Riskante Wetten

Der Tag, an dem wir unter die Zocker gingen

Reich werden ohne Plackerei. Davon träumen viele. Online-Broker werben sogar mit diesem Versprechen. Zwei Autoren der "Welt am Sonntag" haben ausprobiert, ob es sich einlösen lässt. Mit wenigen Tausend Euro auf einem virtuellen Konto bewegten sie an einem Tag Millionenbeträge an der Börse.

Foto: Reto Klar

Schneller Reichtum mit kleinem Geld. Einmal das ganz große Rad drehen. Das versprechen neuartige Investmentprodukte wie Contracts for Difference. Selbst ein Kleinanleger darf sich dank deren Hebelwirkung wie ein „Trader“ im Handelsraum einer Investmentbank fühlen: Mit einem Einsatz von 10.000 Euro bewegt er am Markt im Handumdrehen eine Million. Gewinne gibt es nicht nur bei steigenden Kursen, sondern auch wenn die Börsen nach unten gehen. Von Daimler-Aktien über Yen bis hin zu Schweinebäuchen lässt sich alles rauf und runter handeln. Das richtige Händchen vorausgesetzt, ist locker eine Verdopplung des eingesetzten Kapitals drin.

Die „Welt am Sonntag“-Autoren Daniel Eckert und Holger Zschäpitz haben einen Selbstversuch in Sachen Reichtum auf Knopfdruck unternommen. An einem Freitag im Oktober zockten sie mit Aktien, Valuten und Rohstoffen um die Wette – immer das Ziel vor Augen, den Markt und den Kontrahenten zu schlagen. Ihr Startkapital: jeweils virtuelle 5000 Euro. Der Handelstag verspricht besonders spannend zu werden: Mit den US-Arbeitsmarktzahlen stehen wichtige Konjunkturdaten an, die das Zeug haben, den Markt kräftig durchzuschütteln. Auch das EU-Referendum der Iren und die Entscheidung über die Olympischen Spiele 2016 haben’s in sich.

Daniel Eckert, 8.45 Uhr: Dank der Fürsorge meines zweijährigen Sohnes bin ich seit sechs Uhr (gefühlt vier Uhr) wach. Die frühen Morgenstunden habe ich genutzt, um mich über das Börsengeschehen in Asien auf den neuesten Stand zu bringen. Die meisten Indizes in Fernost notieren leichter: Solche „schwachen Vorgaben“ aus Fernost ziehen meist sinkende Kurse in Europa nach sich. Um warm zu werden, gehe ich für 100.000 Euro short auf den Deutschen Aktienindex Dax, bei einem vorbörslichen Stand von 5505 Punkten. Geben die Kurse an diesem Freitag nach, werde ich den Dax im Handelsverlauf zu niedrigeren Kursen kaufen, als ich ihn vorab verkauft habe. Die Differenz ist mein Gewinn. In Trader-Sprech heißt das: Ich stelle die Position glatt. Als Sicherheitsleistung oder „Marge“ werden mir von meinem Startkapital 500 Euro belastet.

Holger Zschäpitz, 9.48 Uhr: Zum Einstieg kaufe ich den Bund-Future – eine Art Anti-Dax – für insgesamt 122.600 Euro. Dank der magischen Hebelwirkung der Differenzkontrakte muss ich dafür nur ein Hundertstel des Geldes als Pfand hinterlegen. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz warnt in einem Interview davor, dass die Gefahr einer Deflation keineswegs gebannt sei. Zu schwer angeschlagen ist die Weltwirtschaft durch die Krise. Auch Ben Bernanke macht, für ihn ganz untypisch, auf moll: Auf dem Wirtschaftssender Bloomberg verbreitet der Fed-Chef, künftig werde er angeschlagene Banken pleitegehen lassen. All das spricht dafür, dass der Bund-Future an diesem Tag steigen wird. Denn der bewegt sich im Gleichklang mit den Notierungen deutscher Staatsanleihen, und die steigen, wenn verängstigte Investoren einen sicheren Hafen für ihr Kapital suchen.

Daniel Eckert,10.59 Uhr: Der Handel an der Frankfurter Börse läuft seit zwei Stunden. Trotz der schlechten Vorgaben weigert sich der Dax, unter 5500 Punkte zu fallen. Zuletzt hat er sich sogar auf 5530 Zähler berappelt. Für mich bedeutet das: Verluste, Verluste, Verluste. Mein Depot weist bereits ein Minus von 500 Euro auf. Jetzt heißt es aufs Ganze gehen. Heute ist das Referendum der Iren über den Lissabon-Vertrag. Sagen die Insulaner Nein, könnte das dem Euro einen Dämpfer versetzen. Ich baue eine Spekulation im Volumen von 300.000 Euro gegen die Einheitswährung auf. Klingt nach viel, aber als Sicherheitsleistung muss ich nur läppische 1500 Euro hinterlegen. Bleibt noch etwas übrig, um in Gold zu machen. Bei der Finanzpolitik in Berlin, Paris und Rom kann das Edelmetall nur steigen, und heute früh hat sich der Unzenpreis schon an 1000 Dollar herangepirscht. Ich spüre deutlich, dass mehr drin ist.

Holger Zschäpitz, 11.00 Uhr: Miese Stimmung hin, miese Stimmung her, der Dax will nicht abtauchen. Für mich ein klares Zeichen, dass der Markt nach oben will. Zu 5525 Punkte gehe ich long, mit gut 55.000 Euro bin ich nun an Deutschlands Vorzeigekonzernen beteiligt. Mit jedem Punkt, den das Börsenbarometer zulegt, klingeln zehn Euro in meiner virtuellen Kasse. Nur fünf Minuten später überkommt mich plötzlich ein gewaltiges Sicherheitsbedürfnis, da dem Dax nach einem kurzen Zwischenspurt die Luft ausgeht. Ich klicke auf den Gold-Knopf, ein Klick genügt, und schon bin ich Besitzer einiger Unzen der Krisenwährung. Gerade erst ein kleiner Onkel Dagobert geworden, erfasst mich vollends der Rohstoffrausch. Mit einem weiteren Klick bin ich nun auch Ölbaron: Gerade macht sich der Preis des schwarzen Goldes daran, die 70-Dollar-Marke zu knacken. Für rund 50.000 Euro habe ich mein Depot mit dem Rohstoff geschmiert.

Daniel Eckert, 12.29 Uhr: Es könnte besser laufen. Aus unerfindlichen Gründen will der Dax ebenso wenig fallen wie die Gemeinschaftswährung. Gibt es eigentlich schon Zwischenergebnisse aus Irland? Mit Entsetzen sehe ich, dass dieser Bastard von Markt gegen mich arbeitet und bereits 900 Euro von meinem Kapital abgeknabbert hat.

Holger Zschäpitz, 12.30 Uhr: Der Bund-Future kämpft sich langsam nach oben, während meine Dax-long-Position schwächelt. Meine Frau ruft an und will wissen, ob wir schon reich sind. Ich ziehe es vor, den leichten Verlust von 400 Euro zu verschweigen, und deute vage an, dass es „irgendwie aufwärts“ geht. Nach dem Gespräch überkommt mich die Erkenntnis, dass ein Befreiungsschlag her muss: Ich denke an den Meisterspekulanten George Soros, der mit Devisen-Volten groß geworden ist. Japan steht vor der Pleite, und der Euro ist zuletzt gegenüber dem Dollar zu stark gestiegen. Obwohl ich langfristig schwarz für die US-Währung sehe, decke ich mich mit Dollar-Kontrakten ein und verkaufe gleichzeitig Euro und Yen. Mit meiner Gesamtposition von 360.000 Euro fühle ich mich wie Klein George.

Daniel Eckert, 13.30 Uhr: Mister Market, wie die Angelsachsen die Börse respektvoll nennen, macht immer noch keine Anstalten, seinen Irrtum zu erkennen. Dax und Euro schlagen sich weiter wacker. Ein Blick auf den Bildschirm informiert mich darüber, dass ich jetzt knapp vierstellig hinten liege. Um 14.30 Uhr wird Mister Market sein Starrsinn noch leidtun, denn dann kommen die US-Erwerbslosenzahlen, die die Märkte auf Talfahrt schicken werden. In dieser Gewissheit gehe ich schnell etwas essen.

Holger Zschäpitz, 13.30 Uhr: Meine Währungswetten laufen kolossal gegen mich. An mittägliche Nahrungsaufnahme ist nicht zu denken, ich brauche geistige Nahrung. Kurzerhand rufe ich Hans-Günter Redeker in der Finanzmetropole London an. Der Devisenpapst von der BNP Paribas lacht mich wegen meiner naiven Wette gegen den Yen aus. „Kaufen Sie die japanische Währung“, rät mir das knorrige Finanzgenie aus Ostwestfalen. Kurzerhand drehe ich die Position: Aus dem Mann, der gegen das Land des Lächelns spekuliert, wird mit einem Klick der neue Shogun am Devisenmarkt. Wenigstens an meiner Euro-Wette hat Redeker, der sich sonst nur mit Millionenmandaten abgibt, nichts zu bekritteln.

Daniel Eckert, 14.31 Uhr: Ich bin im Spekulantenhimmel. Gerade sind die Arbeitsmarktzahlen eingetrudelt. Wie von mir erwartet, sind sie „unerwartet schlecht“ ausgefallen und lassen Dax und Euro einbrechen. Auf einmal steht mein Depot nicht mehr bei knapp über 4000 Euro, sondern bei 6900 Euro. Schnell schließe ich einen kleinen Teil meiner Aktien- und Währungspositionen. Das Gros lasse ich laufen, weil ich mit weiteren fetten Gewinnen rechne. Einziger Wermutstropfen ist mein Gold. Mit dem Euro und dem Aktienmarkt ist auch das Edelmetall abgestürzt. Um Schlimmeres zu verhindern, ziehe ich die Reißleine und verkaufe 60 Unzen bei 988 Dollar. Der Verlust daraus bewegt sich im Bereich von zehn Prozent meines Startkapitals, doch die übrigen Gewinne trösten mich über die verlorenen 500 Euro hinweg.

Holger Zschäpitz, 14.31 Uhr: Ich bin ruiniert, denke ich, als die Zahl von 263.000 neuen Arbeitslosen in Amerika über den Ticker huscht. Der Dax sackt um 70 Punkte ab und mein Depot um 700 Euro. Mit meiner Aktienposition liege ich jetzt 1000 Euro im Minus. Aber, o Wunder: Mein Depot notiert trotzdem im Plus, dank Redekers mirakulöser Yen-Wette. Man braucht eben auch ein gutes Research.

Holger Zschäpitz, 15.12 Uhr: Trotz des Yen-Mirakels liege ich hoffnungslos zurück. Ich setze alles auf eine Karte und kaufe jetzt – bei einem Kurs von 5458 Stellen – noch mal Dax-Kontrakte. Für jeden Punkt, den der Dax zulegt, kassiere ich nun 20 Euro. Mein Öl, dem die US-Daten nicht bekommen sind, habe ich inzwischen mit einem schmerzlichen Verlust von 260 Euro aus dem Depot gekegelt.

Daniel Eckert, 15.38 Uhr: Obwohl meine Kursgewinne seit halb drei etwas geschrumpft sind, liegt mein Depot noch klar über 6000 Euro. Es wird Zeit, neues Terrain zu betreten: Heute wird über den Austragungsort der Olympischen Spiele 2016 entschieden. Ich habe das sichere Gefühl, dass Rio de Janeiro zum Zuge kommt. Also decke ich mich für gut 100.000 Euro mit ein paar brasilianischen Aktien ein. Macht Rio das Rennen, müssten die Papiere vor Freude einen Sprung nach oben machen, freue ich mich über meine unbezwingbare Logik.

Holger Zschäpitz, 16.40 Uhr: Meine aus Verzweiflung gekaufte Aktienposition ist mittlerweile meilenweit im Plus. Der Dax steht bei exakt 5500 Punkten. Ich entschließe mich, die Kontrakte etappenweise zu verkaufen. (Hätte ich bloß auf einen Schlag alles glattgestellt, werde ich später noch fluchen.)

Daniel Eckert, 16.40: Da der Dax nicht weiter fallen will, drehe ich meine Position: Vielleicht geht er doch noch über die „Fünffünf“. Ich mutiere mit zwei Klicks vom Baissier zum Haussier. Und weil es so schön ist, lege ich gleich noch ein Nasdaq-Long obendrauf. Währenddessen arbeitet der Euro beharrlich gegen mich: Aus der Schwäche vom Vormittag ist unerklärlicherweise eine Stärke geworden. Das wird teuer. Meine Gewinne werden dadurch fast ebenso schnell aufgezehrt, wie sie gekommen sind. Jetzt richten sich meine Hoffnungen auf eine Schlussrallye im Dax und die Brasilien-Fete.

Holger Zschäpitz, 19.00 Uhr: Wochenende! Ich schließe alle meine Positionen und stelle befriedigt fest, dass mein Kontostand – „Redi“ sei Dank – 5585,12 Euro beträgt. Würde ich es jeden Tag auf elf Prozent Rendite bringen, hätte ich die 5000 Euro in einem Jahr in ein Vermögen von 31 Billionen Euro verwandelt. Bill Gates nennt gerade einmal ein Fünfhundertstel davon sein Eigen. (Ob der CFD-Anbieter das auszahlen kann?) In der Erwartung, damit meine geliebte Ehefrau und beide Söhne zu beeindrucken, radle ich nach Hause.

Daniel Eckert, 22.00 Uhr: Triumph! Rio ist tatsächlich zum Austragungsort von Olympia 2016 gekürt worden. Aber meine brasilianischen Aktien sind nur mäßig gestiegen, und die Kursgewinne reichen bei Weitem nicht aus, um die tantalischen Verluste durch die übrigen verfehlten Spekulationen auszugleichen. Die kurz vor Handelsschluss georderten Dax-long-Positionen haben sich bitter gerächt, am Ende schloss der Index bei 5468 Punkten. Ein letzter Blick auf mein Depot offenbart einen kläglichen Stand von 4518,60 Euro. Mit der Verlustgeschwindigkeit wäre ich in weiteren neun Handelstagen pleite. Spekulation lohnt sich eben nicht.