Medizinprodukt

Tesafilm gibt es bald auch zum Schlucken

Die Traditionsfirma Tesa steht mit dem Rücken zur Wand. Das Geschäft mit dem Klebeband schwächelt, vor allem wegen den Folgen der Finanzkrise. Nun wird händeringend ein neuer Umsatzbringer gesucht. Den glaubt das Management jetzt im Medizinbereich gefunden zu haben.

Foto: tesa

Wer bei Tesa in Hamburg Schnupfen oder Husten hat, muss sich sofort beim Chef melden. Dabei geht es Ralf Hirsch nicht nur um die Gesundheit seiner Mitarbeiter, sondern vor allem darum, seine Produkte zu schützen. „Wenn einer meiner Mitarbeiter stark niesen oder husten muss, kann ich ihn nicht in die Reinraumanlage hineinlassen“, sagt der Tesa-Manager. Auch aus Sicht des Unternehmens ist die Vorsichtsmaßnahme nötig, denn Hirsch und Kollegen arbeiten an der wichtigsten Investition des Klebeband-Herstellers: einer neuartigen Fertigung medizinischer Pflaster und Folien. Schon im kommenden Jahr soll der erste Tesafilm zum Schlucken serienmäßig vom Band laufen.

Tests mit Musterprodukten laufen schon. Im Frühjahr 2010 wird Hirschs Truppe dann das weltweit erste rezeptpflichtige Medikament auf einer Folie herstellen. Der durchsichtige Streifen wird auf die Zunge gelegt und löst sich dort auf. Fachleute sprechen von „oralen Filmen“. Erste Tesa-Medizin ist das Mittel „Ondansetron“ eines amerikanischen Pharmakonzerns. Es lindert Brechreiz bei Patienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen müssen.

Der erste Rundgang durch das 20-Milllionen-Euro-Projekt beginnt mit einer Verkleidung. „Die Luft in der Reinraumanlage ist 1000 Mal sauberer als im Gebirge – und dort ist sie schon sauber“, erklärt Hirsch den Aufwand. Also Spezialschuhe anziehen, Overall überstreifen und Plastikhaube aufsetzen. Im Reinraum stellt er zunächst die Apotheker vor. Sie wiegen Pharma-Substanzen ab und schreiben Werte in Notizbücher.

„Der größte Unterschied zu unserer bisherigen Fertigung ist die Dokumentation“, sagt Ingenieur Hirsch. Alles muss nachvollziehbar und rückverfolgbar sein. Denn zumindest theoretisch könnte ein Patient gegen den Pharmahersteller dessen Lieferanten Tesa klagen, wenn es Probleme mit einem Präparat gibt. Das ist Neuland für Tesa – Klebeband reißt vielleicht einmal, aber damit riskiert der Konzern nicht gleich eine Millionen-Klage. Dass Tesa die Zulassung der Gesundheitsbehörden bekommen hat, gilt auch deswegen als Meilenstein im eigenen Haus und in der Industrie.

Die Geschichte des Tesafilms zum Schlucken beginnt im vergangenen Frühjahr, als Tesa für 20 Millionen Euro die kleine Firma Labtec aus dem Rheinland kauft. Labtec entwickelt mit 30 Mitarbeitern „beschichtete Therapiesysteme“: Pflaster, die Medikamente enthalten und den Wirkstoff über die Haut in das Blut des Patienten abgeben. Dafür kommen viele Wirkstoffe infrage, etwa Schmerzmittel, Parkinson-Behandlung oder Hormonpräparate. Im Unterschied zu Tabletten lässt die Methode eine genauere Dosierung zu und kann Nebenwirkungen verringern. Die Medizin wird gleichmäßiger über die Zeit verteilt, die Verdauungsorgane weniger belastet. Außerdem kann sich der Patient die Medizinpflaster überall hinkleben: auf die Schulter, den Bauch oder anderswo.

Der schwierigste Teil der Neuentwicklung ist die Klebmasse, in die das Medikament gemischt wird. Sie muss die Anforderungen der Mediziner exakt erfüllen. Ähnlich genau muss die Fertigung von Diagnosestreifen für die Blutzucker-Bestimmung ablaufen. Damit hat Tesa schon Erfahrungen, denn im Diabetiker-Geschäft ist der Konzern bereits aktiv.

Tesa-Chef Thomas Schlegel ist davon überzeugt, dass die Zukunft seines Unternehmens in der Medizintechnik liegt. „Diese Technologie kann nicht morgen früh von irgendeinem anderen Hersteller ausgetauscht werden“, sagt er. Weltweit arbeiteten lediglich drei Firmen in dem Bereich.

Schlegel weiß, dass sich seine Marke wandeln muss. Tesa steht zwar für den Klebestreifen schlechthin, doch von dem Traditionsprodukt kann der Konzern nicht mehr leben. Wesentlich mehr verdient er an seinen Industriekunden – dort sind zweistellige Vorsteuerrenditen drin, während Tesa mit Privatkunden nur niedrige einstellige Margen erzielt. „Solch eine Veränderung bei einem Markenunternehmen klappt meist nur, wenn es von Technikern geleitet wird. Diese Firmen müssen wirklich innovativ sein und dürfen nicht von Finanzmanagern gesteuert werden“, sagt Markenexperte Franz Maximilian Schmid-Preissler. Dann aber nehme der Kunde dem Markennamen den Wandel ab. „Wer früher einmal mit Tesa in Verbindung gekommen ist, dem haftet das Image des vertrauensvollen Anbieters auch später noch an“, sagt Unternehmensberater Schmid-Preissler.

Das, was den Wandel bringen soll, zieht sich in der neuen Tesa-Fabrik durch die ganze Halle. Durchsichtige Folien laufen an mehreren Rollen vorbei durch Maschinen, in denen sie mit der Mischung aus Medizin und Klebemasse beschichtet werden. Danach geht es in eine mehr als zehn Meter lange Trocknungsanlage. Heraus kommt eine Folienrolle, die anschließend in Portionshäppchen von ein paar Quadratzentimetern zerschnitten wird. Dieses Stückchen Plastik sollen sich Patienten in den Mund legen. Tesa verspricht sich viel davon: Der Weltmarkt für medizinische Pflaster soll rund eine Milliarde Euro groß sein. Anfangs fünf Prozent davon will der Konzern für sich erobern. In der Testanlage sind 20 neue Arbeitsplätze entstanden, weitere sollen folgen.

Tesa kann die Zuversicht gut gebrauchen, denn die Tochtergesellschaft des Dax-Konzerns Beiersdorf hängt bisher vor allem von Branchen ab, denen es in der Krise schlecht geht. Rund ein Fünftel des Geschäfts macht Tesa mit der Autoindustrie, ähnlich viel mit der Elektronikbranche. Kaum ein Kabelbaum im Auto oder ein Handy-Display kommt heute ohne Tesa-Folie aus. Auch die angeschlagene Druckindustrie zählt zu den großen Kunden. Der Umsatzrückgang bei Tesa wird daher in diesem Jahr im zweistelligen Prozentbereich liegen. Der Gewinn vor Steuern rutscht von 88 Millionen Euro auf unter 20 Millionen Euro ab, die Umsatzrendite sinkt von gut zehn auf höchstens zwei Prozent.

Die Konsequenzen sind hart: Tesa-Chef Schlegel gibt das Werk in Harrislee bei Flensburg an einen Investor ab und sucht Käufer für die Logistikstandorte Offenburg und Stuttgart. Bis Ende 2010 streicht er rund 500 Stellen. Dann wird der Konzern statt zuvor gut 4100 weniger als 3700 Beschäftigte haben. Außerdem verzichten die Mitarbeiter auf zehn Prozent ihrer Gehälter – zumindest in diesem Jahr. „Noch ist nicht entschieden, wie das im nächsten Jahr aussieht“, sagt Schlegel. „Aber wir wollen diese Maßnahme zurückfahren“ Er ist froh, dass zumindest das Geschäft mit Verbrauchern in der Krise nicht eingebrochen ist. „Das hat uns stabilisiert“, sagt er. Tesafilm oder Tesakrepp halten die Firma zusammen, auch wenn das Geschäft nur noch ein Viertel des Umsatzes ausmacht.

Neben dem Medizingeschäft setzt Schlegel auf die Nähe zu seinen Industriekunden. So stellt der Konzern Klebebänder in der Nähe von Shanghai her und verkauft sie mit zweistelligen Zuwachsraten an die chinesische Elektronik- und Autoindustrie. Auch Laptops und Digitalkameras aus China enthalten Klebefolien von Tesa. „In den vergangenen drei Monaten ist China unsere stärkste Wachstumsregion im Konzern.“, sagt Schlegel. Ähnlich will er in Indien vorgehen, auch für Osteuropa hat er Expansionspläne.

Auch klassische Klebe-Anwendungen entwickelt Tesa weiter. Derzeit arbeiten Schlegels Ingeniere unter anderem an neuartigen doppelseitigen Klebebändern, die Schlagbohrer und Schrauben ersetzen sollen. „Mit neuen Klebebeschichtungen kann zum Beispiel ein Briefkasten an einer Hauswand befestigt werden, und der fällt dann auch bei Wind und Regenwetter nicht wieder ab“, verspricht der Tesa-Chef. Für rund 40 Millionen Euro baut der Konzern eine Fertigungsanlage, die Klebeband von beiden Seiten und mit unterschiedlichen Klebemassen beschichten kann. Wird zum Beispiel eine Wandverkleidung an eine Hausmauer geklebt, muss das Band einerseits an einer rauen Wandoberfläche haften und andererseits an der glatten Innenseite der Verschalung. Erste Produkte sollen Ende 2010 herauskommen.

Im Reinraum in Hamburg sind die Entwickler schon weiter. Bei einer konstanten Temperatur zwischen 17 und 24 Grad Celsius arbeiten zwei Kollegen von Tesa-Manager Hirsch an einem „Wiegeprotokoll“. „Hier herrscht das Vier-Augen-Prinzip“, sagt Hirsch. Zusätzlich dokumentieren Kameras die Produktion. Es darf eben nichts schief gehen, wenn die ersten Tesafilme zum Schlucken Frühjahr die Werkstore verlassen.