrennungsmotoren bis 2020 trotzen können. Die heimische Branche hat früh auf energieeffiziente Antriebe gesetzt: Leichtbau, Doppelkupplungsgetriebe oder Direkteinspritzung etwa sind deutsche Erfindungen. Diese Technologien, die zu einem niedrigeren Verbrauch führen, bieten auch große Chancen in gesättigteren Märkten wie Nordamerika. Die deutschen Hersteller erwarten bis 2020 ein weltweites Absatzplus von insgesamt 30 Prozent – und sind damit recht optimistisch.

Am Ball bleiben müssen sie aber vor allem im Zukunftsmarkt Elektromobilität. Eine weitere Chance besteht darin, den die Integration von elektronischen Geräten, Sicherheit und Infotainment im Auto auszubauen.

Eine Herausforderung bleibt die Entwicklung günstiger Fahrzeuge, die sich in aufstrebenden Märkten gut verkaufen. 70 Prozent der Nachfrage nach Autos in China, Indien und Brasilien liege im Preissegment von weniger als 10000 Euro – der Durchschnittspreis eines in Deutschland verkauften Autos ist mehr als doppelt so hoch. Um dieses Problem zu lösen, sind allerdings mehr gemeinsame Projekte zwischen Herstellern nötig. „Intelligentes Kooperieren wird der Schlüssel der nächsten zehn Jahre werden“, sagt McKinsey-Experte Malorny. Da.