Vor Verbot

Die Deutschen hamstern massenweise Glühbirnen

Das Glühbirnenverbot der EU hat einen paradoxen Effekt: Aus Angst, nach dem 1. September in kaltem Energiespar-Licht leben zu müssen, stürmen die Deutschen die Baumärkte und kaufen mehr Glühbirnen als je zuvor. Praktiker, Hornbach, Obi und Co. verzeichnen Rekorderlöse. Dabei gründet der Kaufrausch auf einem Irrtum.

Foto: picture-alliance/ dpa / dpa

Im Baumarkt an der Auffahrt zur A7 haben sie schon das volle Programm aufgefahren: Kerzen, Birnen, Röhrchen, Spiralen – ein meterlanges Spalier nagelneuer Energiesparlampen. Flankiert wird die Phalanx von ebenfalls neu ins Sortiment genommenen Halogenleuchten. Dazwischen erklären interaktive Schiebeelemente den jeweiligen Stromspareffekt. Draußen ist es grau, hier drinnen ziemlich grell.

Der Marktleiter des Max Bahr-Baumarktes in Hamburg-Stellingen muss sich nicht vorwerfen lassen, dass er nicht vorbereitet wäre auf das Glühbirnenverbot. Am 1. September tritt schließlich die erste Stufe der EU-Richtlinie in Kraft, nach der Leuchten mit einem gewöhnlichen Glühdraht nach und nach aus dem Handel verschwinden werden. Ersetzt werden sollen die Klimakiller durch sparsame Leuchtstofflampen.

Dennoch lässt die Kundin, die in diesem Moment in die Lampenabteilung eilt, nur einen kurzen Blick über die versammelte Innovationskraft der Lampenindustrie schweifen. Dann bückt sie sich und greift beherzt nach den Mehrfachpacks im untersten Regal: Vier mal 100 Watt, vier mal 75 in Mattweiß – schnell türmt sich ein ganzer Berg von Birnenschachteln auf ihrem Arm. „Ich habe Probleme mit den Augen“, sagt die Mittvierzigerin beinahe entschuldigend. „Ich kann in diesem Energiesparlicht einfach nicht lesen.“

Die Frau ist Teil einer Massenbewegung. Zu Hunderttausenden strömen deutsche Verbraucher in diesen Wochen in die Baumärkte und Elektroläden, um sich noch schnell mit Glühbirnen einzudecken. Sie hamstern dabei besonders jene Modelle, die als erstes verschwinden sollen: matte Birnen und Lampen mit einer Leistung von 100 Watt aufwärts.

„Das ist unglaublich! In unseren Märkten im Großraum Hamburg stieg der Absatz von 100-Watt-Birnen im ersten Halbjahr um 337 Prozent“, sagt Max-Bahr-Sprecherin Simone Naujoks Morgenpost Online. Besonders gefragt seien große Vorratspackungen. Die umweltzertifizierte Kette habe ihre Leuchtenabteilungen extra umgebaut und aufs Energiesparen ausgerichtet. Doch die Kunden wollen offenbar etwas anderes. Sie decken sich im großen Stil mit den alten Klimakillern ein, die es bald nicht mehr geben soll.

Bei der Konkurrenz sieht es nicht anders aus. Die Baumarktkette Hornbach berichtet von deutlich gestiegenen Umsätzen mit Glühlampen aller Wattstärken. Konkurrent Obi beobachtet ebenfalls „eindeutige Hamsterkäufe“ der Lampen, die von der ersten Stufe des Verbotes betroffen sind. Besonders stark seien die Mengenverlagerungen bei den matten Birnen, die in diesem Jahr vom Markt verschwinden sollen. Lieferschwierigkeiten gebe es deshalb aber nicht.

Offenbar haben die Baumarktketten die Hamstermentalität ihrer Klientel richtig eingeschätzt und sich gut bevorratet. „Wir haben uns rechtzeitig eingedeckt“, bestätigt Harald Günter von Praktiker. Die Kette hat aus der Not eine Tugend gemacht, beziehungsweise aus dem Verbot ein gutes Geschäft. Angesichts der Torschlusspanik der Glühbirnenverehrer brachte Praktiker als Aktionsware matte Sechziger-Lampen im Zehnerpack für 1,49 Euro in die Märkte. Die werden dem Händler nun laut Günter „massenhaft aus der Hand gerissen“.

Die Nachfrage nach dem lieb gewonnenen Leuchtobjekt steigt von Monat zu Monat und scheint nach oben keine Grenzen zu kennen. Im ersten Halbjahr verkaufte Praktiker in Deutschland 150 bis 180 Prozent mehr 100-Watt- und matte Birnen als im Vorjahreszeitraum. An einigen Standorten habe sich der Absatz gar verfünffacht.

Die Verehrung der Glühbirne scheint vor allem ein deutsches Phänomen zu sein, wie die Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung nahe legen. Während hierzulande der Gesamtabsatz von Glühlampen im ersten Quartal um 17 Prozent anstieg, sank er bei den Nachbarn im selben Zeitraum: in Frankreich um 8,6 Prozent, in Großbritannien um 22,5 und in den Niederlanden sogar um 34,5 Prozent.

In Deutschland dagegen ist der Handel schon jetzt der große Gewinner der EU-Richtlinie. Denn er verdient am Birnenverbot gleich doppelt: Zum einen lassen die neuen Energiesparlampen die Kassen klingeln. Sie sollen zwar länger halten, sind aber zunächst wesentlich teurer und steigern dadurch die Umsätze. Zugleich wurde der Allerweltsgegenstand Glühbirne in den Augen vieler Kunden durch das Verbot schlagartig zu einem limitierten Sammlerobjekt.

Dabei liegt den Hamsterkäufen wohl auch der verbreitete Irrglaube zugrunde, dass die alten Leuchtmittel ab September tatsächlich aus den Läden verschwinden. In Wirklichkeit dürfte es allerdings noch lange dauern, bis die letzte Glühbirne aus dem Handel verschwunden ist. Denn das „Verbot“ besagt zunächst nur, dass die Lampen in der EU nicht mehr „in Verkehr gebracht“ werden dürfen, bestätigt ein Sprecher des Bundesumweltministeriums. Das bedeutet, dass Hersteller die Produkte nicht mehr in den Handel bringen dürfen. Die vielen Millionen von Birnen, die Baumarkt- und Elektroketten noch in ihren Lagern horten oder in diesen Tagen noch für die dunklen Tage nachordern, dürfen hingegen solange weiter verkauft werden, wie der Vorrat reicht. Bis zur letzten Lampe.