Wachstumschancen

Mit stetigem Wachstum erfolgreich durch die Krise

Die Gesundheitsbranche ist ein Wachstums- und Beschäftigungsmotor in Deutschland, fasst McKinsey die Bedeutung des Wirtschaftszweigs zusammen. In den vergangenen zwanzig Jahren wuchs die Beschäftigung in der Branche jährlich um rund zwei Prozent. Aber auch andere Zweige haben Wachstumschancen.

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Die Bundesbürger haben ein etwas paradoxes Verhältnis zum Gesundheitswesen. Auf der einen Seite meinen sie seit Jahren, das Gesundheitssystem stehe unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Auf der anderen Seite fühlen sie sich von ihren persönlichen Ärzten noch immer gut versorgt. Und trotz der Klagen über steigende Krankenkassenbeiträge ist ein großer Teil der Deutschen bereit, mehr für die Gesundheit zu zahlen – und zwar auch aus eigener Tasche.

Ähnlich zweischneidig fällt das Urteil aus, wenn Experten die Branche als Ganzes unter die Lupe nehmen. Bekanntermaßen besteht sie nicht nur aus Ärzten, Apotheken und Krankenhäusern: Insgesamt arbeiten in der Gesundheitswirtschaft 4,6 Millionen Menschen, die jedes Jahr eine Wertschöpfung von mehr als 190 Milliarden Euro leisten. Das sind immer fast acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Damit geht einher – und das ist in diesem Fall die Schattenseite –, dass die gesetzliche Krankenversicherung, die bisher das Rückgrat der Branche ist, chronisch zu wenig Geld hat. Denn irgendwie müssen Leistungen der Gesundheitswirtschaft bezahlt werden, vor allem in einer älter werdenden Gesellschaft. Das ist der Grund, weshalb die Bundesregierung sich erneut Gedanken über eine Gesundheitsreform macht.

„Die Gesundheitsbranche ist ein Wachstums- und Beschäftigungsmotor in Deutschland“, fasst McKinsey in seiner Studie die Bedeutung des Wirtschaftszweigs zusammen. In den vergangenen beiden Jahrzehnten wuchs die Beschäftigung in der Branche pro Jahr um rund zwei Prozent und die Wertschöpfung um fast vier Prozent – deutlich stärker als in anderen Dienstleistungsbereichen. Das liege an der demografischen Entwicklung, meinen die Experten, aber die Branche habe zusätzlich den Vorteil, dass sie kaum anfällig für Krisen sei. „Schon mehrfach“, heißt es in der Studie, sei die Gesundheitswirtschaft in einer Wirtschaftskrise ein „stabilisierender Faktor“ gewesen. Ähnliches ermittelte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in einer Konjunkturumfrage.

Der Grund dafür ist einfach: Angebot und Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen entstehen fast vollständig in Deutschland. Das gilt vor allem für Ärzte, Apotheken, Pflegedienste und Krankenhäuser. Diese Bereiche können Arbeitsplätze kaum oder gar nicht ins Ausland verlagern. „Folglich bleibt der Bedarf an qualifizierten Fachkräften wie Ärzten und Pflegepersonal im öffentlichen Gesundheitswesen hoch“, heißt es in der Studie. Das sei gut für die Beschäftigung. Aber auch jene Teile der Branche, die im internationalen Wettbewerb stehen wie die Pharmaindustrie oder die Medizintechnik profitierten vom „hohen Ausbildungsstandard“ in Deutschland, von den „exzellenten wirtschaftlichen Kooperationsmöglichkeiten“ und dem „zuverlässigen Patentschutz“.

Einen der größten Märkte vermuten die Experten bei Dienstleistungen, die sie mit dem Stichwort „Health Plus“ bezeichnen. Diese Angebote sind weniger medizinisch, sondern sie steigern vor allem das Wohlbefinden und umfassen alles, was unter „Wellness“ oder „Fitness“ vermarktet wird. Zusatznutzen und Zahlungsbereitschaft der Kunden seien dabei sehr groß, heißt es in der Studie, Wachstumsraten zwischen vier und sieben Prozent seien möglich. Vielversprechend sei das Geschäft mit älteren Kunden.

Vor diesem Hintergrund entwickelten sich auch die klassischen Bereiche der Gesundheitswirtschaft: die Behandlung chronischer Krankheiten etwa biete „erhebliches Wachstumspotenzial für Pharmaunternehmen“, schreiben die Fachleute. Allein die Arzneiausgaben für Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression oder Krebs seien jährlich um drei Prozent gestiegen – auf zuletzt zwölf Mrd. Euro pro Jahr. Die steigende Nachfrage nach Pflegedienstleistungen werde ebenso zunehmen wie die altersgerechte Ausrüstung von Häusern und Wohnungen. Im letzteren Fall werde der Markt allein in den USA von jetzt zwei auf fünf Mrd. in zwei Jahren steigen.

Die Technik, um Diagnosen und Therapien per Telefon- oder Datenleitung zu stellen oder anzuwenden, sei ein weiteres Wachstumsfeld. Der Markt für Informationstechnik im Gesundheitswesen betrug im Jahr 2008 bereits stolze 61 Mrd. Euro und wächst weiter – in den nächsten Jahren im Schnitt um fünf Prozent. Als einen der innovationsstärksten Sektoren der gesamten deutschen Wirtschaft identifiziert McKinsey die Medizintechnik. 2008 sei der Umsatz deutscher Firmen um fünf Prozent gewachsen und liege mit 18 Mrd. Euro an Platz zwei hinter der Konkurrenz aus den USA.

Dass die Debatte um die Gesundheitsreform die Entwicklung der Branchen stören oder gar aufhalten kann, glauben die Experten nicht. Im Gegenteil: Der permanente Kostendruck gerade in diesem Teil der Wirtschaft habe den Beteiligten „wertvolle Erfahrungen in der Kostenkontrolle“ gebracht, die sich im Ausland nutzen ließen.

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