Geldanlage

Aktien können auf Dauer depressiv machen

Die Börsengeschichte ist voller Crashs, Stagnationsphasen und Baissen. Der Traum von Börsenguru André Kostolany von der Rendite im Schlaf ist ausgeträumt. Viele Aktienwerte sehen alte Höchststände nie wieder. Die Zeit arbeitet im Bärenmarkt sogar gegen den Aktionär.

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Aktien kaufen und Baldrian trinken. Das empfahl einst Börsenaltmeister André Kostolany und meinte damit: Langfristig gibt es keine bessere Geldanlage als Dividendenpapiere - man solle nur nicht täglich auf die Kurse schielen. Über die Finanzkrise hinaus lehrt die Börsengeschichte jedoch, dass Kostolany mit seinem stoischen Zutrauen in Anteilscheine keineswegs Recht hatte. Von Japan über die USA bis nach Deutschland gibt es mannigfache Beispiele für Börsen, die 90 Prozent oder mehr verlieren - und erst nach Dekaden ihren alten Höchststand wieder sehen - oder eben nie.

"Heftige Kursturbulenzen und lang anhaltende Abschwünge sind an den Märkten leider keine Ausnahme", sagt der Kieler Vermögensverwalter Eckhard Jess. Anleger dürften sich nie einfach nur zurücklehnen und auf die Renditestärke der Aktie oder einer anderen Anlageklasse bauen. "Wenn man in einen Bärenmarkt gerät, arbeitet die Zeit erbarmungslos gegen einen", sagt Jess. Und rechnet vor: Ein Depot, das 50 Prozent im Minus steht, muss sich verdoppeln, ehe der Besitzer seinen Einsatz zurückhat. Fällt der Wert um 80 Prozent, ist eine Verfünffachung nötig, um das Ausgangsniveau zu erreichen.

Auf eine solche Verfünffachung warten viele Anleger bis heute vergeblich, die ihr Geld Ende der 80er-Jahre in japanische Aktien steckten. Damals galt Nippons Wirtschaft als die modernste der Welt, und der Nikkei-Index stand bei 39.000 Stellen. Das Problem war nur: Die Rallye, die die Notierungen auf dieses Niveau getrieben hatte, war eine Spekulationsblase. 1990 platze sie: Der Index raste ungebremst in die Tiefe und konnte sich erst bei 20.000 Zählern stabilisieren. Doch statt sich dann wie erwartet zu erholen, bröckelte der Nikkei immer weiter ab. In der "verlorenen Dekade" kam der Index stets nur in kurzen Erholungsphasen in die Nähe der 20.000-Punkte-Marke. Zuletzt notierte das Börsenbarometer bei 7500 Zählern. Altersvorsorgesparer, die ihr Geld im Jahr 1979 - lange vor der Bubble - in Mitsubishi & Co. investiert hatten, erzielten in 30 Jahren eine Durchschnittsrendite von kläglichen 0,8 Prozent - weit unterhalb der Inflationsrate.

Verheerend sieht die Bilanz auch in anderen asiatischen Ländern aus. In den 90er-Jahren galten Indonesien, Malaysia, Taiwan und Thailand als zukunftsträchtige Wirtschaftsnationen. Viel ausländisches Kapital, auch von Privatanlegern, strömte an die dortigen Märkte. Hier kam der Crash 1997: Bis Spätsommer des folgenden Jahres sackte der thailändische Index SET zum Beispiel um 80 Prozent ab. Würde der Dax genauso schnell genauso viel verlieren, würden wir ihn im August 2009 bei 1621 Punkten wiederfinden. Noch heute ist der SET weit von seinem Rekordstand aus den Neunzigern entfernt.

Indes haben deutsche Anleger in der Heimat ähnliche Erfahrungen machen müssen: Zu den größten Börsendebakeln aller Zeiten gehört der Nemax-50. Bis knapp unter 10.000 Zähler war der Vorzeige-Index des neuen Marktes im März 2000 in die Höhe geschossen. Ende 2004 wurde das Technologie-Barometer bei 553,53 Punkten eingestellt - ein Minus von 95 Prozent.

"Im Jahr 2000 wie auch 2007 und bei anderen Gelegenheiten hätte die steigende Volatilität eine Warnung sein können", sagt Markus Kaiser, Lenker des ETF-Dachfonds. Oft deuten erhöhte Kursausschläge eine Trendwende an. Die Konsequenz daraus lautet für professionelle Anleger jedoch nicht, ganz auf Aktien zu verzichten, sondern immer nur einen Teil in Dividendenpapiere zu investieren und sich in Euphoriephasen rechtzeitig aus dem Markt zu verabschieden.

Einziger schwacher Trost: Selbst in Bärenmärkten wie den 70er-Jahren konnten Anleger mit gutem Timing bei Zwischenrallyes bis zu 50 Prozent Kursplus machen.